Ahmed I. ist sich sicher, dass Stephan Ernst ihn am 6. Januar 2016 attackiert hat

Ahmed I. über den Angriff auf ihn: „Man hat mir mein Recht nicht gegeben“

Ahmed I. während des Prozesses am Oberlandesgericht Frankfurt. Dort wurde verhandelt, ob der Mörder von Walter Lübcke, Stephan Ernst, ihn mit einem Messer angegriffen hat.
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Kam 2015 aus dem Irak nach Deutschland: Am 6. Januar 2016 wurde Ahmed I. in Lohfelden von hinten von einem Radfahrer niedergestochen und schwer verletzt. Ahmed I. glaubt, dass es Stephan Ernst war. Doch in diesem Fall wurde der Mörder von Walter Lübcke vom Oberlandesgericht Frankfurt freigesprochen.

Am 6. Januar 2016 wurde Ahmed I. in Lohfelden mit einem Messer angegriffen. Wie geht es ihm heute? Und was denkt er über den Lübcke-Mörder Stephan Ernst, den er für den Angriff verantwortlich macht?

Kassel – Vor sechs Jahren wurde Ahmed I. mit einem Messer in der Nähe der Flüchtlingsunterkunft Lohfelden niedergestochen und schwer verletzt. Lange glaubte dem Iraker niemand, dass er Opfer eines rassistischen Angriffs gewesen sein könnte. Nach dem Mord am Regierungspräsidenten Walter Lübcke wurde der Kasseler Rechtsextremist Stephan Ernst angeklagt, auch für den Angriff auf Ahmed I. verantwortlich zu sein. Laut dem Anwalt von Ahmed I. gibt es eindeutige Indizien, die gegen Ernst sprechen. Trotzdem wurde er in diesem Fall freigesprochen. Wir sprachen mit Ahmed I. (28).

Wie geht es Ihnen mittlerweile?

Nicht gut. Körperlich geht es mir schlechter als früher. Und auch psychisch ist es nicht besser geworden. Nachts schlafe ich nicht. So geht es mir seit sechs Jahren, seit dem 6. Januar 2016. Für mich hat sich nach dem Angriff alles verändert. Und seit dem Prozess in Frankfurt ist es noch schlimmer geworden. Rechtsextreme kennen jetzt meinen Namen und mein Gesicht.

Wie groß ist Ihre Angst, wieder Opfer eines Anschlags zu werden?

Groß. Ich kann mir nie sicher sein, dass nicht wieder so etwas passieren wird. Es kann heute passieren, morgen oder erst in einigen Jahren. Deshalb gehe ich abends alleine nicht mehr raus. Auch tagsüber bin ich vorsichtig.

Für Sie und die anderen Nebenkläger muss der Prozess in Frankfurt sehr kräftezehrend gewesen sein: Wie blicken Sie auf die monatelange Verhandlung zurück?

Der Prozess war eine große Enttäuschung für mich. Ich hatte viel Hoffnung, dass nun alles aufgeklärt wird. Aber man hat mir mein Recht nicht gegeben. Ich denke, dass Stephan Ernst der Täter war. Bei ihm zuhause hat man ein Messer gefunden mit Spuren, die zu meiner DNA passen.

Der Vorsitzende Richter Thomas Sagebiel hat Sie ziemlich rüde vernommen, wie Beobachter kritisiert haben. Hat Sie der Ton im Gericht verletzt?

Ich hatte den Eindruck, der Richter hatte keine Lust auf meine Aussage. Ich wollte reden, aber er hat mich nicht ausreden lassen und hat ständig auf die Uhr geschaut. Oft hat er mich gar nicht angeschaut. Und als Stephan Ernsts Verteidiger Mustafa Kaplan mich immer wieder Dinge gefragt hat, die nichts zur Sache tun, zum Beispiel, ob ich Kurde oder Araber sei, ist er nicht eingeschritten. Es gab viele Unterstellungen und Vorwürfe gegen mich. Wir sind aber in einem Gericht, nicht auf der Ausländerbehörde oder auf dem Bamf, und es ging darum, aufzuklären, wer mir mein Leben nehmen wollte. Markus H. hat die ganze Zeit gelacht, und auch da ist der Richter nicht eingeschritten. Zeitungen und Fernsehsender haben mich gezeigt. Aber das Gericht hat sich nicht für mich interessiert. Ich dachte, vor Gericht sollen alle Menschen gleich sein – ob Deutsche oder Ausländer. Das war aber nicht so. Der Tag meiner Aussage war schlimm. Bis dahin hatte ich Hoffnung, danach nicht mehr.

In Ihrem Fall wurde der Angeklagte freigesprochen. Was macht Sie so sicher, dass Stephan Ernst der Täter war?

