Grünen-Politikerin im Interview

Einstige Kasselerin Anna Lührmann ist wieder im Bundestag: „Machen statt meckern“

Wieder im Bundestag: Anna Lührmann, die Staatssekretärin im Außenministerium wird.
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Wieder im Bundestag: Anna Lührmann, die Staatssekretärin im Außenministerium wird.

Kassel – Die Kasseler Vorwahl kennt sie noch – und auch die Telefonnummer von einst, als sie in Kassel wohnte. Mittlerweile ist Anna Lührmann in der Welt herumgekommen – und nun wieder da, wo sie schon mal war: im Bundestag. Die Grünen-Abgeordnete bekleidet nun sogar das Amt der Staatssekretärin im von Annalena Baerbock geleiteten Außenministerium.

Frau Lührmann, Sie haben Ihr erstes Interview der HNA gegeben. Können Sie sich noch an die erste Frage erinnern?
Ich weiß noch, wie die Überschrift lautete: Es macht Spaß, etwas zu verändern. Und das Foto habe ich noch im Kopf. Aber bei der ersten Frage muss ich passen.
Ich verrate sie Ihnen: Andere Mädchen in Deinem Alter sind Mitglied im Backstreet-Boys-Fanclub. Du bist gerade zur Sprecherin der Jungen Grünen gewählt worden. Wie ist es dazu gekommen?
Okay. Das waren noch Zeiten.
Lange ist es her. Wissen Sie die Antwort auf die Frage noch?
Wahrscheinlich habe ich mich über irgendwelche Schulprojekte aufgeregt und wollte etwas verändern.
So in etwa, ja. Sie waren damals 13, sechs Jahre später wurden Sie dann die jüngste Abgeordnete, die es je in den Bundestag schaffte. Nach einer längeren Pause sind Sie nun zurückgekehrt. Werden Sie heute anders wahrgenommen als damals?
Ein bisschen schon. Ich bin heute knapp unter dem Altersdurchschnitt der Abgeordneten im Bundestag. Heißt: Ich bin etwas älter geworden, aber vor allem ist es selbstverständlicher geworden, dass junge Frauen in der Politik sind. Allein in der Grünen-Fraktion sind rund 20 Mitglieder unter 30. Das ist eine andere Situation, zumal wir 16 Jahre eine Bundeskanzlerin hatten. Da hat sich ganz schön etwas getan.
Sind Sie denn 2002, als Sie mit 19 erstmals in den Bundestag gekommen sind, als eine Art Exotin wahrgenommen worden?
Ein bisschen kann man das schon so sagen. Ich war ja viel jünger als alle anderen. Auf der anderen Seite hatte ich schon das Gefühl, dass mich die Kollegen, mit denen ich etwa im Europaausschuss oder im Haushaltsausschuss enger zusammengearbeitet habe, ganz normal und mit Respekt behandelt haben.
Was hat sich denn für Sie verändert, als Sie nun wieder in den Bundestag zurückgekehrt sind?
Meine Perspektive insgesamt. Damals habe ich mich als Anwältin der jungen Generation gesehen. Heute bringe ich sehr viel Erfahrung von meinen Stationen in Schweden, Spanien, dem Sudan und meiner Universitätskarriere insgesamt mit. Das ist ein anderer Blickwinkel. Manches ist aber geblieben: Es ist immer noch ein unglaublich Ehrfurcht einflößendes Gefühl, im Plenarsaal zu sitzen.
Hat sich fernab davon die Atmosphäre im Bundestag geändert?
Auf alle Fälle, der Bundestag ist diverser und wie die Gesellschaft insgesamt moderner geworden. Auf der anderen Seite ist die AfD mittlerweile da. Das ist dann wiederum ein Zeichen dafür, dass wir auch in Deutschland ein Problem mit Rechtsextremen und Rechtspopulisten haben.
Sie sind zuletzt rumgekommen in der Welt. Was hat Sie denn veranlasst, den Schritt zurück in den Bundestag zu machen?
Der Hauptpunkt war die Sorge um die Klimakrise. Wir haben nur noch wenig Zeit, sie unter Kontrolle zu bekommen. Da wollte ich nicht nebendranstehen, sondern mitmischen.
Kann man als Parlamentarierin also mehr ausrichten als als Wissenschaftlerin?
Wissenschaftler können erklären. Die Rolle von Wissenschaft ist auch sehr wichtig. Aber: Wir wissen jetzt, was das Problem ist, es muss nicht mehr herausgefunden werden. Es geht jetzt ums Handeln.
Damit wären wir wieder bei der Antwort auf die erste Frage Ihres ersten Interviews, dass Sie etwas verändern wollen. Sie haben den Klimaschutz damals auch als Thema benannt. Insgesamt war das Thema eher noch in der Nische damals. Ist es denn mittlerweile zum Hauptthema gereift – fernab von Corona?
