In den hessischen Feriencamps lernen Schüler, die sich nach der Schule sehnen

Kassels Schüler sind heiß auf Mathe

Schüler mit Corona-Masken lernen im Klassenraum der Georg-August-Zinn-Schule in Kassel während der Osterferien Mathe.
+
Konzentriertes Arbeiten im Matheunterricht: GAZ-Schülerin Khadija (14) und ihre Klassenkameraden lernen in kleinen Gruppen intensiv und effektiv. 3

Im zweiten Corona-Jahr mit zurückliegenden Monaten, in denen für viele Schüler nur wenig Präsenzunterricht stattfand, sind die Kinder in Kassel heiß auf Lernen mit ihren Lehrerinnen und Lehrern. Die freiwilligen Lerncamps in den Osterferien sind begehrt.

Kassel. Es sind Osterferien, aber der Lehrerparkplatz der Georg-August-Zinn-Schule an der Mattenbergstraße sieht ganz und gar nicht danach aus. Hier steht Fahrzeug an Fahrzeug. Wie mitten in der Woche, mitten im Schuljahr – in Vor-Corona-Zeiten.

Drei Jugendliche sind auf dem Weg ins Schulgebäude. Sie sehen vergnügt aus. Auf die Frage: „Habt ihr etwa in den Ferien Lust auf Schule?“ kommt spontan und ohne Anflug von Quatsch ein dreistimmiges „Jaa!“.

Die Schüler nehmen freiwillig am Feriencamp in ihrer Schule teil und lernen – Auge in Auge mit realen Lehrern und Referendaren – Schulstoff, der sich im Distanzunterricht der vergangenen Monate vielleicht nicht ganz so verfestigt hat, wie er sollte.

In der Klasse von Mathelehrer David Reyes steht Dreisatz-Rechnen auf dem Plan. Auch die Anwendung von Taschenrechnern wird geübt. „Weil das so schön kompakt in wenigen Stunden abgehandelt werden kann“, sagt Reyes.

Nächste Woche ist das kleine Schulwunder nämlich schon wieder vorbei, und Schüler und Lehrer gehen in ihre wohlverdiente letzte Woche Osterferien. Also müsse möglichst effektiv gearbeitet, dürfe keine Zeit vertrödelt werden. Hierfür haben GAZ-Lehrer und Schulleitung für die insgesamt 80 Feriencamper einen richtigen kleinen Stundenplan erarbeitet. An vier Tagen finden von 8.30 Uhr bis 12 Uhr vier Schulstunden mit Pause statt. Es gibt für die Jahrgänge 5, 6, 7 und 8 jeweils zwei Lerngruppen à zehn Schüler. Pro Jahrgang ist mindestens ein Klassenlehrer mit an Bord.

„Wir sehen, wie sehr sich die Schüler wieder nach einer Tagesstruktur sehnen“, sagt Schulleiter Dominik Becker.

Persönliche Ansprache: Mathelehrer David Reyes (links) steht für Fragen zur Verfügung.

Das sieht sein Kollege Tobias Kröck von der Valentin-Traudt-Schule genauso. Sein Kollegium hat ebenfalls eine Woche Feriencamp auf die Beine gestellt. Die 40 Plätz an der VTS waren – ebenso wie die 80 an der GAZ – in Nullkommanichts vergeben. Auch hier war den Eltern das Zusatz-Lern-Angebot für ihre Kinder telefonisch unterbreitet worden. „Innerhalb von drei Tagen hatten sich alle verbindlich angemeldet“, so Kröck. Dass die Schüler nach Schule regelrecht ausgehungert sind, liege auf der Hand, meint Dominik Becker: Die Siebt- und Achtklässler haben ihre Schule seit über vier Monaten nicht mehr von innen gesehen. Und die Fünft- und Sechstklässler waren mit ihrem Wechselunterricht ebenfalls nicht gerade häufig in der Schule präsent. „Die Schüler haben sich darauf gefreut, ihre Lehrer wiederzusehen“, sagt Becker.

