Bis Mitte der 1970er

Sigurd-Fahrräder kamen aus Kassel: Hunderttausende Kunden

Kassel. Vor 95 Jahren wurde in Kassel die Firma Sigurd gegründet. Sie wurde vor allem wegen ihrer Fahrräder berühmt, die sie bis Mitte der 1970er-Jahre weltweit exportierte.

Doch Sigurd war mehr als eine Fahrradfabrik. Das von einem Juden gegründete Unternehmen war ein Versandhaus.

Wer in der Region Kassel den Namen Sigurd hört, der denkt vor allem an die längst verschwundene Fahrradmarke. Bis Mitte der 1970er-Jahre produzierte das 1919 von dem Juden Kurt Maybaum gegründete Unternehmen an der Leipziger Straße 126-136, wo heute ein Einkaufszentrum (neben Glinicke) steht.

Sigurd war aber mehr als Fahrräder, Sigurd war ein großes Versandhaus, das sich damit rühmte, „Millionen Kunden“ zu haben.

Unbekannter Arbeiter: Das Foto entstand 1953 in der Sigurd-Fabrik für einen Artikel der Hessischen Nachrichten.

Nach Informationen des Stadtarchivs liegen die Anfänge der Firma im Versandhandel. Wie Otto und Neckermann brachteSigurd jährlich Bestellkataloge heraus, von denen noch einige in den Archiven des Stadtmuseums und der Stadt erhalten sind: Das Angebot reichte von der „Damenschlupfhose“ über Wetterhäuschen, Nähmaschinen und „Sprechapparate“ (Grammofone) bis hin zu Waffen und eben Fahrrädern.

Die Räder wurden in den Anfangsjahren aber nicht in Kassel gefertigt, sondern zugekauft. Im Inflationsjahr 1922 wurde ein Herrenrad für 160 000 Mark angeboten. Nur wenige Jahre später gab es das Chasalla-Herrenrad wieder für 57 Reichsmark.

Im Archiv: Dr. Alexander Link vom Stadtmuseum mit einem Sigurd-Fahrrad aus den 1930er-Jahren.

Erst 1926 wurde die eigene Fahrradproduktion aufgebaut, bei der – je nach Auftragslage – zwischen 220 und 300 Mitarbeiter beschäftigt waren. Diese fertigten täglich bis zu 300 Räder. Die Kasseler Qualität, die Rahmen aus gelötetem Stahlrohr, war weltweit gefragt. Einem Artikel der Hessischen Nachrichten ist zu entnehmen, dass die Räder „Made in Kassel“ auch nach Afrika und Südamerika verschifft wurden. 1931 expandierte die Fahrradfabrik und übernahm den Konkurrenten „Stukenbrok“ aus Einbeck.Detailierte Hintergründe und Geschichtliches zu Sigurd in unserem RegioWiki

1933, im Jahr der Machtergreifung der Nazis, zog der jüdische Eigentümer Maybaum nach Berlin und starb 1936. Erbin seiner Anteile war seine zweite Ehefrau Susanne Martel und eine Tochter aus erster Ehe, die ihre Beteiligungen schließlich verkauften.

Die Fabrik: Sie stand an der Leipziger Straße 126-136. Dort befindet sich heute ein Einkaufszentrum (neben Autohaus Glinicke).

Ab 1939 leitete Otto Wilhelm Erdmann die Sigurd KG. Doch nach dem Zweiten Weltkrieg entschied ein Gericht, dass die Firma wieder an Maybaums Erben zurückgegeben werden muss. Es war zu vermuten, dass der Verkauf der Firma unter dem Druck der Naziherrschaft zustande gekommen war.

So wurde die Witwe Susanne Martel in der Nachkriegszeit wieder Inhaberin von Sigurd. Nun wurden auch Mopeds mit Sachs-Motor hergestellt: 1,5 PS und 40 km/h schnell. Bereits vor dem Krieg gab es erste Motorfahrräder.

Mitte der 70er-Jahre stellte Sigurd den Betrieb ein. In ihren letzten Jahren habe die Firma aber kaum noch selber produziert, sondern anderswo fertigen lassen, sagt Dr. Alexander Link, stellvertretender Leiter des Stadtmuseums.

Schaustelle zeigt Exponate

Die Schaustelle des Stadtmuseums (Wilhelmsstraße 2) zeigt aktuell ein Fahrrad aus den 60er-Jahren sowie eine Nähmaschine der Firma Sigurd. Drei weitere Räder und etliche Artikel (Grammofon etc.) der Firma lagern im Archiv des Stadtmuseums. Die Leiterin des Museums, Dr. Cornelia Dörr, kann sich gut vorstellen, diese Ausstellungsstücke bei einer Sonderausstellung im neuen Stadtmuseum zu zeigen. (bal)

Nostalgie: Sigurd-Fahrräder kommen aus Kassel

Marketing anno 1927

Lob der Kunden Sigurd veröffentlichte regelmäßig in seinen Katalogen Kundenreaktionen. Anders als etwa heutige Kundenrezensionen, wie sie auf Internetseiten wie Amazon zu finden sind, schafften es aber nur Lobeshymnen in den Katalog. Hier ein Beispiel von 1927, das der Kunde Karl Grieser aus Weilheim (Oberbayern) verfasste:

„Gut in den Besitz des bestellten Damenrades gekommen, will ich nicht versäumen, Ihnen meine vollste Zufriedenheit auszusprechen. Das Rad macht allerbesten, Vertrauen erweckenden Eindruck, reich und gefällig ausgestattet, jedoch kräftig gebaut, dürfte es allen Ansprüchen genügen. Nicht genug zu loben ist besonders der unglaublich leichte Gang, eine Eigenschaft, welche bei den hiesigen bergigen Straßen des Alpenvorlandes ganz besonders ins Gewicht fällt.“ (bal)

Leser-Aufruf: Erinnerungen gefragt

Haben Sie Erinnerungen an die Firma Sigurd und ihre Fahrräder? Dann schicken Sie uns diese. Die schönsten Erzählungen werden wir demnächst veröffentlichen. Kontakt: kontakt@hna.de oder HNA Lokalredaktion Kassel, Frankfurter Straße 168, 34121 Kassel.

Rubriklistenbild: © Privat

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