Interview

Lokalpatriotismus der Kasseler: "Wir mähren, aber lieben unsere Stadt"

Symbole der Stadt

Kassel. Den Kasselern wird ein ambivalentes Verhältnis zu ihrer Stadt nachgesagt: Sie gelten als heimatverbunden, gleichzeitig mähren sie gern über ihren Wohnort.

Über das Phänomen des Lokalpatriotismus und seine Ursachen sprachen wir mit der Psychologie-Professorin Dr. Heidi Möller von der Universität Kassel.

Sind Sie eine Lokalpatriotin?  

Heidi Möller: Zunehmend mehr. Ich gebe zu, dass mir der Anfang in Kassel nicht leicht gefallen ist. Als ich vor acht Jahren vom wunderschönen Innsbruck nach Kassel kam, habe ich schon von Zeit zu Zeit gedacht: Was habe ich bloß getan? Kassel bedeutet Liebe auf den zweiten Blick.

Woran merken Sie Ihre Identifikation mit der Stadt? 

Möller: Wenn Auswärtige schlecht über die Stadt sprechen, werde ich inzwischen richtig zornig. Ich kann es nicht ertragen, wenn Negatives über Kassel erzählt wird.

Die von Ihnen geschilderte Verteidigungshaltung finden Sie bei vielen Kasselern. Woraus resultiert sie? 

Möller: Die Verteidigungshaltung tritt dann auf, wenn Angriffe von außen kommen. Hoch lebe der Außenfeind! Hier erleben wir ein sozialpsychologisches Phänomen: Gruppen schließen sich zusammen, wenn eine Bedrohung von außen kommt. Die Kasseler mähren zwar untereinander gern rum, wenn ein Auswärtiger Kritik übt, entsteht aber ein Schulterschluss.

Wie passt es zusammen, dass die Kasseler dennoch viel über ihre Heimat schimpfen? 

Möller: Ich finde, das Mähren ist deutlich weniger geworden. Aber man muss sehen, die Kasseler hatten jahrzehntelang ein schweres Erbe zu tragen: Erst ihr Ruf als ehemalige Hochburg der Nazis und später die Randständigkeit im geteilten Deutschland mit all den damit verbundenen Strukturproblemen. Es fiel vielen Menschen schwer, sich mit ihrer Stadt zu identifizieren.

Dies hat sich nun geändert? 

Möller: Ja, viele sind inzwischen stolz auf ihre Stadt. Die positive Zuwendung hat auch mit der Anerkennung von außen zu tun: Das begann mit dem Anschluss der Stadt ans ICE-Netz im Jahr 1991 und wurde zuletzt durch die Auszeichnung als dynamischste Stadt Deutschlands und Weltkulturerbe fortgesetzt. Auch die Uni hat eine Entwicklung in Siebenmeilenstiefeln hingelegt.

Warum entwickeln manche Menschen lokalpatriotische Gefühle und andere nicht? 

Möller: Das hängt von dem Selbstkonzept ab: Für mich etwa ist es wichtig, dass ich dort, wo ich lebe, gern bin. Auch spielt eine Rolle, welche Mobilitätserfahrungen ich im Hintergrund habe. Also, ob meine Eltern häufig den Wohnort gewechselt haben. Internationalität und lokales Zugehörigkeitsgefühl sind aber kein Widerspruch. Viele fühlen sich den Anforderungen der Globalisierung nur gewachsen, wenn sie wissen, wo sie hingehören.

Worauf gründet eigentlich das Gefühl, sich mit einem Ort verbunden zu fühlen? 

Möller: Niemand liebt den Herkules an sich. Der Ort allein reicht nicht. Wichtig sind die Menschen, die wir mit dem Ort verbinden.

Wünschen Sie sich mehr Lokalpatriotismus? 

Möller: Es würde mich freuen, wenn die Kasseler aus ihrer autoaggressiven Selbstabwertung noch weiter herauskommen. Da hat Kassel Nachholbedarf. Viele Anzeichen einer selbstbewussten Identifikation sind erkennbar: Das zeigen die vielen Bürgerinitiativen, die sich mit Fragen der Stadt beschäftigen und das starke ehrenamtliche Engagement in Kassel. Das ist etwas Besonderes.

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