Professor der Uni Kassel sorgt für leise Kreissägen

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Noch kreischt sie: Wer an einer Kreissäge arbeitet, muss einen Hörschutz tragen. Professor Ralf-Kiran Schulz, der im Dezember von der TU Berlin an die Universität Kassel gewechselt ist, entwickelt derzeit ein Verfahren, um den Lärm von Kreissägen auf bis zu 70 Dezibel zu verringern. Ein Hörschutz wäre dann nicht mehr nötig.

Kassel. Lärmschwerhörigkeit ist in Deutschland nach wie vor die häufigste anerkannte Berufskrankheit. Im Jahr 2010 verzeichneten Berufsgenossenschaften 11.500 neue Verdachtsanzeigen, fast 6000 Fälle wurden anerkannt.

Wie viele Anzeigen jährlich auf das Konto von Kreissägen gehen, ist zwar nicht bekannt. Geht es nach Professor Ralf-Kiran Schulz, werden die kreischenden Maschinen künftig aber gar keine Hörschäden mehr verursachen. Er entwickelt derzeit ein Verfahren, dass Kreissägen zwar nicht verstummen, sie aber merklich leiser werden lässt.

„Am Arbeitsplatz ist persönlicher Gehörschutz ab 85 Dezibel vorgeschrieben, Kreissägen erreichen mehr als 90 Dezibel“, sagt Schulz, der seit Dezember am Fachgebiet Arbeitslehre der Uni Kassel forscht. Grund für den Lärm der rotierenden Stahlscheibe sei vor allem das schwingende Sägeblatt. Um die Schwingungen zu mindern, setzt der 45-Jährige auf die Kraft der Magnete. „Wenn Stahl schwingt, strahlt er auch ein Magnetfeld ab“, erklärt Schulz, der diesem Magnetfeld ein zweites entgegensetzt.

Dafür misst er mithilfe eines Computerprogramms und Sensoren die Schwingungsstärke der Kreissäge und überträgt sie auf sogenannte Aktuatoren. „Aktuatoren wandeln elektrischen Strom in eine andere physikalische Größe, hier in ein Magnetfeld, um.“ Unter der Arbeitsfläche nahe dem Sägeblatt befestigt, erzeugen die aus einem Spezialmaterial gefertigten Wandler dann in Echtzeit ein Magnetfeld, das im Idealfall das der Säge überlagert. Die Folge: Schwingungen und Lärm werden minimiert.

Mit seinem Forschungsprojekt steht Schulz allerdings erst am Anfang: Die Software ist bereits programmiert, der erste Satz Aktuatoren fertiggestellt. Nächster Schritt wird der Bau eines Modells sein, mit dem er testet, wie klein die Aktuatoren sein dürfen und wie groß der Abstand zum Sägeblatt sein sollte, um ein möglichst gleichwertiges Magnetfeld zu erzeugen.

Exakterer Schnitt

Schließlich hat Schulz ambitionierte Ziele: „Wir wollen den Lärm einer Kreissäge auf bis zu 70 Dezibel senken.“ Das entspräche etwa der Lautstärke eines Staubsaugers. Sollte das gelingen, müssten Tischler, Schreiner und Heimwerker künftig keinen Gehörschutz mehr tragen. Ein weiterer positiver Nebeneffekt: Sägeblätter, die weniger schwingen, sorgen auch für exaktere Schnitte.

Als Professor für Arbeitslehre kümmert Schulz sich in erster Linie um die Lehrerausbildung. Dort hat sein aktuelles Forschungsprojekt auch seinen Ursprung. „Ziel der Arbeitslehre ist die Verbindung von theoretisch-reflexivem und praktisch-handelndem Lernen im Projekt“, sagt Schulz. Dies setze auch praktischen Unterricht, beispielsweise in einer Holzwerkstatt, voraus - verbunden mit lärmenden Maschinen.

Er geht aber davon aus, dass geräuscharme Kreissägen nicht nur in Lernwerkstätten nachgefragt sind: „Das könnte ein echter Markt werden.“

Von Sebastian Schaffner

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