Unbestechliche Bierkenner

Made in Kassel: Recop-Anlagen sortieren Mehrweg-Leergut

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Durch diese Anlagen laufen später die Leergutkästen. Dort werden sie fotografiert, damit der Sortierroboter weiß, was auf ihn zukommt. Unser Foto zeigt Tobias Bertram bei seiner Arbeit. Foto: Malmus

Kassel. Die Produkte aus dem Hause Recop Electronic GmbH sind absolute Bierkenner. Wie der beliebte, goldgelbe Gerstensaft schmeckt, wissen sie allerdings nicht.

Sven Böhm (links) und Martin Brückmann führen die Recop-Geschäfte.

Denn die Leergut-Sortiersysteme des mittelständischen Unternehmens im Industriepark erkennen jede Flasche und jeden Kasten an Form, Farbe, Größe, Aufdruck und Relief und geben diese Informationen binnen Sekundenbruchteilen an Recop-Sortierroboter weiter.

Die nehmen die Flaschen mit erschreckender Präzision aus den Kästen und legen sie in die richtigen. Und wenn mal die passende Kiste nicht zur Hand ist, werden die Flaschen zwischengelagert, bis das richtige Behältnis vorbeiläuft. Allein in Deutschland gibt es rund 200 verschiedene Mehrweg-Getränkeflaschen für Bier, Mischgetränke, Wasser und Saft, und mit jeder neuen müssen die Systeme aktualisiert werden.

Sortierplan für Roboter 

Ähnlich einer Sicherheitsschleuse auf dem Flughafen durchlaufen die Kisten gleich zu Anfang des Sortierprozesses täglich zu Tausenden die Erkennungsanlagen aus Kassel. Die fotografieren die Kisten in einer Sekunde bis zu 70 Mal aus allen Blinkwinkeln. Ein komplexes Computerprogramm errechnet in Windeseile einen Sortierplan für die Roboter. Die intelligenten Systeme, die in komplexe Großanlagen bei Brauereien, Mineralwasserabfüllern und auf Sortierung spezialisierten Dienstleistern integriert werden, sind nicht nur schnell und schlau, sondern auch unbestechlich. Beschädigte Flaschen werden aussortiert, ebenso Einweggebinde und Kästen, die Dinge enthalten, die da nicht hineingehören.

Geschäfte laufen gut 

Alle Teile unserer Reihe "Made in Kassel" finden Sie hier.

„Bei der Kamera-Erkennung sind wir richtig gut“, sagt Geschäftsführer und Mitgesellschafter Sven Böhm. Er ist fürs Kaufmännische zuständig, sein Kollege Martin Brückmann für Technik und künstliche Intelligenz. Das Geschäft brummt: im In- und Ausland. 50 Prozent des Jahresumsatzes von zwölf Millionen Euro macht der Betrieb mit aktuell 65 Beschäftigten jenseits der Grenze. Besonders vielversprechend ist der südamerikanische Markt. In Argentinien haben die Kasseler Anlagenbauer bereits Fuß gefasst. Von dort aus wollen sie den großen Subkontinent erschließen.

Das Recop-Geschäftsmodell funktioniert nur, wenn es in dem jeweiligen Land ein Mehrwegsystem mit verschiedenen Flaschen und Kästen gibt. In den USA beispielsweise braucht niemand die intelligenten Anlagen aus Nordhessen, denn dort gibt es nur Einwegflaschen.

Neue Technik 

Seine Existenz in der heutigen Form hat Recop Marketing-Strategen Brauereien zu verdanken, die vor etwa 20 Jahren begannen, die bis dahin übliche, einheitliche, bauchige Euro-2-Bierflasche durch individuelle Gefäße zu ersetzen. „Das war die Geburtsstunde einer neuen Technik, und wir waren von Anfang an dabei“, erklärt Böhm. Recop hat weltweit nur eine Handvoll Wettbewerber und gehört auch zu den Größeren in einer überschaubaren Branche.

In unserer nächsten Folge stellen wir das Werk der Deutschen Bahn vor, in dem Züge gewartet, repariert und modernisiert werden. Es ist eines der modernsten unter den 13 Instandhaltungswerken der Bahn.

Hintergrund: Mit Füllstandskontrolle fing es an

1994 gründeten die Geschäftsleute Werner Recht und Knut Oppermann die Recop GmbH. Das Kunstwort setzt sich aus den Anfangsbuchstaben ihrer Nachnamen zusammen. 2006 haben die beiden Unternehmer den Betrieb an die Brockhaus Private Equity GmbH in Frankfurt verkauft, die sich auf mittelständische Beteiligungen im Technologiebereich spezialisiert hat. In zwei Fonds verwaltet die Gesellschaft 300 Millionen Euro Anlegergeld. Brockhaus hält die Mehrheit an Recop, die Geschäftsführer Böhm und Brückmann halten Minderheitsanteile. Recop stellt neben Leerguterkennungs- und Sortieranlagen Füllstands- und Etikettenkontroll- , Palettier- und Ausschleusungssysteme her. Letztere nehmen beschädigte Kästen und Flaschen aus dem Verkehr. Mit der Füllstandskontrolle fing alles an.

Von José Pinto

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