Riesige Datenmengen und komplexe Produktionsprozesse

Kasseler Intelligenz für die Welt: Micromata entwickelt Industrie-Software

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Besprechung: Micromata-Chef Kai Reinhard (rechts) berät sich mit Entwickler Christian Schulz. Im Hintergrund sind Hendrik Thole (links) und Ibrahim Rabah zu sehen.

Kassel. Erfolgreiches aus Kassel stellen wir in unserer Serie zum 1100-jährigen Bestehen der Stadt vor. Es geht dabei um Erfindungen, Entdeckungen, Forschung und Innovationen, aber auch um herausragende Produkte und Dienstleistungen „Made in Kassel“. Heute geht es um die Micromata GmbH, die Industrie-Software entwickelt.

Wenn täglich Zigtausende von Postkunden daheim bequem online Paket-Etiketten inklusive Frankierung ausdrucken, dann hat unbemerkt im Hintergrund auch die Kasseler Micromata GmbH die Finger im Spiel – ganz legal natürlich. Denn die Programmierer des mittelständischen Unternehmens haben jene Software entwickelt, die den zeitgleichen Zugriff Tausender von Kunden erst ermöglicht. Und die muss reibungslos funktionieren. Fällt die Intelligenz aus Kassel für Stunden aus, erwachsen dem gelben Riesen Umsatzeinbußen in Millionenhöhe und Micromata ein ernstes Problem mit seinem größten Kunden.

Die Kasseler Spezialisten für individualisierte Industrie-Software sind immer dann gefragt, wenn es darum geht, sehr große Datenmengen in sehr kurzer Zeit verlässlich zu übertragen – und das im Zusammenspiel mit vielen verschiedenen Systemen. „Intelligente Schnittstellenprogrammierung“ nennt dies der Fachmann. Will heißen: Die Micromata-Software sitzt oft als elektronisches Bindeglied zwischen allen (System-) Stühlen und muss mit den Mitspielern harmonieren. Das ist leichter gesagt als getan. In den Produkten der Software-Schmiede auf der Marbachshöhe steckt extrem viel Wissen. „Wir liefern die Software für Weltmarktführer“, sagt Geschäftsführer Kai Reinhard selbstbewusst, aber ohne Überheblichkeit. Micromata arbeitet seit vielen Jahren vornehmlich für die Deutsche Post, VW, B. Braun Melsungen, K + S, Wingas und Gascade.

Mehr Wissen

Einen Überblick über andere Firmen aus der Serie "Made in Kassel" bekommen Sie hier.

Für Volkswagen etwa hat Micromata ein Programm entwickelt, mit dem alle Vertragshändler weltweit einfach und schnell Werbebriefe, Prospekte, Broschüren und Info-Post in einem vorgegebenen Rahmen bis zu einem bestimmten Grad individualisieren, konfigurieren und in der gewünschten Menge anfordern können. Die Bestellung geht direkt in die Druckerei.

Und im sachsen-anhaltinischen Kaliwerk Zielitz des Kasseler K + S-Konzerns sorgen Software-Lösungen aus Kassel dafür, dass das 17 Kilometer lange Geflecht von Förderanlagen und 21 Kippstellen in dem weitverzweigten Stollensystem optimal betrieben wird, sprich – einem reibungslos funktionierenden Verkehrsleitsystem ähnlich – in möglichst kurzer Zeit möglichst viel Kali aus dem Berg schafft. Das spart dem Kali- produzenten viel Geld. Die anderen K + S-Werke sollen entsprechend umgestellt werden.

Micromata wächst schnell. Acht Millionen Euro setzte das regelmäßig für seine Innovationskraft und Mitarbeiterführung sowie für sein soziales und kulturelles Engagement ausgezeichnete Unternehmen im Geschäftsjahr 2012/2013 um – 18 Prozent mehr als im Vorjahr. Derzeit beschäftigt Micromata 95 Mitarbeiter. Bis Jahresende soll die 100er-Marke geknackt werden. Zum Ergebnis macht Reinhard keine konkreten Angaben. Nur so viel: „Wir verdienen gutes Geld“, sagt er. Vor der Zukunft ist ihm nicht bange. „Wir haben gute Produkte und tun viel dafür, dass das so bleibt.“

Hintergrund: Technologie für Produkte von morgen

Die Micromata GmbH wurde 1996 gegründet. Drei Jahre später kam der heute 43-jährige Diplom-Physiker Kai Reinhard als Entwickler ins Unternehmen, wurde 2000 Mitgesellschafter, übernahm nach und nach weitere Anteile und hält seit 2009 90 Prozent an dem Unternehmen. Je fünf Prozent halten ein Mitarbeiter sowie ein Freund und Geschäftspartner.

Neben dem Großkundengeschäft widmet sich Micromata regelmäßig neuen Technologiefeldern. Dabei geht es darum, Produkte zu entwickeln, die erst in einigen Jahren oder noch später die Marktreife erlangen können.

Relativ weit sind die Kasseler beispielsweise mit ihrem elektronischen Wahlsystem Polyas, das die Evangelische Kirche Kurhessen-Waldeck (EKKW) unlängst parallel zum traditionellen Wahlverfahren bei den Kirchenvorstandswahlen mit Erfolg eingesetzt hat. Dabei handelt es sich um ein Online-System, bei dem sich der Wähler mit dem Personalausweis zu erkennen gibt. Dennoch wird die Anonymität des Betroffenen gewahrt. Polyas macht somit Signaturkarten und Identifikationsnummern überflüssig.

Ebenso einsatzbereit ist das Sprengstoffspürsystem Denaid, für das Micromata die Software liefert. Es enthält ein Riesendatenpaket über alle bekannten Sprengstoffe. In einer Art Staubsauger eingebaut erkennt sie die entsprechenden Materialien in Gepäckstücken.

Dabei lernt das System mit. Es merkt sich zunächst nicht identifizierte Substanzen, nimmt diese in die Datenbank auf und ordnet sie dem explosiven oder nicht explosiven Bereich zu. Einsatzgebiete sind See- und Flughäfen, Bahnhöfe und Veranstaltungsstätten.

Von José Pinto

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