Spuren des Bergbaus: Habichtswald ist löchrig wie Schweizer Käse

Gruppenbild mit Zeche: Diese Aufnahme der Braunkohlengrube der Zeche Marie entstand 1893 und befindet sich heute im Besitz des Kasseler Stadtmuseums. Foto: Andreas Becker / Repro: Fischer/nh

Kassel. Die Gummistiefel sinken tief in den nassen, aufgeworfenen Boden. Hier wurden erst kürzlich tiefe Einbrüche mit zehn Lkw-Ladungen Erde aufgefüllt. Über vier Jahrzehnte nach der letzten Braunkohleförderung im Habichtswald treten immer wieder solche Einbrüche wie hier auf dem Hohen Gras auf, sagt der Leiter des Forstreviers Habichtswald, Wolfgang Schmidt.

Er und seine Mitarbeiter haben ein waches Auge auf solche Veränderungen.

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Ein paar Meter weiter, am Rande des Abhangs oberhalb der Skipiste, tun sich zwischen fast mannshohem Gestrüpp tiefe Gräben auf. Mindestens zehn Meter geht es an einigen Stellen in die Tiefe. Spaziergänger und selbst Pilzsucher werden sich hierhin normalerweise nicht verirren. Hoffentlich auch nicht im Winter, wenn der Boden mit Schnee bedeckt ist und solche Löcher und Risse nicht mehr zu sehen wären. Auch deshalb sollten Besucher des Habichtswaldes auf den Wegen bleiben, betont Wolfgang Schmidt.

Zugang zum Schlüsselstollen: Unterhalb des Herbsthäuschens sind die Mundlöcher sichtbar. Eines war für die Einfahrt der Bergleute, eins für die Kohleausfuhr und eins für die Entwässerung.

Als langjähriger zuständiger Revierförster hat er sich intensiv mit dem Verlauf der Stollen und der geologischen Beschaffenheit beschäftigt. Die Folgen des Bergbaus im Habichtswald bereiten ihm oft genug Kopfzerbrechen. Zumal die alten Stützbalken der Stollen mehr und mehr verrotten und nachgeben.

So hat sich der Parkplatz Roter Stollen an einer Stelle abgesenkt. Hier befand sich einst - ganz in der Nähe des Eingangs der früheren gleichnamigen Zeche - die Verladestation, an der die Kohle in die Güterwagen der ehemaligen Herkulesbahn verfrachtet wurde.

Kluft an der Haltestelle

Selbst in der Ehlener Straße, die von Kassel nach Habichtswald und zum Herkules führt, sei im vergangenen Jahr in Höhe der Bushaltestelle Am Ziegenkopf ein Loch aufgetreten. Auf beiden Seiten der Straße hatten sich hier in den 1990er-Jahren schon einmal tiefe Klüfte aufgetan. Rund 40 000 Euro habe es damals gekostet, diese Einbrüche aufzufüllen. In diesem Fall ging dies nicht zulasten der Forstbehörde.

Bei solchen Folgeschäden durch den Bergbau müssen zunächst die Rechtsansprüche geklärt werden. Mitte der 1960er-Jahre hatte sich der Borkener Kraftwerksbetreiber Preußen Elektra alle Rechte am Abbau im Habichtswald gesichert, heute gehört dieser zum Energiekonzern Eon, der nun bei solchen Folgeschäden oft auch Ansprechpartner ist.

Glücklicherweise ist im Habichtswald bisher durch solche Nachwirkungen des Bergbaus kein Mensch zu Schaden gekommen. Lediglich ein Schlepper versank auf der Jungviehweide zwischen Herkules und Silbersee in einem zwei Meter tiefen Erdeinbruch, erinnert sich Schmidt.

Zeugnisse des Bergbaus machen Habichtswald-Besuche aber auch in der Gegenwart interessant. So entdeckt man alte Zechen-Eingänge oder den Aschgraben, in dem das aus der ehemaligen Zeche Herkules fließende Wasser stetig zum Aschsee geleitet wird. Es sprudelt schließlich bei den Wasserspielen mit.

Von Martina Heise-Thonicke

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