Total. Die EU-Kommission hat Klimaschutz und Digitalisierung zu den Schwerpunktthemen ausgerufen. Das wäre damals undenkbar gewesen. Da war Klimaschutz ein Thema unter vielen. Jetzt ist zumindest die Dringlichkeit erkannt worden, und das Thema zieht sich durch alle Politikbereiche. Jetzt müssen wir ins Umsetzen kommen.
Woran lässt sich das speziell festmachen?
Nehmen Sie den Koalitionsvertrag. Da ist klar definiert, dass Klimaschutz eine Querschnittsaufgabe ist, die zur obersten Priorität erklärt worden ist. Das wird man auch im Parlament merken – am Anteil der Redezeit zu diesem Thema.
In Ihrem besagten ersten Interview antworten Sie auf die Frage nach Ihren politischen Vorstellungen, dass die Erde als Grundlage allen Lebens nicht zerstört werden dürfe. An dieser Vorstellung dürfte sich nichts geändert haben, oder?
Ja, genau, so ist es. Besser könnte ich es heute auch nicht formulieren. Das ist nach wie vor mein Hauptantrieb, dass wir unsere Lebensgrundlagen auf eine Art und Weise behandeln, die uns auch noch in Zukunft ermöglicht, so zu leben, wie wir uns das vorstellen. Das Bundesverfassungsgericht hat ja kürzlich auch festgehalten, dass die Freiheit der jungen Generationen eingeschränkt werden wird, wenn wir den Klimaschutz nicht stärker angehen. Es hat sich einfach viel zu wenig getan.
Nichtsdestotrotz kommen Sie in einer Phase zurück in den Bundestag, in der Corona alles überlagert. Verspüren Sie einen stärkeren Druck als 2002, als Sie erstmals in den Bundestag einzogen?
Der Druck ist schon immens. Das bezieht sich auf die Coronakrise, aber eben auch auf die Klimakrise. Da müssen Sie nur auf den zurückliegenden Sommer blicken. Solch Starkregenereignisse wie im Ahrtal hat es früher nicht gegeben in dieser Dimension. Wir sind in einer schwierigen Zeit. Allerdings: Den Druck der Verantwortung habe ich damals auch schon gespürt. Es ist nicht nur ein Privileg, Bundestagsabgeordnete zu sein.
Jetzt müssen Sie sich plötzlich mit Themen wie einer Impfpflicht auseinandersetzen. Haben Sie da schon eine abschließende Meinung?
Das ist sehr schwierig, aber Impfen ist der einzige Weg raus aus der Pandemie. Ich bin ein sehr freiheitsliebender Mensch. Aber es sollte nicht die Freiheit geben, andere mit seiner Entscheidung massiv zu schädigen. Das erleben wir momentan, weil die Impfquote zu niedrig ist. Das setzt auch das Leben von Geimpften aufs Spiel. Deshalb müssen wir jetzt mit einer Impfpflicht ein klares Signal setzen – erst recht in Pflegeeinrichtungen. Aber es ist nicht leicht.
Sie haben eine Tochter, die 13 ist – und damit in jenem Alter, in dem Ihr politisches Engagement begann. Würden Sie Ihrer Tochter auch raten, in die Politik zu gehen?
Ich würde jedem raten, sich für sein Lebensumfeld einzusetzen und dafür, dass sich etwas verbessert. Ich habe ja gerade für mich entschieden, dass ich es wieder tun werde. Wobei es ja nicht immer der Bundestag sein muss. Es gilt, was ich, wenn ich mich recht erinnere, im Interview von damals gesagt habe: machen statt meckern. (Florian Hagemann)

Zur Person: Anna Lührmann (38) ist in Lich geboren. Als Kind kam sie nach Kassel, bis zur neunten Klasse ging sie auf die Albert-Schweitzer-Schule, ehe die Familie Kassel verließ. Schon damals engagierte sich Lührmann politisch, bereits mit 13 Jahren wurde sie Sprecherin der Grünen Jugend im Kreisverband Kassel. Mit 19 gelang der Grünen-Politikerin der Sprung in den Bundestag – bis heute war dort niemand jünger. 2009 endete ihre erste Karriere im Bundestag. Die Sozialwissenschaftlerin zog es in den Sudan, nach Spanien und Schweden. An der Universität Göteborg arbeitete sie zuletzt als Juniorprofessorin. Nun kehrte sie in den Bundestag zurück, sie vertritt den Wahlkreis Rheingau-Taunus und wird Staatsministerin für Europa im Auswärtigen Amt. Lührmann ist verheiratet, hat ein Kind – und ist nur noch selten in Kassel. Sie bezeichnet die Stadt als tollen Ort, um aufzuwachsen.

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