Interview mit Anwalt des Irakers Ahmed I. über Lübcke-Prozess

Anwalt im Lübcke-Prozess: „Man kann Stephan Ernst nichts mehr glauben“

Der irakische Flüchtling Ahmed I. im Interview mit dem ZDF-Magazin „Frontal 21“.
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„Endlich wird er ernst genommen“: Das sagt Anwalt Alexander Hoffmann über seinen Mandanten Ahmed I., der im Januar 2016 in Lohfelden von Stephan Ernst niedergestochen worden sein soll. Der mutmaßliche Täter wurde erst dreieinhalb später gefasst – nach dem Mord an Walter Lübcke. Das Foto zeigt Ahmed I. im Interview mit dem ZDF-Magazin „Frontal 21“.

Diese Woche sagt im Lübcke-Prozess Nebenkläger Ahmed I. aus, der vom mutmaßlichen Mörder Stephan Ernst niedergestochen worden sein soll. Sein Anwalt übt deutliche Kritik am Gericht.

Kassel/Frankfurt – Bislang ging es im Prozess gegen Stephan Ernst vor allem um den Mord am Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke. Nun rückt eine zweite Tat in den Fokus: An diesem Donnerstag wird am Frankfurter Oberlandesgericht Ahmed I. vernommen, der irakische Flüchtling, den Ernst im Januar 2016 hinterrücks mit einem Messer angegriffen haben soll. Unter den Folgen der Verletzung leidet der 27-Jährige bis heute. Ernst streitet die Tat ab. Wir sprachen mit dem Kieler Anwalt Alexander Hoffmann, der Ahmed I. in der Nebenklage vertritt.

