Luftbelastung in Kassel: Kein Mittel gegen Schadstoffe

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Luftmessstation an der Fünffensterstraße: Im vergangenen Jahr 2014 wurden hier an 25 Tagen Überschreitungen des Feinstaub-Grenzwertes registriert – die höchste Zahl der Tagesüberschreitungen in ganz Hessen.

Kassel. Der dicken Luft in Kassel hat die Stadtverwaltung wenig entgegenzusetzen. Eine rasche und umfassende Lösung, die für die Gesundheit gefährlichen Luftschadstoffe Feinstaub sowie Stickstoffoxide in der Atemluft zu verringern, „gibt es nicht“. 

Das sagt Holger Henke, Sachgebietsleiter Luftreinhaltung im städtischen Umwelt- und Gartenamt.

Im Jahr 2014 hatte Kassel in ganz Hessen den Vogel abgeschossen: 25 Tages-Grenzwertüberschreitungen bei der Feinstaubbelastung gab es im vergangenen Jahr sonst nirgendwo im Bundesland. Keine der 31 Messstellen, die das Hessische Landesamt für Umwelt und Geologie (HLUG) von Bad Arolsen bis Fürth im Odenwald betreibt, registrierte an mehr als 20 Tagen Grenzwertüberschreitungen – ausgenommen die Messstelle an der Fünffensterstraße in Kassel. Bis zu 35 Überschreitungstage sind zulässig. Trotzdem müsse man die Feinstaub-Belastung im Blick haben, sagt Henke.

Holger Henke

Schlimmer sieht es bei den Stickstoffoxiden aus. Der seit 2010 gültige Grenzwert für Stickstoffdioxid in der Atemluft wird in Kassel regelmäßig deutlich überschritten. Die EU-Kommission hatte bereits Ende Februar 2013 gefordert, dass in 33 deutschen Regionen – darunter auch im Ballungsraum Kassel – nicht mehr länger auf bessere Technologien für Motoren und Abgasanlagen gewartet werden dürfe, sondern so schnell wie möglich gehandelt werden müsse, um die Belastung mit Stickoxiden zu verringern. Doch die Handlungsgmöglichkeiten dafür sind begrenzt (siehe Artikel unten).

Stadt-Pressesprecher Ingo Happel-Emrich sieht vor allem die Automobilindustrie gefordert und ebenso die Autofahrer, die sich möglichst neue und schadstoffarme Autos zulegen sollten. Denn der Autoverkehr gilt als der wichtigste Verursacher für dicke Luft. Die Stadt setzt darauf, die Nutzung des öffentlichen Nahverkehrs sowie von Fahrrädern in Kassel zu fördern. Dazu kommt der Appell, kurze Wege nicht mit dem Auto, sondern zu Fuß zurückzulegen. Dass viele Menschen bereit seien, auf Busse und Bahnen umzusteigen, habe auch der Hessentag im Jahr 2013 in Kassel gezeigt, sagt Happel-Emrich. Bereits im März 2013 hatte die Kasseler Stadtverordnetenversammlung beschlossen, dass bei städtischen Bauaufträgen nur noch Baumaschinen mit Rußpartikelfiltern eingesetzt werden sollen. An der Umsetzung dieses Beschlusses wird bis heute im Umwelt- und Gartenamt gearbeitet.

Möglichkeiten zur Reduzierung der Luftbelastung

Große Umweltzone im Kasseler Becken

Eine große Umweltzone, die auch die Städte und Gemeinden am Kasseler Stadtrand einschließen würde, wird von Stadt Kassel und Hessischem Umweltministerium weiterhin abgelehnt. Autos mit gelber oder roter Plakette dürften dort nicht fahren. Doch von solchen alten Stinkern gibt es nur noch wenige. „Alle Benziner haben eine grüne Plakette, Dieselfahrzeuge ab dem Baujahr 2005 auch“, sagt Luftreinhaltungs-Fachmann Holger Henke. Eine Umweltzone bringe lediglich zwei bis drei Prozent Verbesserung bei den Luftschadstoffen, verursache aber andererseits „einen Riesenaufwand.“ Deshalb sei die Umweltzone „für uns kein Thema.“

Tempo-Reduzierung auf den Autobahnen

Wird die Stadt von der hessischen Landesregierung fordern, das Tempo auf den Autobahnen 7 und 44 aus Gründen des Gesundheitsschutzes auf 100 km/h zu begrenzen? „Dazu können wir noch nichts sagen“, erklärt Stadt-Pressesprecher Ingo Happel-Emrich. Auf der A 49 gilt im Kasseler Becken bereits Tempo 100, aus Lärmschutzgründen ist das auch auf dem künftig achtspurig ausgebauten Abschnitt der A 7 im Bereich der Stadt Kassel geplant. Eine Autobahn-Tempobremse von der Landesgrenze bei Staufenberg bis in die Gemarkung Fuldabrück sowie in Richtung Westen bis in die Gemarkung Schauenburg und künftig auch auf der neuen Autobahn 44 aus Richtung Eisenach würde die Luftschadstoffe im Kasseler Becken aber ebenfalls nur geringfügig verringern, ist Holger Henke überzeugt. Die Auswirkungen des Autobahnverkehrs auf die Luftsituation in Kassel würden überschätzt.

Verbot von Heizen mit Holz in der Stadt

Starke Auswirkungen auf die Luftqualität hat das zunehmende Heizen mit Holz. Weil wegen gestiegener Öl- und Gaspreise in Kaminöfen, Kachelöfen, Herden und offenen Kaminen wieder mehr Holz verbrannt wird, sorgen sich Umwelt- und Gesundheitsexperten. Holzöfen produzieren nur vier Prozent der Heizungswärme, blasen aber 90 Prozent des Feinstaubs aus allen Gebäudeheizungen in die Luft, macht Holger Henke das Problem deutlich. Der Stadt seien aber die Hände gebunden: „Es gibt keine rechtlichge Möglichkeit, das Heizen mit Holz zu verbieten.“ Deshalb müsse man darauf vertrauen, dass die seit diesem Jahr in Deutschland gültigen neuen Feinstaub-Grenzwerte greifen und diese von den Schornsteinfegern kontrolliert und durchgesetzt werden. Ältere Öfen müssen mit Rußfiltern nachgerüstet oder stillgelegt werden.  

City-Logistik für weniger Lieferfahrten

Bereits vor 20 Jahren war in Kassel mit Unterstützung der Uni das Projekt City-Logistik gestartet worden, doch bald wieder eingeschlafen. Durch die Bündelung des Lieferverkehrs sollten die Zahl der Last- sowie Lieferwagen und damit die Verkehrsbelastung der Innenstadt sowie die Luftbelastung reduziert werden. Seither hat sich der Lieferverkehr in die Innenstadt vervielfacht. Nicht bloß Apotheken und Buchhändler, sondern viele Läden und ebenso viele Gewerbetreibende bekommen mehrmals täglich Pakete, weil die Kunden das so wollen und auch bei Internet-Bestellungen kurzfristig und rasant geliefert wird. Durch eine Bündelung dieser zahllosen Einzellieferungen in einem Logistik-Zentrum würde sich aber die Zustellung der Pakete deutlich verzögern, gibt Holger Henke zu bedenken. Deshalb hält er die Idee einer City-Logistik für die Innenstadt inzwischen für „nicht mehr durchsetzbar.“

Von Jörg Steinbach

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