Oberlandesgericht befragt Hauptangeklagten

Mordfall Lübcke: Das Leben des Stephan Ernst

Stephan Ernst hat vor Gericht zugegeben, den tödlichen Schuss auf den CDU-Politiker Walter Lübcke abgegeben zu haben. Foto: Kai Pfaffenbach/Reuters Pool/dpa
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Der Hauptangeklagte des Lübcke-Prozesses Stephan Ernst bei der Befragung vor dem Oberlandesgericht - er gestand den Schuss auf Walter Lübcke und zeigte sich erneut reuevoll.

Im Mordfall Walter Lübcke rückt nun der Lebenslauf des mutmaßlichen Täters Stephan Ernst in den Vordergrund.

Frankfurt – Im Prozess um den Mord am Kasseler Regierungspräsidenten Dr. Walter Lübcke stand am Donnerstag der Lebenslauf des Hauptangeklagten Stephan Ernst im Mittelpunkt. Während seines Geständnisses zu Beginn dieses Verfahrens vor dem Oberlandesgericht Frankfurt sagte der Hauptangeklagte Stephan Ernst, er habe den Kasseler Regierungspräsidenten Dr. Walter Lübcke erschossen. Der Prozess gegen ihn und den Mitangeklagten Markus H. ist mittlerweile schon weit fortgeschritten, aber manche Frage ist trotzdem noch längst nicht gänzlich beantwortet: Warum begeht jemand solch eine Tat? Woher kommt sein Hass?

Bei der Suche nach Antworten sollte ein Blick auf die Biografie des Hauptangeklagten helfen, dessen Leben am 27. Verhandlungstag erörtert wurde – ein großes Puzzle mit zwölf Einträgen im Strafregister und mit vielen Widersprüchen, wie sich bei der erneuten Befragung Ernsts zeigt. Welcher Lebenslauf also steckt hinter diesem Mann?

Mord an Lübcke: Das Leben von Stephan Ernst aus Kassel

Er wird 1973 in Wiesbaden geboren, wächst dort mit einem vier Jahre älteren Bruder in Erbenheim auf. Seine Mutter ist Zahntechnikerin, sein Vater Stahlbetonbauer. Als die Familie nach Taunusstein umzieht, geht Ernst in die dritte Klasse. Seine schulischen Leistungen lassen nach. Er fühlt sich zurückgesetzt, weil die Eltern sich angeblich mehr um die Hunde kümmern.

Ernst besucht die Förderstufe, kommt dann in die Hauptschule. In der Parallelklasse ist eine Gruppe türkischer Jugendlicher, mit der Ernst immer wieder aneinandergerät. Er behauptet, sie hätte ihn drangsaliert und führt das mit als Grund für seinen aufkommenden Hass gegen Ausländer an, den er aber auch von seinem Vater her kennt. Der trinkt immer mehr Alkohol und geht innerhalb der Familie mitunter brutal vor.

Ernst macht den Hauptschulabschluss, beginnt dann eine Maurerlehre, weil er dem Vater damit einen Gefallen tun will. Als er einen Kreuzbandriss erleidet, sieht er die Chance, die Ausbildung abzubrechen. Er probiert es mit einer Ausbildung zum Holzmechaniker. Immer wieder gibt es Probleme. Die ersten Straftaten sind längst begangen.

Lübcke-Mord: Widersprüche in der Vita des Angeklagten aus Kassel

Mit zwei Mitschülern stiehlt er in einem Kaufhaus in Wiesbaden Stifte und CDs, später bricht er – ebenfalls mit anderen – in einen Kiosk ein. Zu dieser Zeit hat Ernst schon versucht, das Mehrfamilienhaus anzuzünden, in dem einer jener türkischen Jugendlichen wohnt, mit denen er sich zuvor gestritten hatte.

„Ich wollte mich an ihm rächen, weil er mich geschlagen hat“, sagt er. Er schaute, wo der türkische Jugendliche wohnt und handelte dann. Die Tat kommt raus, weil sie einer der Mittäter im Fall des Kioskeinbruchs bei der Polizei erwähnt hat. Als Ernst das erfährt, wendet er körperliche Gewalt gegen seinen einstigen Mitstreiter an.

Mord-Fall Walter Lübcke im Kreis Kassel: Stephan Ernsts kriminelles Leben

Mitte der 1990er-Jahre wird er schließlich wegen versuchten Totschlags und der Herbeiführung einer Sprengstoffexplosion verurteilt. Er hatte versucht, ein Auto in die Luft zu sprengen – an einer Asylunterkunft mit Menschen, die vor dem Balkankrieg geflüchtet waren. Ernst begründet dies mit einem Ereignis, das sich zuvor am Hauptbahnhof in Wiesbaden abgespielt hatte. Dort geriet er mit einem aus der Türkei stammenden Mann aneinander, der ihn provoziert und sexuelle Anspielungen gemacht haben soll. Das erzürnte Ernst so sehr, dass er ein Messer zückte und den Mann schwer verletzte.

