HNA-Serie: Made in Kassel

Schmuggler und Fetischisten als Kunden: 150 Jahre Graviertechnik Plachy

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Blick in die Werkstatt 1962: Der seinerzeit bei Plachy angestellte Graveur Heinz Clobes und die damalige Auszubildende Hella Elken, die heute Schubert heißt. Sie arbeitet bis heute in Teilzeit als Handgraveurin in der Firma .

Kassel. Dem Graveur ist nichts zu schwer: Ob Namensschilder für Mitarbeiter des örtlichen Kreditinstituts oder ein Schriftzug auf dem Sexspielzeug eines Sadomasochisten.

In der vor über 150 Jahren gegründeten Kasseler Firma Graviertechnik Plachy wurden schon unterschiedlichste Kundenwünsche erfüllt.

Auch halfen die Kasseler Graveure – ohne das sie es wussten – einer Schmugglerbande, Alkohol im Millionenwert über die Grenze zu schaffen.

Bis ins Jahr 1861 reicht die Unternehmensgeschichte zurück. Gründer Paul Leidert hatte zuvor offenbar bei dem in Diensten des Landgrafen stehenden Hofgraveur Georg Bernhard Heinicke gearbeitet. In den Folgejahren und bedingt durch Kriegszerstörungen zog der Betrieb, der ursprünglich in Kassels Altstadt beheimatet war, mehrfach um. Seit 1931 befindet er sich an seinem heutigen Standort an der Germaniastraße 2.

Viele weitere Folgen der HNA-Serie Made in Kassel finden Sie hier.

Nach dem Krieg übernahm Hans Plachy die Gravieranstalt und benannte sie um. Wer heute das Geschäft betritt, findet eine Einrichtung vor, die sich seit Jahrzehnten wenig verändert hat. Nur die Chefs haben gewechselt: Auf Karl-Friedrich Albus folgte dieses Jahr Sven Neuhaus (43). Der Graviermeister aus Bad Wildungen hatte ab 1987 in der Firma gelernt.

In der Werkstatt: Sven Neuhaus mit seiner Frau Elena, die als einzige weitere Vollzeitkraft im Betrieb arbeitet.

„Heute ist der Beruf des Graveurs ein Nischenberuf“, sagt Neuhaus. So führe er gemeinsam mit seiner Frau Elena den letzten Fachbetrieb in Kassel. Dennoch habe der Beruf Zukunft. So suche er noch einen Lehrling. Das Arbeitsfeld sei vielfältig.

Seine Firma fertigt nicht nur typische Gravuren und Handgravuren, etwa auf Ringen, sondern arbeitet auch für die Großindustrie. So stellt sie die Kupferelektroden her, die für die Produktion von Plastikteilen nötig sind: etwa die Plastikhauben für Schaumküsse der Marke „Super Dickmann’s“ oder die Deckel für löslichen Kaffee von Lidl.

Straußenei gravieren

Aber auch ungewöhnliche Aufträge bekam der Graveur auf den Tisch: Einen Motorradtank, ein Straußenei und – was er nie vergessen wird – ein Nietenhalsband für einen Sadomasochisten. „Für den habe ich einen Spruch eingraviert. Irgendwas mit Demut und Führung sollte dort stehen“, sagt Neuhaus.

„Der Mann hatte immer ein Bündel Geld in der Tasche.“

Gut in Erinnerung sind dem 43-Jährigen auch die Besuche eines Kunden, der Ende der 90er-Jahre regelmäßig mit seinem Benz vorfuhr. „Der Mann hatte immer ein Bündel Geld in der Tasche.“ Er ließ Prägestempel mit dem Symbol eines Segelschiffs fertigen. Immer ausgefeilter sollten diese werden. Irgendwann kam er nicht mehr. Dafür stand der Zoll vor der Tür der Firma.

Foto aus 60er-Jahren: Standort an der Germaniastraße 2 bis heute fast unverändert.

Es stellte sich heraus, dass der dubiose Kunde litauische Zollbanderolen gefälscht und so Alkohol im Millionenwert geschmuggelt hatte. „Mein Chef fragte damals einen der Zollbeamten, ob seine Stempel so schlecht gewesen sein, dass der Mann aufgeflogen sei. Der Beamte beruhigte ihn, die Stempel seien gut gewesen, aber der Täter habe in zu großem Stil geschmuggelt.“

In der nächsten Folge geht es um die „Rennfüchse“, Kassels einzigsten Sportkindergarten.

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