Versuchter Mord: 55-Jähriger gab mutmaßliches Tatwerkzeug bei einer Freundin ab

Tod per Mail angekündigt

Verschlossen: Der 55-Jährige auf der Anklagebank des Kasseler Landgerichts. Zeichnung: Reinckens

Kassel. Zweiter Verhandlungstag im Prozess um versuchten Mord am Jungfernkopf: Das Kasseler Landgericht hört drei Zeuginnen und einen Zeugen, die dem Angeklagten nahestanden. Die beschreiben den 55-Jährigen als ruhigen Mann.

Dem Kasseler wird vorgeworfen, seine Exfreundin bei einem Besuch in deren Wohnung heimtückisch und brutal attackiert zu haben. Die Zeugen berichten über einen, der bei Streit wegging - und der extrem wenig Persönliches preisgab.

„Er ist so sehr verschlossen – er hätte mir gar nichts gesagt“, sagt eine Frau, die über 20 Jahre mit dem Angeklagten zusammenlebte, bevor der völlig unangekündigt auszog. Hohe Erwartungen an ein klärendes Gespräch hatte sie nicht. Sie seien trotzdem Freunde geblieben, sagt die Zeugin. Ein Freund, in dessen Laden der Angeklagte drei bis vier Mal pro Woche nach der Arbeit vorbeischaute, sagt: „Ich habe gedacht, ich kenne ihn sehr gut.“ Tatsächlich aber habe er es noch nicht einmal mitbekommen, als der Kumpel bei der Nebenklägerin – seiner nächsten Lebensgefährtin – ausziehen musste. Der 55-Jährige sei immer gleich freundlich gewesen, „eigentlich wie ein Roboter“.

Auch am Tag der blutigen Vorfälle soll der 55-Jährige nachmittags im Laden gewesen sein, bevor er zur Nebenklägerin fuhr, die er noch oft auf einen Kaffee traf. Niemandem sei etwas aufgefallen, sagt der Zeuge.

Einige Stunden später telefonierte der Angeklagte mit einer eng befreundeten Kollegin. Er habe so verstört geklungen, wie sie noch nie einen Menschen gehört habe, sagt die Frau dem Gericht. Doch später an jenem Abend, als der 55-Jährige vorbeikam, um eine Tüte bei ihr abzugeben, habe er behauptet, es sei alles in Ordnung. Er habe aber auch gesagt, er habe ihr eine E-Mail geschrieben. Die habe sie dann gelesen.

Auch im Gericht wird der Text verlesen: „Es ist vollbracht“, steht da. „Leider wirst du diese Mail erst lesen, wenn es mich nicht mehr gibt.“ Die Kollegin solle Nachrichten schauen und die Zeitung lesen. Sie rief die Polizei an. Da war der 55-Jährige schon mit dem Auto gegen einen Brückenpfeiler geknallt.

Sie habe dann die Tüte inspiziert, sagt die Zeugin. Sie fand den erwarteten Paketscanner, den sie auf der Arbeit abgeben sollte – allerdings sah das Ding aus, als klebe Blut daran. Da habe sie dann ein zweites Mal bei der Polizei angerufen.

Zum Prozessauftakt hatte der Angeklagte erklärt, er könne sich ab seiner Ankunft am Haus der Nebenklägerin an nichts mehr erinnern – erst wieder daran, wie er in einem Krankenhaus erwachte. Suizidal sei er nicht gewesen.

Der Prozess wird fortgesetzt.

Von Katja Schmidt

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.