1. Startseite
  2. Kassel

„Man ist ein Einzelkämpfer“:  Sylvia Hielscher aus Kassel hat ihre Mutter gepflegt

Erstellt:

Von: Anna Weyh

Kommentare

Sie ist emotional und körperlich ausgebrannt: Sylvia Hielscher hat fünf Monate lang ihre Mutter bei sich zu Hause gepflegt.
Sie ist emotional und körperlich ausgebrannt: Sylvia Hielscher hat fünf Monate lang ihre Mutter bei sich zu Hause gepflegt. © anna weyh

Sylvia Hielscher hat sich fünf Monate lang um ihre pflegebedürftige Mutter gekümmert. Vom Gesundheitssystem fühlt sich die Kasselerin im Stich gelassen.

Kassel – Die Mutter von Sylvia Hielscher wurde über Nacht zum Pflegefall – und die Kasselerin damit zur pflegenden Angehörigen, die rund um die Uhr für ihre halbseitig gelähmte Mutter da sein musste. Was folgte, waren unzählige Behördengänge, Telefonate, Anträge und Besorgungen. Große körperliche, seelische sowie finanzielle Herausforderungen, die die private Pflege für einen Angehörigen mit sich bringt, kamen noch hinzu. Heute, fünf Monate später, ist die 56-Jährige ausgebrannt, wie sie selbst sagt. Sie steht vor einem Scherbenhaufen.

Nachdem ein Tumor aus dem Kopf ihrer Mutter entfernt wurde, wachte sie nach der Operation halbseitig gelähmt auf. Ihre Wohnung in Witzenhausen musste die 81-Jährige, die bis dahin noch gut allein zurechtkam, aufgeben. Sylvia Hielscher holte sie zu sich nach Kassel. „Das ging alles sehr schnell. An einem Freitag wurde sie operiert, Mittwoch kam sie schon nach Hause“, sagt Hielscher. Nur wenige Tage hatte sie Zeit, um ein Pflegebett und die weitere Ausstattung zu organisieren.

„Das hat zeitlich gerade so geklappt“, sagt die Kasselerin. Ihre Mutter wurde ohne Medikamente in Hielschers Wohnung nach Kassel-Mitte gebracht. „Sie hatte hier keinen Hausarzt. Es war schwer, überhaupt einen Arzt zu finden, der noch neue Patienten nimmt, und Hausbesuche macht in Kassel niemand“, sagt sie. Nur mit Mühe konnte sie an diesem Tag noch die Rezepte für die dringend benötigten Medikamente ihrer Mutter besorgen.

Was dann folgte, war ein endloser Marathon für Sylvia Hielscher. „Ich habe drei Wochen lang gebraucht, um einen Pflegedienst zu finden.“ Solange hat sie ihre Mutter selbst gepflegt. „Das alles hat nur funktioniert, weil ich aus der Pflege komme und gelernte Krankenschwester bin“, sagt Hielscher. Auch auf Therapeuten musste ihre Mutter lange warten: Mit der Krankengymnastik konnte sie nach sechs Wochen beginnen, mit der Ergotherapie nach acht Wochen. „Meine Mutter hätte schneller viel fitter sein können“, sagt Hielscher.

Sie kritisiert die hohen bürokratischen Hürden im Gesundheitssystem. „Ich habe Tage gebraucht, um alle Anträge herzukriegen. Vom Ausfüllen will ich gar nicht erst anfangen.“ Ähnliche Situation beim Einkaufen der Pflegeprodukte: „Die Krankenkassen haben mit unterschiedlichen Sanitätshäusern Verträge für verschiedene Produkte“, erklärt die Kasselerin. „Ich musste vier verschiedene Häuser anfahren, um alles zu bekommen.“

Das alles sei zeit- und nervenaufreibend. „Ich weiß nicht, warum man es uns pflegenden Angehörigen so schwer macht“, sagt Hielscher. Allein 30 bis 40 Anrufe machte sie pro Tag, um alles zu organisieren. Die Genehmigung für einen Elektro-Rollstuhl zum Beispiel habe ewig auf sich warten lassen, den Schwerbehindertenausweis und damit die Erlaubnis auf Behindertenparkplätze zu parken, habe Hielscher so spät bekommen, dass ihre Mutter bereits im Hospiz war.

Ihren Job habe die Kasselerin für die Pflege ihrer Mutter aufgeben müssen. Entlastungsbeiträge, wie eine Haushaltshilfe oder eine Pflegeberatung, hätte Hielscher gern in Anspruch genommen. „Aber es gibt zu wenig Personal, man kriegt das einfach nicht“, sagt sie. Auch finanziell fühle sie sich alleingelassen. „Als alleinstehende pflegende Angehörige muss ich meine Krankenkasse selbst zahlen. Es bleibt am Ende kein Geld für mich übrig“, sagt sie. „Man ist ein Einzelkämpfer.“

Sylvia Hielscher erzählt ihre Geschichte, weil sie sich sicher ist, dass sich viele Menschen in einer ähnlichen Situation befinden. Ihre Mutter lebte etwa fünf Monate bei ihr, bevor sie für die Sterbephase in ein Hospiz kam. Inzwischen ist die 81-Jährige verstorben. „Ich war 24 Stunden lang am Tag da, jetzt bin ich völlig fertig. Ich will nicht wissen, wie es den pflegenden Angehörigen geht, die das über Jahre machen“, sagt sie. Die gelernte Krankenschwester leidet an depressiven Perioden, Schlafstörungen und Bluthochdruck. Sie fühlt sich ausgebrannt. „Das sind keine Steine, das sind Berge, die man erklimmen muss“, sagt Hielscher.

Auch interessant

Kommentare