Geschäft von Lydia Schnitzler an Friedrich-Ebert-Straße

Nach fast 45 Jahren:  89-Jährige gibt Wäsche- und Dessousladen ab

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Nachfolgerin gefunden: Lydia Schnitzler (Mitte) gibt ihr Geschäft an Marianne Hurst (links) weiter. Ellen Hoyer steht ihr auch dabei zur Seite.

Kassel. Sie werde ihre Kunden sehr vermissen, sagt Lydia Schnitzler und kämpft wieder gegen die Tränen. Fast 45 Jahre lang führte sie ihren Wäsche- und Dessousladen an der Friedrich-Ebert-Straße. Jetzt wird sich die 89-Jährige zur Ruhe setzen und ihr geliebtes Geschäft weitergeben.

Am 1. März 1969 hatte Lydia Schnitzler den Laden in der Friedrich-Ebert-Straße 78 mit ihrem ersten Mann („eine Sandkastenliebe“) eröffnet. „Wir hatten das erste Geschäft mit einem nach hinten offenen Schaufenster“, erinnert sie sich. Und: „Gleich am ersten Tag waren wir total ausverkauft, das war eine tolle Zeit.“

Nur zwei Jahre später aber starb ihr Mann an einer Blutvergiftung. Es war nicht der einzige Schicksalsschlag, den die aus Düsseldorf stammende Geschäftsfrau verkraften musste. Allein durch zwei Weltkriege sei ihr Werdegang ein bisschen chaotisch. Dabei erzählt sie nicht gern von den schlimmen Kriegs- und Nachkriegsjahren, nur, dass die Familie ausgebombt war und nach Düren flüchtete. Eigentlich wollte Lydia Schnitzler geborene Blatzheim Ärztin werden.

Doch sie konnte kein Blut sehen, und so begann sie zu nähen und machte später als Schneiderin ihren Meister. Auch als Model für den deutschen Modedesigner Heinz Oestergaard arbeitete die schöne blonde Frau und zierte in den 1970er-Jahren auch Illustrierten-Seiten. Bevor die Schnitzlers ihren eigenen Laden eröffneten, leiteten die beiden zehn Jahre lang das Wäsche-Geschäft Hessana an der Wilhelmsstraße.

Seit 38 Jahren arbeitet Ellen Hoyer an ihrer Seite, eine der vielen auch glücklichen Fügungen in ihrem Leben. „Wir sind durch dick und dünn gegangen“, lächelt sie ihre Mitarbeiterin an. Glück hatte Lydia Schnitzler auch mit ihrem zweiten Mann, einem Niederländer. Seine Kinder und seine Familie stehen der Kasselerin auch nach seinem Tod zur Seite. Besuche in Holland sind deshalb auch schon für den Ruhestand geplant.

Außerdem freut sich die 89-Jährige über eine Aida-Reise als Weihnachtsgeschenk, die sie im nächsten Jahr antreten will. Die neu gewonnene freie Zeit will sie zudem nutzen, um sich in Kirchditmold, wo sie seit 1957 wohnt, in der Nachbarschaftshilfe zu engagieren und vielleicht für ältere Menschen einkaufen zu gehen. Auch hat sie sich vorgenommen, ihre Lebensgeschichte aufzuschreiben. Dazu gehören unter anderem Begegnungen mit Schauspielerin Romy Schneider, der Stieftochter ihres Onkels.

Und natürlich will sie immer mal wieder in ihrem ehemaligen Laden vorbeischauen, den sie samt der sorgsam gepflegten Kundenkartei in einem alten Holzkasten in die Hände von Marianne Hurst gibt. Auch das sei eine glückliche Fügung gewesen, sagt Lydia Schnitzler dankbar.

Von Martina Heise-Thonicke

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