Er habe sofort die Chance erkannt, mit dem Feriencamp die abwesenden Schüler wieder „einzufangen“ und in Schulmodus zu versetzen. Weil das Unterfangen für alle erst mal freiwillig und dann aber, nach der Anmeldung, verbindlich ist, fragte er zunächst sein Kollegium. Und war überwältigt vom positiven Feedback. Schon lange hatten sich die Lehrer an der GAZ mit der Frage geplagt: Was können wir gegen das coronabedingte Abhängen von Schülern unternehmen? Ein kleiner Schritt: indem sie jetzt wieder in persönlichen Kontakt treten können.

In der Mathestunde von David Reyes herrscht konzentrierte Arbeitsatmosphäre. Die zehn Siebtklässler sind ganz bei der Sache. Sie haben viele Fragen an ihren Lehrer. Und, ja, bestätigen sie: Sie freuten sich sehr, in der Schule sein zu dürfen. „Es ist einfach besser in der Klasse mit dem Lehrer zu lernen, als online allein zuhause“, sagt Alexander (13). Im Distanzunterricht befindet er sich nun schon seit Monaten. Er rechnet nach: Mitte Dezember sei er das letzte Mal in der Schule gewesen. Das sei hart, findet er. Und es sollte bitte bald vorbei sein.

Information

Seit 2007 gibt es in Hessen die sogenannten Ostercamps für versetzungsgefährdete Schüler. Das Kultusministerium bietet in den Osterferien die kostenlose Möglichkeit, Schulstoff nachzuholen und Lernlücken aufzufüllen.

Mit einem lachenden und einem weinenden Auge haben hier in der Vergangenheit Zigtausende von Schülern die Ferientage genutzt, um intensiv zu lernen, ihre Zeugnisnoten zu verbessern und ihrer Versetzung einen Schub zu geben.

In diesem Jahr ist einiges anders. Nicht nur der Name „Feriencamp“ ist neu, der Unterricht findet außerdem coronakonform dezentral in den Räumen der eigenen Schulen statt. Zurzeit lernen 11 000 Schüler in insgesamt mehr als 200 Lerncamps in Hessen; in Kassel und dem Landkreis sind es 600 Schüler in 17 Schulen, die mitmachen.

Offiziell bezeichnet das Ministerium die kostenfreien Lernangebote als „kurzzeitpädagogische Maßnahmen zur Kompensation pandemiebedingter Lernrückstände von förderbedürftigen Schülerinnen und Schülern“. Die Feriencamps sind offen für alle Bildungsgänge und Schulformen. Das Fächerangebot richtet sich nach der Bedarfslage vor Ort und wird von überwiegend schuleigenen Fachkräften ausgestaltet. Eine Vergütung erhalten die Schulen im Rahmen des Kleinen Schulbudgets.

„Die Lerncamps sind einer von vielen Bausteinen in unseren Anstrengungen, den durch Schulschließungen verpassten Unterrichtsstoff zu kompensieren“, sagte Kultusminister Alexander Lorz: „Neben diesem Angebot arbeiten wir an weiteren Maßnahmen, Initiativen und Kooperationen, die noch in diesem sowie im kommenden Schuljahr folgen werden.“

In der Stadt Kassel und dem Landkreis bieten insgesamt 17 Schulen in den Osterferien 2021 Lerncamps an. Es gibt sie in Kassel: in der Georg-August-Zinn-Schule, der Valentin-Traudt-Schule, Hupfeldschule, der Elisabeth-Knipping-Schule mit FOS und Berufsschule sowie im Landkreis Kassel: in der Ernst-Abbe-Schule Oberkaufungen, der Gesamtschule Fuldatal, der Ludwig-Emil-Grimm-Schule Ihringshausen, in den Grundschulen Elgershausen, Niedervellmar und Simmershausen, Geschwister-Scholl-Schule Fuldatal-Rothwesten, Christine-Brückner-Schule Emstal, Elisabeth-Selbert-Schule Zierenberg, Lilli-Jan-Schule Immenhausen, der Baunsbergschule Breuna und der Grundschule Oberweser.  Christina Hein

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren:
Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.