Prozess nach Bluttat

Lübcke-Prozess in Frankfurt: Das lange Warten in der Nacht

Lübcke-Prozess in Frankfurt: Journalisten kampieren vor Gericht
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Eingang Konrad-Adenauer-Straße: Die Polizei sicherte den Zugang und die umliegenden Straßen ab.

In Frankfurt hat der Prozess im Mordfall Walter Lübcke begonnen. Zu Zeiten der Corona-Krise läuft auch für die interessierten Journalisten einiges anders.

Frankfurt – Für einige Mitarbeiter einer Sicherheitsfirma beginnt der Prozess gegen den mutmaßlichen Mörder von Walter Lübcke bereits am Montag um 20 Uhr. Da stellen sich die Männer vor den Eingang des Oberlandesgerichts in der Konrad-Adenauer-Straße in Frankfurt.

Weil es für 70 akkreditierte Medienvertreter nur 19 Plätze im Saal 165 C gibt, wurde der Sicherheitsdienst von Journalisten angemietet. Jeder bekommt 20 Euro die Stunde, damit er den Berichterstattern bis zum nächsten Morgen einen Platz freihält. Macht pro Kopf mindestens 200 Euro.

Die Männer machen den Anfang, die Schlange wird schnell länger. Die Sorge unter den Journalisten ist groß, keinen Platz mehr zu bekommen, selbst langjährige Gerichtsreporter wie Annette Ramelsberger von der „Süddeutschen Zeitung“ haben so etwas noch nicht erlebt. Auch sie reiht sich bei Nieselregen ein – um halb elf, nachdem sie sich eine Kiste als Sitzgelegenheit organisiert hat. Später wird sie sich von einer jungen Kollegin vertreten lassen, damit sie noch ein bisschen Schlaf bekommt.

Lübcke-Prozess in Frankfurt: 22 Uhr - Das Warten beginnt

Die HNA ist um 22 Uhr vor Ort und erkämpft sich damit Position acht. Sie hat einen Platz im Gerichtssaal sicher – so denn die drei Kollegen im Wechsel bis zum nächsten Morgen ausharren. Langeweile? Zunächst nicht. Wer in der Schlange steht, ist für Passanten nämlich Teil eines Ereignisses. Eine junge Frau schiebt ihr Rad am Gericht vorbei und fragt: „Was macht ihr denn hier? Sitzstreik?“ Als sie die Umstände erfährt, findet sie das „abgefahren“. Sie telefoniert dann mit einem Henning und erzählt ihm, sie habe die Menge „für Teenager gehalten, die etwas Komisches machen“. Immerhin fragt sie noch, ob sie einen Tee vorbeibringen soll.

Warten mit Regenschirmen: Journalisten vor dem Gerichtsgebäude.

Lübcke-Prozess in Frankfurt: 23.50 Uhr - Sicherheitsvorkehrungen durch Polizei

Kurz vor Mitternacht erscheint Frank Hannig, der Verteidiger des Hauptangeklagten Stephan Ernst, der die Situation bildlich festhalten will. Er trägt klobige Basketballschuhe und gibt eine Einschätzung zum morgigen Tag, der fast schon der heutige Tag ist. Mittlerweile ist auch die Polizei eingetroffen, die sich um die Sicherheitsvorkehrungen kümmert und Gitter aufstellt. Auf der Konrad-Adenauer-Straße säubert ein Reinigungsfahrzeug die Straßenbahnschienen. Anzeichen einer Nacht.

Plötzlich fährt ein Taxi vor, eine junge Dame steigt aus. In der Hand trägt sie einen Klappstuhl, in einer Hülle verpackt. Sie nimmt Platz zwölf in der Reihe ein. Für wen sie da ist? Sie stutzt, schaut auf ihr Handy und sagt: „Für den Martin.“

Lübcke-Prozess in Frankfurt: 2.30 Uhr - Schichtwechsel für die Kollegen vor Ort

Schichtwechsel um 2.30 Uhr. Kollege zwei der HNA trifft ein und löst Kollegen eins ab. Durch den Corona-Sicherheitsabstand ist die Schlange vor der Hauswand, an der der Satz „Die Würde des Menschen ist unantastbar“ steht, nun schon 50 Meter lang. Viele Journalisten und deren Stellvertreter nehmen es mittlerweile mit Galgenhumor. Gegen 3 Uhr fragt ein Mann, der sichtlich schon etwas zu viel Alkohol getrunken hat: „Seid ihr arbeitslos?“ Das Gericht hält er für das Jobcenter. Bei Twitter wird später jemand fragen, ob es in Frankfurt das neue iPhone schon jetzt zu kaufen gäbe.

Einer der Polizisten von vorhin meldet sich per Lautsprecher: „So, meine Herrschaften, das vierte Revier verabschiedet sich. Wir wünschen noch viel Spaß und hoffen, dass es nicht weiter regnet.“ Es regnet weiter, der Spaß hält sich in Grenzen.

Unter den Berufswartenden gibt es Profis. Sie sind mit Regenschirm und Stühlen ausgestattet, die jeden Camping-Urlaub zum Vergnügen machen würden. Ein freier Mitarbeiter des Berliner „Tagesspiegel“ hat niemanden, mit dem er sich abwechseln könnte. Er sitzt bereits seit 21 Uhr vor dem Gericht. Am Montag hatte er mit dem Bus schon den Wolfhager Stadtteil Istha besucht, weil er ein Gespür für den Ort bekommen wollte, an dem Stephan Ernst den CDU-Politiker Walter Lübcke ermordet haben soll. Nun versucht der Reporter, im Sitzen zu schlafen, damit er nicht während der Verhandlung einnickt.

Lübcke-Prozess in Frankfurt: 4 Uhr - Langsam erwacht der Tag

Irgendwann nach 4 Uhr erwacht langsam der Tag. Die Vögel beginnen zu zwitschern. Man spürt die Vibrationen der U-Bahnen. Gerichtspräsident Roman Poseck macht sich am Morgen ein Bild von der Lage. Poseck kann den Unmut verstehen. Das Warten sei unangenehm, und die Corona-Beschränkungen bedauerlich. Aber er sagt, dass er weniger als 60 Medienvertreter gezählt habe. Damit könne heute jeder akkreditierte Journalist den Prozess verfolgen – wenngleich die Mehrheit nur im Medienübertragungsraum Platz findet. Poseck lobt die Sicherheitsanforderungen, die der Saal 165 C erfülle, und sagt: „In einer externen Liegenschaft hätte der Prozess frühestens in einem halben Jahr beginnen können.“

Lübcke-Prozess in Frankfurt: 5 Uhr - Eine verrückte Nacht ist vorüber

Das ist ein schwacher Trost für die Kollegin, die seit 5 Uhr die letzte Anstehschicht übernommen hatte. Die ersten Fernsehstationen richteten zu diesem Zeitpunkt die Live-Schalten für die Morgenmagazine ein. Sie blicken auf den Prozess und berichten über die wartenden Journalisten. Die können immerhin darauf verweisen, eine der verrücktesten Nächte des Jahres mitgemacht zu haben.

Aus Frankfurt berichten: Kathrin Meyer, Matthias Lohr und Florian Hagemann

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