„Es ist nicht schön, den ganzen Tag zuhause zu sitzen“

Im Corona-Lockdown: So fühlen sich Gastronomen, Schauspieler und andere, wenn die Arbeit fehlt

Wartet, dass er wieder seine Gäste empfangen kann: Werner Körber, Wirt vom Schillereck.
+
Wartet, dass er wieder seine Gäste empfangen kann: Werner Körber, Wirt vom Schillereck.

Der Corona-Lockdown hat viele Menschen in eine wirtschaftliche Krise gestürzt. Aber ihnen fehlt nicht nur das Geld, sondern auch die Arbeit. Wie ist es, wenn man plötzlich ganz viel Zeit hat?

Der Gastronom

Werner Körber (63) betreibt seit 14 Jahren die Gaststätte Schillereck. In der Gastronomie arbeitet er seit fast 50 Jahren. Er ist alleinstehend und lebt in Harleshausen:

Am meisten fehlen mir meine Gäste. Ein Leben ohne Herzlichkeit und Gastfreundschaft ist für mich nahezu unvorstellbar. Aus vielen Kunden sind über die Jahre gute Freunde geworden. Man weiß, wer wann zum Kegeln oder zum Essen kommt und da freut man sich drauf.

Mein Schillereck ist für mich Heimat. Ich verbringe normalerweise mehr Zeit dort als zuhause. Ich stehe in der Küche, genauso wie hinter der Bar, sonst habe ich keine Ruhe. Die letzten zehn Jahre habe ich keinen Urlaub gemacht, weil mir einfach so viel daran liegt. Auch mein Team vermisse ich.

Ich hab die erste Zeit des Lockdowns genutzt, um zuhause erstmal alles ordentlich zu machen. Aber irgendwann langweilt man sich doch. Ein Gastronom hat nicht den Rhythmus, dass er um 8 Uhr aufsteht. Die fehlenden Termine sind absolut ungewohnt und man fühlt sich ein bisschen überflüssig. Es fehlt einfach was. Der ganze Ablauf, den man vorher hatte, ist nicht mehr da.

Am Anfang hat man gedacht, es ist vielleicht ganz gut, wenn man jetzt mal Zeit hat, um runterzukommen. Aber ich bin mittlerweile weit genug unten und will endlich wieder arbeiten. Viele Gäste rufen an und fragen, was ich mache oder schreiben Nachrichten. Das tut gut.

Ich hatte angedacht, Essen zum Mitnehmen anzubieten. Aber da war die Nachfrage sehr gering, da meine Gäste auch wegen der Kegelbahnen oft von auswärts kommen. Ich hätte zu viel wegwerfen müssen. Ich hatte 1000 Vorbestellungen zu Gänseessen, die dann nicht stattfinden konnten. Ich hätte ein Angebot zum Mitnehmen anbieten können, aber habe mich bewusst dagegen entschieden. Die Qualität eines Gänsebratens würde beim Transport massiv leiden. Manchmal koche ich in diesen Tagen für meinen Sohn und seine Familie, die freuen sich, wenn der Opa sie versorgt.

Die Unterstützung durch das Kopf-Hoch-Kassel-Programm und vom Staat, das hat alles gut funktioniert, so dass man nicht in ein so tiefes Loch fällt. Einbußen sind vorhanden, aber genauso der Mut, die Ärmel hochzukrempeln, wenn es wieder losgehen kann. Ich bin 63, aber ich habe jetzt genug Ruhestand gehabt, damit würde ich wohl ohnehin nicht gut zurechtkommen. Da würde mir was fehlen. Nach 50 Jahren in der Gastronomie hätte ich nicht gedacht, dass ich sowas wie Corona nochmal mitmachen muss. Da bin ich wohl nicht der Einzige.  

Der Schauspieler

Bernd Hölscher (49) lebt seit zehn Jahren in Kassel und arbeitet als Schauspieler am Staatstheater. Auch in einigen Film- und Fernsehproduktionen ist er zu sehen. Gerade im Film „Wir können nicht anders“ von Detlef Buck, der auf Netflix zu sehen ist. Hölscher lebt mit seiner Familie im Vorderen Westen:

Ich habe das Glück, dass ich eine Tochter habe, sodass mein Tagesablauf im Lockdown schon durch das gemeinsame Frühstück vor dem Beginn ihres Online-Unterrichts strukturiert wird. Normalerweise war ich tagsüber immer zum Proben im Theater.

Die jetzige Situation ist unbefriedigend. Wir machen den Job ja letztendlich, weil wir alle es lieben, vor Publikum aufzutreten. Es geht beim Theater um Austausch. Es geht um den Augenblick, in dem man gemeinsam mit dem Zuschauer eine fiktive Gegenwart durchlebt. Dieses Hauptglück unseres Berufs fehlt momentan. Immerhin hat man viel Zeit, sich auf sich selbst zu besinnen. Es wird einem aufs Neue bewusst, warum man diesen Job so gerne macht. Das ist wie bei vielen Dingen: man merkt erst, was man daran hat, wenn sie nicht möglich sind.

Dabei bin ich noch in einer komfortablen Situation, weil ich zum einen meine Familie, und zum anderen noch bis zum Sommer einen festen Vertrag habe. Auch hatte ich noch einige Drehs, die mit speziellen Hygienekonzepten einfacher zu realisieren sind als Theater mit Publikum. Viel schlimmer trifft es die freischaffenden Kollegen. Einige überlegen schon, den Beruf zu wechseln. Auch ich habe mich erkundigt, wie man eventuell als Quereinsteiger in den Lehrerberuf kommen könnte. Momentan kann man einfach schwer sagen, was sein wird. Ich hoffe sehr, dass wir baldmöglichst wieder proben und wir auch wieder in unserer gewohnten Art Theater erleben dürfen.

