Versorger setzen auf Kasseler Technik

Wetterfrösche: Enercast prognostiziert Solar- und Windleistung

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Prognosespezialisten: Thomas Landgraf (links) und Bernd Kratz können mit ihren Systemen und Datensätzen verlässlich Wetter sowie Solar- und Windstromleistung vorhersagen.

Kassel. Wer wissen will, wie das Wetter wird, kann sich die Wettervorhersage anschauen oder Thomas Landgraf und Bernd Kratz fragen.

Denn die beiden Kasseler Unternehmer verdienen ihr Geld mit professionellen Wetterprognose-Systemen für die Energiewirtschaft.

Ihr Unternehmen, die Enercast GmbH, sagt zumindest für den Zeitraum von 24 Stunden Windstärke und -richtung, Sonnenscheindauer und -intensität sowie die Temperaturen verlässlich voraus. Auch längere Prognosen – bis zu zwei Wochen können die Systeme in die Zukunft blicken – sind möglich, werden aber mit jedem Tag unpräziser.

Die Kunden der Kasseler Wetterspezialisten kommen aus dem gesamten Bundesgebiet, aus Europa und Übersee. Energieversorger und -händler, Netz- und Kraftwerksbetreiber setzen auf die Datensätze und Rechenverfahren aus Kassel, um Kraftwerke und Energiezukauf zu steuern. Ist viel Sonne und/oder Wind zu erwarten, können Stromerzeugungsanlagen heruntergefahren werden. Bei Flaute und bedecktem Himmel geschieht das Gegenteil.

„Wir machen aus Wettervorhersagen Energieprognosen“, erklärt Landgraf das Geschäftsmodell. Aber was sich so einfach anhört, ist in Wirklichkeit sehr kompliziert. Denn im Enercast-Verfahren werden ständig die aktuellen meteorologischen Daten mehrer deutscher und ausländischer Wetterdienste, sämtliche Prognosen der vergangenen fünf Jahre und die Messdaten von 20 000 Solar- und 1000 Windkraftanlagen zusammengeführt. Daraus errechnen die Systeme, welchen Strombeitrag Wind und Sonne in einer Region oder in einem ganzen Land morgen, übermorgen, in 72 Stunden und mit zunehmender Unsicherheit auch darüber hinaus leisten können.

Dabei lernen die Programme – ähnlich wie Kinder – aus ihren Erfahrungen. „Das ist künstliche Intelligenz“, erklärt Kratz, der Enercast 2011 mit Landgraf aus der Taufe gehoben hat. Die Systeme sind so clever, dass sie beispielsweise wissen, ob Solaranlagen verschneit sind und somit keinen Strom liefern können und die Windrichtung so ungünstig ist, dass eine bestimmte Zahl von Anlagen im Windschatten anderer steht, was die Energie-Ausbeute schmälert. Das Geheimnis des Enercast-Produkts ist laut Kratz die Art und Weise, wie gerechnet wird. Die Rechnerleistung ist derweil gewaltig: 400 Terabyte. Das entspricht 400 gängigen PCs.

Die Geschäfte liefen gut, sagt Langraf. Im vergangenen Jahr setzte Enercast nach seinen Angaben knapp eine Million Euro um, in diesem Jahr sollen es gut eine Mio. werden. Das kleine Unternehmen beschäftigt 20 Mitarbeiter: Mathematiker, Informatiker und Ingenieure. Im Inland haben die Kasseler vier Wettbewerber, international etwa zehn.

Von José Pinto

In unserer nächsten Folge stellen wir den Film- und Fernsehproduzenten B. L. & P. vor.

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