Wechselunterricht

In manchen Kasseler Schulklassen lernen Mädchen und Jungs jetzt getrennt

Lange nur Mädchen vorbehalten: Die Luisenschule war bis 1979 eine reine Mädchenschule. Unser
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Lange nur Mädchen vorbehalten: Die Luisenschule war bis 1979 eine reine Mädchenschule. Unser

In einigen Kasseler Schulklassen bleiben derzeit die Geschlechter unter sich: Wegen des Wechselunterrichts, der coronabedingt derzeit bis zur Jahrgangsstufe 6 angesagt ist, müssen alle Klassen geteilt werden. Das wird in einigen Grundschul-Klassen so gestaltet, dass nun Jungs und Mädchen getrennt lernen .

Kassel - In der Grundschule Brückenhof-Nordshausen lernen aktuell 3 von 14 Klassen nach Geschlechtern getrennt, bestätigt Schulleiterin Elke Pohlemann auf HNA-Anfrage. Die Entscheidung, wie die Klasse aufgeteilt werde, liege bei den Klassenlehrern. In einer 4. Klasse stehe das Thema Sexualerziehung im Sachunterricht an. Das finde ohnehin in getrennten Gruppen für Mädchen und Jungen statt. Daher habe es sich aus praktischen Gründen angeboten, im Wechselmodell auf diese Aufteilung zu setzen.

In zwei 2. Klassen hätten die Kinder den Wunsch nach der Aufteilung nach Mädchen und Jungs geäußert, um in den Pausen in ihren jeweiligen Freundeskreisen spielen zu können. Zwar habe sie auch erst kurz gezuckt bei der Aufteilung nach Geschlechtern, sagt die Schulleiterin. „Aber es ist ja nur für eine begrenzte Zeit.“ Gewiss wolle niemand in alte Zeiten zurück. In den meisten Klassen der Schule seien die Gruppen ja auch nach wie vor gemischt.

Auch in der Grundschule Kirchditmold gibt es in einer der 13 Klassen derzeit eine reine Jungs- und eine Mädchengruppe. Das sei in dieser 3. Klasse auf ausdrücklichen Wunsch der Eltern und Kinder so entschieden worden, betont Schulleiterin Jutta Reitze-Löber. Der Hauptgrund seien Freundschaften. Eine grundsätzliche Aufteilung nach Jungen und Mädchen wolle man auf keinen Fall, sagt die Rektorin: „Das wäre das falsche Signal.“

Generell achte man bei Klassenteilung für das Wechselmodell darauf, dass Geschwisterkinder an denselben Tagen in die Schule kommen und dass die Lerngruppen in den Klassen leistungsmäßig gemischt seien. Und man nehme eben auf bestehende Freundschaften Rücksicht.

Fest steht: In jeder Schulklasse muss auf irgendeine Weise die Gruppe in zwei geteilt werden. Vom Kultusministerium oder dem Staatlichen Schulamt gibt es keine Vorgaben oder Empfehlungen, wie das konkret zu handhaben ist.

Eine Trennung nach Geschlechtern kam für die Grundschule Waldau jedenfalls nicht in Frage, sagt Schulleiterin Marina Kotulla gegenüber der HNA. Hauptkriterium für die Einteilung sei, dass Geschwisterkinder an denselben Tagen die Schule besuchen. Und man habe die Lerngruppen, die auch während der Aussetzung des Präsenzunterrichts in der Schule zusammen waren, beibehalten. Ansonsten achte man darauf, dass die Gruppen möglichst gemischt bleiben, sagt Kotulla, sowohl was die Geschlechter als auch die Leistungsstärke betreffe.

Dass in den Pausen Jungen und Mädchen aus einer Klasse unter sich bleiben, kann Kotulla bis auf wenige Ausnahmen nicht beobachten. „Wenn es eine gute Klassengemeinschaft gibt, mischt sich das. Dann gehören alle dazu.“ Auch Petra Fichtner-Gade von der Reformschule in Bad Wilhelmshöhe ist eine gute Mischung der Lerngruppen im Wechselunterricht wichtig. „An eine Aufteilung nach Jungen und Mädchen haben wir nicht einen Augenblick gedacht.“

Da an der Reformschule jahrgangsübergreifend jeweils drei Altersstufen zusammen in den Klassen sind, achte man auch im Wechselmodell darauf, dass diese Mischung erhalten bleibe. Zudem achte man auf die übereinstimmende Einteilung von Geschwisterkindern. Und die Lehrkräfte schauten darauf, dass die Mischung auch in sozialer Hinsicht passe. „Das war schon ein ziemlicher Aufwand“, sagt Fichtner-Gade.

An der Carl-Anton-Henschel-Schule in der Nordstadt gebe es in allen Lerngruppen Mädchen und Jungen, sagt die kommissarische Leiterin Sarah Rueda. Grundsätzlich liege die Aufteilung im Ermessen der Klassenleitung. Sie selbst habe ihre Klasse nach leistungsstärkeren und stärker förderbedürftigen Kindern geteilt. So könne man der jeweiligen Gruppe besser gerecht werden, sagt Rueda. Wichtig sei ihr auch, dass jedes Kind in seiner Gruppe auch Freunde habe.

Für die Dauer des Wechselunterrichts für einige Wochen halte er die Aufteilung von Klassen nach Mädchen und Jungen für unproblematisch, sagt Prof. Dr. Martin Hänze. Leiter des Fachgebiets Pädagogische Psychologie an der Uni Kassel. Ziel des Wechselunterrichts sei ja, neben dem gemeinsamen Lernen in der Schule, auch wieder soziale Kontakte für die Kinder zu ermöglichen. Und da herrsche trotz Koedukation und je nach Altersgruppe erfahrungsgemäß ein gewisses Maß an Trennung zwischen den Geschlechtern, so Hänze.

Dennoch sei eine Aufteilung der Klassen nach Geschlechtern längerfristig keine Lösung. „Gemeinsam lernen heißt mit Mitschülern unterschiedlichen Geschlechts, Herkunft, Lernvoraussetzungen zusammenzukommen, so wie auch sonst in der Gesellschaft.“ Es spreche nichts dafür, in Klassen homogene Gruppen nach Geschlecht oder anderen sozio-demografischen Merkmalen zu bilden. „Eher sollte – auch im Sinne des sozialen Lernens – Vielfalt das Ziel sein, sagt der Psychologieprofessor. Für einzelne Themen oder Unterrichtsprojekte könne es gleichwohl sinnvoll sein, geschlechtergetrennte Gruppen zu bilden. (Von Katja Rudolph)

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