Warum aber will er sich dann an Menschen vom Balkan rächen? Das kann Ernst nicht wirklich erklären. Es gehört zu den Widersprüchen, die seine Vita begleiten. Ernst hat sich zu dieser Zeit zwar das Wort Hass in eine Hand geätzt, und er trägt häufig ein Messer bei sich, er will aber den Kriegsdienst verweigern und lieber Zivildienst machen.

Mord an Walter Lübcke im Kreis Kassel: Stephan Ernsts politische Vergangenheit

Für die Taten wird er zu sechs Jahren Gefängnis verurteilt. Er sitzt sie zunächst in Wiesbaden ab. Als es da zu Problemen mit anderen Häftlingen kommt, wird er nach Butzbach verlegt, schließlich kommt er nach Kassel. Im Gefängnis macht er eine Ausbildung zum Industriemechaniker. Bei einem seiner Ausgänge lernt er seine spätere Frau kennen. Er heiratet, das Paar bekommt zwei Kinder, kauft sich ein Haus. Ernst tritt in Kassel eine Arbeitsstelle als Industriemechaniker an.

Zu dieser Zeit – Anfang der 2000er-Jahre – aber ist er schon längst in der rechtsextremen Szene. Er begründet das mit seinen Bekanntschaften im Gefängnis: „Dort gab es Leute, die national eingestellt waren.“ Mit ihnen besucht er in Freiheit Partys, später den Stammtisch der NPD. Er wird dort Mitglied. Und er hat Kontakt zur Freien Kameradschaft, die noch radikaler gegen das System eingestellt ist und „bereit ist, gewalttätig zu werden“, wie es Ernst ausdrückt. Er nimmt an rechtsextremen Veranstaltungen teil, an Demonstrationen. In Dortmund wirft er Steine gegen die Polizei, er muss sich erneut vor Gericht verantworten.

Zu seiner politischen Einstellung sagt er: „Ich wollte mich für mein Land einsetzen. Das schien mir der richtige Weg. Aus einem Pflichtgefühl heraus.“ Ihn treibt der Gedanke, dass nur die das Land kultiviert haben, deren Heimat auch Deutschland ist – und dass es gelte, diese Heimat zu bewahren. „Ich hatte die Befürchtung, dass sie zerstört wird.“ So erklärt er sich auch seinen Hass auf Ausländer.

Lübcke-Mord-Prozess: Stephan Ernst aus Kassel spricht über seine Radikalisierung

Und doch: Nach der Tat in Dortmund will er sich von der Szene distanziert haben. Für wie lange, das bleibt offen. Dass der Absprung nicht auf Dauer gelingt, hängt nach Ernsts Angaben mit dem Mitangeklagten Markus H. zusammen – seinem Neonazi-Kumpel von früher, den er zufällig an der Arbeit wieder trifft. Er soll ihn mit in den Schützenverein genommen und letztlich radikalisiert haben. Die Verteidigung von Markus H. sieht für diese Darstellung keine Anhaltspunkte.

Ernst redet viel an diesem Tag – und doch kann er nicht alle Fragen zur Zufriedenheit der Prozessbeteiligten beantworten. Der Vorsitzende Richter Thomas Sagebiel zum Beispiel versteht nicht, dass Ernst immer wieder Menschen mit Migrationshintergrund als Freunde hatte, wo er doch Ausländer hasste. Ernst sieht das selbst als Widerspruch. „Ich habe ausgeblendet, wie ich eigentlich wirklich fühle und wo ich wirklich Freundschaft hatte.“ Er ist emotional stark angefasst, als er das sagt – wie so manches Mal während der Vernehmung: als er über seine Familie spricht etwa. Über seine Frau, mit der er eine Zukunft sieht. Über die Tochter, die sich von ihm abgewendet hat, was er voll verstehe. Über den Sohn.

Mord an Walter Lübcke im Kreis Kassel: Angeklagter Stephan Ernst zeigt Reue

Oberstaatsanwalt Dieter Killmer fällt auf, dass Ernst diese Emotionen nur zeigt, wenn es um ihn selbst oder um seine Familie geht – nicht aber, wenn er über die Opfer seiner Straftaten redet. Da ist es für einen Moment still im Saal. Dann sagt Ernst: „Ich weiß nicht, wie ich das wiedergutmachen kann, was ich Herrn Lübcke angetan habe, was ich der Familie angetan habe.“ Er weint dann. Und fügt an: „Ich weiß nicht, wie ich damit umgehen soll.“ Er sagt, aus der rechten Szene will er gänzlich aussteigen. (Florian Hagemann)

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