Altes Handwerk

Neue Lust aufs Leder: Handschmeichler auf Treppengeländer oder als Bucheinband

Filigrane Handarbeit: Sattlermeister Alfons Schafmeister umwickelt den stählernen Handlauf des Treppengeländers im Kasseler Renthof mit feinstem Leder.

Kassel/Fuldatal. Im Kasseler Renthof machen Experten ein stählernes Treppengeländer zum Handschmeichler und Unternehmer Jean-Thomas Keil ist in der Region einer der letzten Spezialisten für Tierhäute. Wir stellen das alte Handwerk vor.

Gleichmäßig und gekonnt wickelt Alfons Schafmeister den Lederstreifen um den stählernen Handlauf der Treppe im Renthof. Die Fingerfertigkeit des Sattlermeisters macht aus dem kalten Stahl des Treppengeländers einen Handschmeichler. Es fühlt sich gut an, warm und weich.

Das hochwertige, naturbelassene Leder stammt von Jean-Thomas Keil. Der Chef der Fuldataler Firma Colonia Leather ist einer der letzten Spezialisten für Tierhäute in der Region. Was auch für Alfons Schafmeister gilt. Es gibt kaum noch Sattler, die sich auf dieses uralte Handwerk verstehen.

Der Handlauf der gesamten Treppe wird mit dem Spezialleder ummantelt. Die Arbeit ist anspruchsvoll, weil das vier Zentimeter breite Lederband angeschnitten und übergangslos verklebt wird. So etwas hat auch Schafmeister noch nicht oft gemacht. „Lederlenkräder schon häufiger“, sagt der Sattlermeister. Er hat sich in seiner Werkstatt in Warburg-Bonenburg auf die Oldtimer-Restauration und die edle Innenausstattung von Autos, Wohnmobilen und Booten spezialisiert. Nur so kann ein Sattler heute überleben.

Das Leder wird nicht auf Stoß, sondern mit Wulst spiralförmig um das Stahlrohr gewickelt. Das erhöht die Griffigkeit.

„Es wird immer weniger“, sagt Schafmeister. Er über einen aussterbenden Beruf aus. Das lederverarbeitende Gewerbe, das mit hochwertigen Häuten Wertarbeit liefert, ist heute kaum noch gefragt.

Im Renthof freilich schon. Kirsten Homburg-Kleinkauf und Rainer Holzhauer – Inhaberin und Geschäftsführer des neuen Hotels im einstigen Karmeliterkloster aus dem Jahr 1298 – waren in der schwedischen Hauptstadt unterwegs, um sich Ideen für den Ausbau ihres Hauses zu suchen. In einem Stockholmer Traditionskaufhaus entdeckten sie spiralförmig mit feinstem Leder umwickelte Treppengeländer.

Mit dieser Ideen kamen beide zu Jean-Thomas Keil. Der hatte nicht nur passendes Leder vorrätig, sondern auch noch eine uralte, aber voll funktionsfähige traditionelle Gürtelschneidemaschine. Damit wurde das Rindsleder auf vier Zentimeter Breite und in jeweils zwei Meter lange Einzelstreifen zugerichtet – insgesamt 130 Meter.

Filigrane Handarbeit

Dann rief Lederexperte Keil „den besten Sattler im 100-Kilometer-Umkreis von Kassel“ an. Alfons Schafmeister nahm den ungewöhnlichen Auftrag gern an, den Handlauf in Leder „mit Wulz“, wie es die Fachleute nennen, in filigraner Handarbeit im Renthof in die Tat umzusetzen.

Und wie lange hält so ein beledertes Treppengeländer? „Sehr lange“, sagt der Sattlermeister: „Es gibt automobile Oldtimer, die haben das Leder 100 Jahre drin und das ist einwandfrei.“ Es komme halt auf eine sehr gute Lederqualität an. Und auf gelegentliche Pflege mit etwas Lederfett.

Ledereinband ist wieder gefragt

Unternehmer Jean-Thomas Keil ist in der Region einer der letzten Spezialisten für Tierhäute

Bücher in Leder: Jean-Thomas Keil ist Geschäftsführer von Colonia Leather. Das Unternehmen aus Fuldatal hat auch das Leder für das Treppengeländer im Renthof geliefert.

Mit seiner Firma Colonia Leather beschafft Jean-Thomas Keil nahezu jedes Leder in kürzester Zeit und liefert an 500 Kunden in Deutschland, Skandinavien, Frankreich und Italien. Die Fachkunde des siebenköpfigen Colonia-Teams wissen auch Automobil- sowie Möbelhersteller, Gastronomie-Ausstatter oder Hersteller von Gürteln oder Uhrarmbändern zu schätzen. 

Seit zehn Jahren stellt das Unternehmen auch auf der Frankfurter Buchmesse aus. Colonia Leather ist in Deutschland führender Lieferant von Bucheinbänden aus Leder. 

Etwa die Hälfte seines Jahresumsatzes erzielt der Lederspezialist mit „Buchnutzen“. Das sind fertig zugeschnittene Lederstücke, die von Buchbindereien verwendet werden, um wertvolle Bücher mit einem Ledereinband zu versehen. Das machen nicht allein Bibelverlage. 

Auch für edles Schuh- sowie Futterleder sind die Kasseler Lederfachleute gefragte Lieferanten. Ob für Birkenstock-Sandalen, Lederwaren von „Manufactum“ oder Taschen und Geldbörsen der Feintäschnerei Ackermann – das Leder kommt von Colonia. Der Firmenname weist bis heute auf die Gründung im Jahr 1928 in Burscheid bei Köln hin. Maß- sowie Orthopädieschuhmacher und die Medizinbranche ordern Leder, die höchsten ökologischen und gesundheitlichen Ansprüchen genügen. Das ist auch für Kinderschuhe wichtig. 

Lederkunde-Museum 

„Es weiß ja keiner mehr was über Leder“, sagt Jean-Thomas Keil. Das will der 53-Jährige ändern. Jedes Kind würde heute Goretex kennen, aber das Wissen über Tierhäute, die Menschen seit mehreren Tausend Jahren für Kleidung, Schuhwerk und viele andere Zwecke nutzen, gehe immer mehr verloren. Deshalb baut Keil ein Lederkunde-Museum in Fuldatal auf, damit das Wissen um das Material Leder und dessen Bearbeitung nicht endgültig verloren geht.

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