Made in Kassel: Der Vellmarer Abdichtungsspezialist Kemper

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Riesige Rührwerke: Monteur Marcus Wagner baut einen der „Dissolver“ um. Sie mischen die einzelnen Substanzen zum Endprodukt.

Vellmar. Was haben das Empire State Building in New York, das Capitol in Washington, das Geburtshaus von Mao Zedong, Metro-Stationen in Moskau und das ins Wasser gebaute Rathaus in Reykjavík mit Vellmar zu tun?

Diese Bauten und viele, viele weitere rund um den Globus wurden in Teilen mit Produkten aus dem Hause Kemper abgedichtet oder beschichtet. Was in der Ahnestadt in hochmodernen, geschlossenen Anlagen teils lösemittel- und für die Nachbarschaft in jedem Fall geruchsfrei aus Polyester, Feststoffen, Farben und Pulvern nach rund 1000 streng geheimen Rezepturen automatisch zusammengerührt wird, geht in alle Welt. „Überall, wo anspruchsvolle, komplizierte Abdichtungen nötig sind, werden wir gebraucht. Wir sind Spezialisten für schwierige Fälle“, sagt der Geschäftsführer des Bauchemie-Profis, Andreas H. Wiggenhagen. Kemper arbeitet mit seinen 260 Mitarbeitern – davon 120 am Unternehmenssitz – in einer lukrativen Nische.

Denn hochwertige Flüssigabdichtungen machen gerade fünf Prozent des gesamten Marktes aus. Meistens werden Bitumen oder PVC-Bahnen verwendet. Vorteile der Kemper-Produkte: Es gibt keine Fugen und somit weniger Angriffsfläche für Feuchtigkeit. Hinzu kommt, dass Bitumen- und PVC-Bahnen bei komplexen Konstruktionen häufig an ihre Grenzen stoßen. Die unter dem Namen Kemperol exklusiv im Dachdecker-Fachhandel vertriebenen Produkte sind hart im Nehmen. Sie trotzen den arktischen Temperaturen Alaskas ebenso wie dem tropisch-feuchten Klima Goas in Indien und der sengenden Hitze Arabiens. Ganz gleich, wo die High-Tech-Beschichtungen zum Einsatz kommen: Die wetterfeste Haut ist nicht für Heimwerker und muss fachmännisch aufgebracht werden. Daher schult Kemper die Handwerker regelmäßig. „Nur wenn unsere Produkte richtig verarbeitet werden, halten sie, was wir versprechen: jahrzehntelang“, so Wiggenhagen.

3500 bis 3800 Tonnen verlassen jährlich das Werk an der Holländischen Straße am Ahnepark – meist Standardprodukte. Aber wenn ein Kunde eine Speziallösung braucht, bekommt er sie auch. „Bestellt jemand ein Produkt mit kariertem Marienkäfer-Muster, rühren wir es manuell an“, sagt Produktionsleiter Mark Schriever scherzhaft. Kemper sieht sich als globaler Technologieführer bei hochwertigen Abdichtungs- und Beschichtungssystemen und entwickelt in Vellmar in eigenen Laboren ständig neue Produkte. Zum Beispiel das nach eigenen Angaben neue und weltweit einzigartige „Fallstop“ – eine transparente Flüssigkeit, die auf Lichtkuppeln auf Gebäuden aufgetragen wird. Dadurch werden diese durchsturzsicher, ohne den Lichtdurchlass zu beinträchtigen. Lichtkuppeln müssen gesichert werden. Mit Netzen oder Gittern, was aber vielfach nicht passiert, wodurch es immer wieder zu schweren und tödlichen Unfällen kommt.

AUS DER UNTERNEHMENSGESCHICHTE

Die heutige Kemper System GmbH &Co KG ist aus der Kunststoff & Lackfabrikation Kassel hervorgegangen, die Dr. Heinz Kemper 1957 in Bettenhausen gegründet hat. Zunächst wurden Dispersionsfarben und Einbrennlacke hergestellt. 1963 siedelte das Unternehmen an die Schöne Aussicht nach Vellmar um. 1964 dichtete Kemper erstmals Flachdächer des Volkswagen-Werks in Baunatal mit glasfaserverstärkten Polyesterharzen ab. Weil es 210 Verusche gebraucht hat, die richtige Rezeptur zu finden, nannte Kemper sein Produkt später Kemperol V 210. Diesen Klassiker gibt es in unterschiedlichen Varianten bis heute. Das VW-Dach im übrigens auch.

1982 bezog Kempert seinen heutigen Firmensitz am Ahnepark. Vier Jahre später verkaufte der Gründer an die Kölner Industrie-Beteiligungs-Gesellschaft (IBG), die bis heute sämtliche Anteile hält. Die IBG befindet sich in Familienbesitz. Weltweit beschäftigt der Verbund kleiner und mittelständischer Unternehmen 2150 Mitarbeiter in den Bereichen Schweißtechnik, Wolfram/Keramik und Bauchemie mit ihrer Zentrale in Vellmar. Weitere Produktionsstandorte betreibt Kemper in Coesfeld bei Münster sowie je einen in den USA und Italien. Die IBG veröffentlicht traditionell keine Geschäftszahlen.

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