Zwei junge Kasseler schildern, wie sie das Drama auf der Loveparade erlebten

Zwei junge Kasseler schildern, wie sie das Drama auf der Loveparade erlebten

Kassel/Duisburg. Die 25-jährige Klara Schween versuchte, nicht nach rechts und links zu blicken. „Ich bin da mit einem Tunnelblick durchgelaufen.“ Rechts und links von der Studentin lagen die „notdürftig abgedeckten“ Toten. Überall waren Verletzte.

Es sind Bilder, die sie immer noch vor Augen hat. Jede Nacht träumt die 25-Jährige, die aus Kassel stammt und in Köln Sportwissenschaften studiert, von der Loveparade in Duisburg. Dabei hatte Klara Schween noch großes Glück. Als am Samstagnachmittag gegen 17 Uhr die Massenpanik ausbrach, befand sie sich mit zwei Freunden bereits auf dem Gelände der Love-Parade. Die Studentin war gegen 14.30 Uhr durch den Tunnel gegangen, an dem sich zweieinhalb Stunden später das tragische Unglück, das 21 Menschenleben forderte, ereignete. „Das war schon ein komisches Gefühl, auch wenn ich mich noch frei bewegen konnte“, beschreibt sie den Gang durch den Tunnel. Einige Leute hätten ihre Ellenbogen eingesetzt, um besser vorwärts zu kommen.

Eltern angerufen

Klara Schween

Auf dem Festgelände bekam die 25-Jährige von der tödlichen Panik am Ein- und Ausgang nichts mit. Sie wurde aber bereits kurz danach von einem Freund angerufen, der sie über die schreckliche Nachricht informierte. Klara Schween rief sofort ihre Eltern in Kassel an, um ihnen mitzuteilen, dass es ihr gut gehe. „Danach brach das Handy- netz zusammen.“

Als der 19-jährige Alexander Speck gegen 19 Uhr sein Handy wieder anstellte, hatte er 20 Anrufe in Abwesenheit. Eltern und Freunde hatten seit Stunden versucht, den jungen Mann zu erreichen. Entsprechend groß war die Erleichterung, als sich der Schüler, der mit sieben Freunden die Love-Parade besucht hatte, endlich zu Hause in Kassel meldete.

Hatte 20 Anrufe in Abwesenheit: Familie und Freunde von Alexander Speck versuchten, den 19-Jährigen auf der Love-Parade zu erreichen.

Zwischen 15 und 16 Uhr war der 19-Jährige durch den Tunnel gegangen. „Vereinzelt haben da schon Leute Panik verbreitet.“ Einige hätten geschrieen, geschubst, ein Besucher habe einem anderen sogar mit der Faust ins Gesicht geschlagen, um sich Platz zu verschaffen.

Alexander Speck kann nicht nachvollziehen, wie jemand genehmigen konnte, dass der Tunnel sowohl als Ein- als auch als Ausgang benutzt wurde. „Es war ein Fehler, dass nicht mehr Leute auf das Gelände gelassen wurden. Wir hatten noch massig Platz. Da hätte man aufmachen müssen.“ Verantwortlich für das Unglück seien die Stadt Duisburg, der Veranstalter und die Polizei. Die Ordnungshüter seien ihm „sehr verloren“ vorgekommen. Als er vor zwei Jahren bei der Love-Parade in Dortmund war, sei die Polizei selbstsicherer gewesen. „Die wussten, was sie taten. Das war in Duisburg nicht der Fall.“

Erst nachdem Klara Schween mit ihren Freunden den Tunnel wieder verlassen hatte, wurde ihr bewusst, was gerade geschehen war. „Ich versuche mir vorzustellen, wie es für die Menschen war, die in Todesangst auf der Erde lagen.“ Diese Gedanken gehen ihr immer wieder durch den Kopf. Verstehen kann sie das alles nicht. „Das ist für mich unbegreiflich.“

Klara Schween überlegt, ob sie am Samstag mit ihren Freunden zur Trauerfeier nach Duisburg fährt.

Von Ulrike Pflüger-Scherb

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