Viele Menschen, die den Prozess beobachtet haben, sind sich sicher, dass er es war. Auch der Oberstaatsanwalt Herr Killmer hat das so gesehen. Stephan Ernst hat selbst gesagt, dass er am 6. Januar 2016 einen Ausländer angegangen hat wegen der Silvesternacht in Köln. Ich habe der Polizei damals von Anfang an immer wieder gesagt, dass ich denke, dass ich von einem Rechtsextremen angegriffen wurde. Ich war erst kurze Zeit in Deutschland. Ich hatte mit niemanden Streit oder Probleme. Ich habe meine Zeit ausschließlich in der Unterkunft verbracht. Ich wusste, dass es Rassisten gibt, die Geflüchteten Gewalt antun wollen nach Köln. In dem Haus von Stephan Ernst wurde ein Messer gefunden mit DNA, die zu meiner passt. Er wohnte auch in der Nähe der Unterkunft, wo ich gelebt habe, und ist dort immer vorbei gefahren auf dem Weg zur Arbeit. Die Unterkunft, in der ich gewohnt habe, ist auch die, über die Walter Lübcke gesprochen hat. Dann wurde er von ihm ermordet. Das kann alles kein Zufall sein.

Das Messer, das die Tatwaffe sein könnte, wurde erst nach dem Lübcke-Mord bei Stephan Ernst sichergestellt. Haben die Ermittler Ihrer Ansicht nach versagt?

Sie haben mir nicht geglaubt. Ich wurde nicht ernst genommen. Ich habe von Anfang an gesagt, es war ein Rassist, aber sie haben zuerst in eine ganz andere Richtung ermittelt. Lange habe ich mich behandelt gefühlt, als wäre ich ein Täter und kein Opfer. Ich wurde zum Beispiel ohne Vorwarnung mehrmals abgeholt und befragt oder auch direkt nach meiner OP – damals als ich gerade erst aus der Narkose aufgewacht bin. Es war schlimm für mich. Stephan Ernst hatte auch kein Alibi. Er hat auch früher schon einen Menschen mit einem Messer angegriffen und ist rechtsextrem. Die Polizei wusste das alles – warum haben sie nicht sein Haus durchsucht? Ich kann das einfach nicht verstehen. Man hat ihn nur kurz befragt. Das war es. Wenn die Polizei vor der Tür steht, sagt doch niemand: „Ja, ich habe das getan und wollte einen Menschen mit einem Messer töten.“ Die Polizei hätte genauer nachfragen und ermitteln müssen. Es sind viele Fehler passiert.

Wie groß ist Ihr Vertrauen in die deutschen Behörden?

Ich kann keinem Polizisten, keinem Richter und keiner Behörde mehr vertrauen. Ich wurde verraten, und niemand hat mir geglaubt. Wenn die Polizei mich damals ernst genommen hätte und genauer gearbeitet hätte, würde Walter Lübcke vielleicht noch leben.

Es gab noch weitere Vorfälle, wegen derer Sie sich an die Polizei wenden mussten.

Einmal versuchte jemand, in meine Wohnung zu kommen. Jemand hat auch ein Hakenkreuz vor meine Tür gemalt nach dem Angriff auf mich. Polizisten haben mir danach nur eine Telefonnummer gegeben, die ich anrufen könnte.

Gegen das Urteil von Frankfurt haben Sie mit Ihrem Anwalt Alexander Hoffmann Revision eingelegt. Wollten Sie manchmal aufgeben?

Es ist schwer, aber wir kämpfen trotzdem weiter. Ich werde weiter darüber sprechen, was mir passiert ist und über meine Erfahrungen mit der Polizei, Behörden und dem Gericht. Ich hoffe, der Untersuchungsausschuss des Landtags wird mehr aufklären.

Haben sich Politiker bei Ihnen gemeldet und gefragt, wie Ihnen geholfen werden kann?

Nein, noch nie. Das enttäuscht mich. Manchmal denke ich, sie wollen mir damit sagen: „Geh wieder in das Land, wo du herkommst.“

In den Medien werden Sie immer wieder als „Flüchtling“ bezeichnet. Warum lehnen Sie den Begriff ab?

Ich bin geflüchtet, ja. Aber ich hatte wenig Rechte. Ich durfte noch nicht einmal Kassel verlassen nach dem Angriff auf mich, obwohl der Täter frei war und ich in Angst lebte. Ich durfte nicht umziehen.

Kennen Sie den Obelisken in der Treppenstraße? Auf dem Kunstwerk steht: „Ich war ein Fremdling und ihr habt mich beherbergt.“

Ich habe den arabischen Satz gelesen, als der Obelisk noch auf dem Königsplatz stand. Für mich fühlt es sich nicht so an. Ich war wenige Monate in Kassel und wurde mit einem Messer angegriffen und danach nicht geschützt, mir wurde nicht geglaubt und ich wurde nicht ernst genommen. Ich habe keine Sicherheit bekommen.

Im Irak waren Sie auch Musiker. Machen Sie wieder Musik?

Nein, wenn man Musik machen will, braucht man einen freien Kopf. Ich aber habe Schmerzen und viele Probleme nach dem Angriff. Ich kann im Moment keine Musik machen. Ich will nur gesund werden.

Was würden Sie Stephan Ernst sagen, wenn Sie auf ihn treffen würden?

Ich würde ihm sagen: „Warum hast du Angst, die Wahrheit zu sagen? Damals hattest du auch keine Angst, mich anzugreifen.“

(Matthias Lohr)

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