Wie lautet nach vier Monaten Prozess Ihr bisheriges Fazit?
Bislang war es eine schwierige Beweisaufnahme. Problematisch waren vor allem die sich widersprechenden Geständnisversuche von Stephan Ernst, wie ich sie bezeichnen möchte. Trotzdem denke ich, dass eine Verurteilung auch bei der Tat, die meinen Mandanten betrifft, wahrscheinlicher geworden ist. Es gibt eine Vielzahl an kleinen Indizien, die gegen den Hauptangeklagten sprechen. Zwar streitet er die Tat ab, aber mittlerweile kann man Stephan Ernst gar nichts mehr glauben. Abgesehen von seinem Geständnis, an der Tötung von Herrn Lübcke beteiligt gewesen zu sein, hat er in fast allen seinen widersprüchlichen Aussagen immer wieder erwiesenermaßen gelogen. Insofern wird das Gericht wohl auch seiner Behauptung, er habe mit dem Angriff auf meinen Mandanten nichts zu tun, keine Glaubwürdigkeit beimessen.
Welche Indizien sprechen gegen Stephan Ernst?
Da ist zum einen das Messer, das erst nach der Tat an Herrn Lübcke in Ernsts Garage gefunden wurde und an dem Blutanhaftungen sichergestellt wurden. Die passen in einigen DNA-Anteilen zu Besonderheiten meines Mandanten. Das allein reicht sicher nicht aus für eine Verurteilung, aber das ist schon ein starkes Indiz. Stephan Ernst war zur Tatzeit auch in der Nähe des Tatorts. Er wohnte dort. Dazu kommt seine ganze Geschichte. Ernst hat immer wieder ähnliche Straftaten begangen. Einmal ist er verurteilt worden, weil er einem aus seiner Sicht Nichtdeutschen ein Messer von hinten in den Rücken gerammt hat.
Sie meinen den Angriff auf einen türkischen Imam im November 1992 in einer Toilette des Wiesbadener Hauptbahnhofs.
Beide Tathergänge sind sehr ähnlich. Und schließlich hat er in einer Vernehmung von sich aus eine Auseinandersetzung mit einem Flüchtling angesprochen, die ausgerechnet an dem Tag stattfand, an dem Ahmed I. angegriffen wurde. Zwar sagte er aus, dass er den Flüchtling nur angeschrien und eine Riesenwut auf ihn gehabt habe. Aber dass er dies von sich aus und ohne Anlass anspricht, zeigt, dass ihn das offensichtlich umtreibt. Eine etwas andere Geschichte hat er auch einem Arbeitskollegen erzählt.
Wie schwierig war es für Ahmed I., der Verhandlung zu folgen?
Er war bislang nur sehr selten dort. Das liegt nicht nur an der aufwendigen Anfahrt. Durch die Nervenverletzung infolge der Tat ist es für ihn immer noch schwer, längere Zeit zu sitzen oder zu stehen. Auch dem mutmaßlichen Täter gegenüber zu sitzen, ist eine sehr belastende Situation. Und schließlich ist auch die Situation mit dem Dolmetscher nicht einfach. Selbst gute Dolmetscher können die juristischen Fachbegriffe oft nicht so schnell übersetzen, dass es nachvollziehbar ist. Mein Mandant ist sehr froh, dass er nicht immer kommen muss.
Auch heute leidet der 27-Jährige noch unter den Folgen der Tat. Er hat Rückenschmerzen und ein Taubheitsgefühl im rechten Bein. Wegen Konzentrationsschwierigkeiten fällt es ihm schwer, einen Deutschkurs oder eine Ausbildung zu machen. Wie geht es ihm?
Dazu möchte ich nichts sagen. Ich bin nicht das Sprachrohr meines Mandanten. Nach seiner Vernehmung wird es jedoch eine Pressekonferenz geben.
Mehrere Initiativen haben für heute zu Kundgebungen aufgerufen. Wie wichtig ist diese Unterstützung für Ihren Mandanten?
Für ihn ist jede Unterstützung wichtig. Sie macht deutlich, dass er endlich ernst genommen wird. Ihm wurde im Januar 2016 in den Rücken gestochen. Die Ermittlungen haben lange überhaupt nichts ergeben. Ihm ist gesagt worden, der Täter sei nicht zu ermitteln. So war es ja. Deswegen hat er auch keine besondere Unterstützung erhalten.
In dem Aufruf heißt es: „Wenn euch das Leben von People of Colour und Migranten interessiert hätte, wäre Walter Lübcke noch am Leben.“ Hat die Gleichgültigkeit gegenüber dem Schicksal von Menschen wie Ahmed I. den Mord an Lübcke erst möglich gemacht?
Zumindest hätten stärkere Aufklärungsversuche dazu geführt, dass man schon 2016 eine Hausdurchsuchung bei Stephan Ernst hätte machen müssen. Dann wäre man schon damals auf das mutmaßliche Tatmesser gestoßen. Der Mord an Walter Lübcke hätte nicht stattgefunden, wenn man schon damals sofort gehandelt hätte.
Vor Prozessbeginn hatten Sie gesagt, dass die beiden Angeklagten Stephan Ernst und Markus H. sich gegenseitig in die Pfanne hauen werden. Das passierte nicht. Dafür kam es zwischen Ernsts Anwälten zum Eklat. Hätten Sie so etwas für möglich gehalten?
Nein, so etwas habe ich noch nie erlebt. Aber was das In-die-Pfanne-Hauen der Angeklagten betrifft: Das kann auch jetzt noch passieren. Es ist noch nicht aller Tage Abend.
Welchen Eindruck macht der Vorsitzende Richter Thomas Sagebiel auf Sie?
Er ist ein sehr starker und erfahrener Richter. Aber ich bin schon ein bisschen erstaunt, wie wenig er Rücksicht auf andere nimmt. Das betrifft andere Verfahrensteilnehmer, vor allem aber die Presse und die Öffentlichkeit. Ihm geht es in allererster Linie darum, den Prozess in kalkulierbaren Bahnen zu halten.
Sie hatten nicht damit gerechnet, dass das Urteil noch in diesem Jahr fällt. Nun soll es jedoch schon am 1. Dezember soweit sein.
Das finde ich sehr sportlich. Gerade bei so einem wichtigen Prozess geht es nicht darum, möglichst schnell fertig zu werden, sondern gründlich zu arbeiten. Die politischen Hintergründe von Stephan Ernst finde ich nicht so aufklärungsbedürftig. Man weiß, dass er ein Hardcore-Nazi war, der seinem Sohn Videos von Horst Mahler besorgt hat. Der straffe Zeitplan zeigt aber, dass die Rolle von Markus H. nicht mehr groß untersucht werden soll. Das finde ich sehr fragwürdig. Sollten die Anwälte von Ernst, die die Verteidigung eingestellt zu haben scheinen, doch noch größere Anträge stellen, ist der Zeitplan nicht einzuhalten. Ich bin auch gespannt, ob man die Verhandlungen mit Corona so durchziehen kann. Das Gericht riskiert die Gesundheit aller Beteiligten. Von Matthias Lohr

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