Mordfall Lübcke

Stephan Ernst - Getrieben von Hass

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Kassel: Mordfall Lübcke - Anklage gegen Stephan Ernst

Der mutmaßliche Lübcke-Mörder Stephan Ernst war nie der „abgekühlte“ Rechtsextremist, für den ihn die Behörden hielten. Das Psychogramm eines Neonazis.

  • Anklage gegen Stephan Ernst
  • Mord an Regierungspräsidenten Lübcke in Kassel
  • Außerdem zwei andere Mordanschläge

Kassel/Istha – Fast 400 000 Mal wurde das Video angeklickt, in dem der Kasseler Regierungspräsident Walter Lübcke und sein mutmaßlicher Mörder Stephan Ernst zu hören sind. Es zeigt die Bürgerversammlung im Oktober 2015 in Lohfelden (Kreis Kassel), auf der rechte Flüchtlingsgegner immer wieder „Scheiß Staat!“ rufen. Irgendwann sagt der CDU-Politiker, wer die Werte dieses Staates nicht vertrete, „der kann jederzeit dieses Land verlassen“. Daraufhin brüllt Ernst: „Verschwinde!“

Von diesem Moment, so hat es der Neonazi den Ermittlern gesagt, sei sein Hass auf Lübcke immer größer geworden. Nachdem er die Adresse des Politikers ausfindig gemacht hatte, habe er zu seinem Freund Markus H. gesagt: „Vielleicht kann man da mal was machen.“

Mordfall Lübcke: Stephan Ernst erschoss den Regierungspräsidenten

Fast vier Jahre nach der Versammlung soll Ernst den Regierungspräsidenten auf dessen Terrasse in Wolfhagen-Istha (Kreis Kassel) aus zwei Metern Entfernung erschossen haben. So steht es in der Anklage der Bundesanwaltschaft. Dafür sprechen unter anderem zwei Hautschuppen von Ernst, die auf Lübckes Hemd gefunden wurden, sowie Schmauchspuren am Lenkrad seines VW Caddys.

Sein erstes Geständnis nahm der heute 46-Jährige später zurück und ersetzte es durch eine zweite Version. In der beschuldigte er seinen Kumpel Markus H., der sich nun wegen Beihilfe zum Mord verantworten muss. Juristen halten Ernsts zweites Geständnis für unglaubwürdig. Ihm droht eine lebenslange Freiheitsstrafe mit anschließender Sicherungsverwahrung.

Mordfall Lübcke in Kassel: Stephan Ernst als Familienvater

Dabei war er für seine Nachbarn im Stadtteil Forstfeld (Kreis Kassel) bis vorigen Sommer ein ganz normaler Familienvater – mit zwei Kindern, viel Grün und einem Kaninchenstall im Garten. Mit seinem Sohn übte er im Schützenclub Sandershausen Bogenschießen, selbst am Tag nach dem Mord an Lübcke. Weitere 24 Stunden später mähte er auf dem Vereinsgelände Rasen. Keinem Club-Kollegen war er jemals politisch aufgefallen.

Doch Ernst war kein „abgekühlter“ Rechtsextremist, für den ihn die Behörden hielten. Noch 2009 hatte ihn der hessische Verfassungsschutz als „brandgefährlich“ beschrieben. Doch obwohl er strafrechtlich nicht mehr auffiel: Seine Ideologie hat er nie abgelegt. Schon in seiner südhessischen Heimat war Ernst aufgefallen. Mit 20 verübte er einen Anschlag auf eine Asylbewerberunterkunft in Bad Schwalbach. In einer Bahnhofstoilette stach er auf einen türkischen Imam ein.

Kassel - Mordfall Lübcke: Stephan Ernst arbeitete als Banktechnikhersteller

Nach einer Haftstrafe zieht Ernst 1999 nach Nordhessen, wo der Mann, der Ausbildungen zum Maurer und zum Holzmechaniker abbrach, später eine Stelle bei einem Bahntechnikhersteller bekommt. In seiner neuen Heimat ist er erst in der NPD aktiv – bis man ihn wegen nicht bezahlter Beiträge rausschmeißt. Vor allem aber ist er mit anderen Rechtsextremisten auf der Straße in Kassel aktiv. 2009 erhält er nach einem Angriff auf Gewerkschafter in Dortmund eine siebenmonatige Bewährungsstrafe. Es ist bereits Ernsts 39. Verfahren.

Von da an spielt er den braven Familienvater. Die Dossiers, die er in den Nullerjahren über Juden, linke Politiker und Journalisten anlegt, vernichtet er jedoch nicht. Nach seiner Festnahme werden Daten mit 60 Namen und Institutionen gefunden.

Kassel - Mordfall Lübcke: Stephan Ernst und Markus H. 

Auch wenn er mit Arbeitskollegen nicht über Politik redet – mit Markus H. hat er einen Gleichgesinnten gefunden, der nun auch in Ernsts Firma arbeitetet. Als „Professor Moriatti“ hetzt der heute 44-Jährige im Netz. Mit Waffen hantieren beide im Schützenverein SSG Germania Cassel. Auch AfD-Veranstaltungen besuchen sie gemeinsam. Die Ex-Freundin von Markus H. beschreibt ihren ehemaligen Partner als Denker, während dessen Kumpel der Macher gewesen sei.

So soll Ernst laut Ermittlern am 6. Januar 2016 im Industriegebiet Lohfelden einem irakischen Flüchtling ein Messer in den Rücken gerammt haben. Der damals 22-Jährige überlebt schwer verletzt. Als Täter rückt Ernst erst nach seiner Festnahme wegen des Lübcke-Mords in den Fokus. An einem Klappmesser aus seinem Haushalt finden Ermittler DNA-Spuren des Opfers.

Mordfall Lübcke in Kassel: Stephan Ernst für dritte Tat verantwortlich?

Auch deswegen ist Ernst nun angeklagt. Er könnte sogar für eine dritte Tat verantwortlich sein. Bereits im Februar 2003 war ein linker Geschichtslehrer nur knapp einem Anschlag entgangen. Ermittler entsorgten jedoch die Kugel, die dem Pädagogen damals fast das Leben gekostet hätte.

Es ist nicht die einzige Panne. Der SPD-Landtagsabgeordnete Günter Rudolph etwa kann nicht verstehen, wie Ernst und Markus H. aus dem Radar des Verfassungsschutzes verschwinden konnten. Für Hermann Schaus von der Linken ist klar, dass das Duo „diverse Bezüge“ zum Nationalsozialistischen Untergrund (NSU) hatte.

Ernsts Anwalt Frank Hannig sagte hingegen gestern in einem Youtube-Video: „Die Wahrheit muss nicht unbedingt die simple auf dem Tablett liegende Geschichte sein. Die Wahrheit ist vielleicht deutlich komplizierter.“ Über die Wahrheit im Mordfall Lübcke wird bald vor dem Oberlandesgericht Frankfurt verhandelt.

VON MATTHIAS LOHR

Vor etwa einem Jahr wurde der Regierungspräsident Walter Lübcke auf seiner Terrasse in Kassel erschossen. Nun hat die Bundesanwaltschaft Anklage erhoben.

Bundesjustizminsterin Christine Lambrecht spricht bezüglich des Mords an Walter Lübcke von einer „Zäsur“. Die Tat zielte laut der CDU-Politikerin auf die ganze Gesellschaft.

Am 02.06.2019 wurde Kassels Regierungspräsident Walter Lübcke in seinem Wohnort bei Kassel ermordet. Eine Plakat-Aktion soll nun an Lübcke und den Mord erinnern.

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