Sortiert seine Musiksammlung: Lars Bode alias DJ Lars Palmas.

Der DJ

Lars Bode legt als DJ Lars Palmas auf und arbeitet seit 19 Jahren in der Tonträgerabteilung von Saturn im City-Point. Er lebt mit seiner Frau und deren Tochter (12) in Mitte:

Ich weiß noch genau, wann ich das letzte Mal aufgelegt habe. Das war voriges Jahr am 1. Februar im Theaterstübchen, wo ich die Leute einmal im Monat zum Tanzen bringe – mit allem, was funky, rockig und groovig ist und Niveau hat. Seit 1986 habe ich in fast allen Kasseler Clubs aufgelegt. Außerdem spiele ich auf Hochzeiten, Geburtstagen und Firmenfeiern. Vor einigen Jahren hatte ich so viele Anfragen, dass ich überlegt habe, nur noch als DJ zu arbeiten.

Heute bin ich froh, dass ich meinen Job als Tonträgerfachverkäufer bei Saturn nicht aufgegeben habe – auch wenn wir seit dem 16. Dezember in Kurzarbeit sind. Mir fehlen das Lampenfieber, und das Tanzen im Club. Ich lebe die Musik. Manchmal tanze ich zu Hause allein. Dort sortiere ich meine Musik-Sammlung. Ich habe 10.000 Platten und 3000 CDs. Oft entdecke ich eine alte Scheibe wieder und denke: Die wirst du unbedingt spielen, wenn Corona vorbei ist.

Meine Frau, die im Lebensmitteleinzelhandel arbeitet, sagt schon mal zu mir: „Du hast es gut. Du kannst den ganzen Tag zuhause sitzen.“ Aber so schön ist das wirklich nicht. Mir ist nicht langweilig – obwohl ich kein Netflix habe. Ich habe schon den ganzen Keller aufgeräumt und auch viel über das Leben nachgedacht. Aber ich will auch mal wieder ausgehen, ausrasten und mit Freunden in einer Kneipe sitzen.

Ganz schlimm ist es für DJs, die keinen anderen Beruf haben wie ich. Ich kenne Freunde, die sich jetzt einen anderen Job suchen müssen. Es gibt ja auch viele DJs, die gar keine sind, sondern Laptop-Typen, die auf der Kirmes auflegen. Ich hoffe, dass die guten DJs die Krise überleben.

Der Fitnesstrainer

Constantin Hesse (29) ist Fitness- und Gesundheitsmanager, arbeitet als Personal Trainer/Kursleiter und lebt mit seiner Familie in Niederzwehren:

Vor Corona habe ich als Coach in Fitnessstudios und Unternehmen in Kassel und Umgebung gearbeitet. Weil Fitnessstudios zu sind und die meisten Mitarbeiter der Firmen im Homeoffice, komme ich nun nur noch auf ein Drittel der Arbeitsstunden. Das sind erhebliche Einbußen. Aber dank der staatlichen Ausgleichszahlungen werde ich die Pandemie als Selbstständiger überstehen.

Das viel größere Problem als das Geld ist die Ungewissheit, wie sich der Sport- und Fitnessmarkt nach Corona entwickeln wird. Wird es Unternehmen noch wichtig sein, in die Gesundheit ihrer Mitarbeiter zu investieren?

Ein Teil meiner Arbeit habe ich ins Netz verlegt. Ich halte meine Übungsstunden über Videokonferenzen ab. Auch für die HNA-Fitnessaktion 06dreissig habe ich Clips aufgenommen. Das ist anstrengender, weil ich eine ganze Stunde zu 100 Prozent selbst mitmache statt die Übungen vorzumachen und dann die Teilnehmer zu korrigieren.

Zudem bin ich gerade zum zweiten Mal Vater geworden. Ich weiß jetzt wieder, wie anstrengend es mit einem Baby ist im Vergleich zu einem dreijährigen Kind.

Die Kosmetikerin

Silivia Valle (55) ist Kosmetikerin und Fußpflegerin und arbeitet im Institut Angelique im Vorderen Westen:

Unter allen Geschäften, die vom Lockdown betroffen sind, glaube ich, dass die Kosmetik-Institute eine vergessene Branche sind. Wir leiden sehr. Ich habe seit dem 2. November meinen Laden an der Wilhelmshöher Allee geschlossen. Jetzt wird es langsam knapp. Das Geld fließt zu langsam. Die letzte Überbrückungshilfe habe ich für November bekommen. Ich lebe von meinen Ersparnissen. Dabei muss ich natürlich die Ladenmiete weiter zahlen. Was ich im ersten Lockdown vom Staat bekommen habe, musste ich zurückzahlen.

Dabei geht es mir gar nicht nur ums Geld: Ich liebe meinen Beruf. Ich möchte so gerne wieder arbeiten, genauso wie meine Freundin und Kollegin Annette Jakobi in Ahnatal und alle anderen. Im Geschäft darf ich bestellte Kosmetikprodukte an Kunden rausgeben. Die fertige ich an der Türe ab und mache wieder zu. Das tut richtig weh.

Wenn die Geschäfte wieder langsam öffnen dürfen, sind garantiert die Friseure dabei, aber wir werden nicht mal erwähnt. Ich weiß nicht warum. Ich biete auch medizinische Fußpflege an und kann meinen Kunden, die mich ja brauchen, gar nicht erklären, warum ich zu habe. (Kathrin Meyer, Matthias Lohr, Christina Hein)

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren:
Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.