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„Man muss jeden Moment genießen“: Das wurde aus den Vorsätzen der Kasseler für 2022

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Von: Matthias Lohr

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Sie erlebten 2022 ganz unterschiedlich: Kabarettist Bernd Gieseking hatte einen schweren Motorradunfall, Marathonläuferin Laura Hottenrott gab ihre Dissertation ab und Tätowiererin Ronja Block freute sich über die Schönheit der Welt.
Hatte einen schweren Motorradunfall: Mittlerweile geht es für Kabarettist Bernd Gieseking aufwärts. Unser Bild zeigt ihn in den Stubaier Alpen. © Privat/nh

Vor einem Jahr fragten wir Menschen aus Kassel nach ihren Vorsätzen für 2022 - von Marathon-Ass Laura Hottenrott bis zu Kabarettist Bernd Gieseking. Hier verraten sie, was daraus geworden ist.

Ilana Katz (60, Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde): In einem Jahr wie 2022 ist die Welt noch sehr weit von Gerechtigkeit entfernt. Es ist all das passiert, was nicht hätte passieren dürfen: in erster Linie der Krieg in der Ukraine, dann der documenta-Skandal und vieles mehr. Plötzlich begreifst du, dass du jeden Moment des Lebens wertschätzen und genießen musst, wenn es geht. Es gibt keine Kleinigkeiten. Und ich habe trotzdem gemalt – wie ich es mir vorgenommen habe.

Lars Bode alias DJ Lars Palmas (56, DJ): Ich wollte unsere Wohnung verschönern. Aber schon in der ersten Stunde des Heimwerkerkurses der Volkshochschule habe ich gemerkt, dass ich zwei linke Hände habe, welche besser zum Drehen des Plattentellers geeignet sind. Darauf konzentriere ich mich. Trotzdem habe ich Wichtiges verändert. Nach 20 Jahren im Einzelhandel bei Saturn habe ich den Job gewechselt. So habe ich etwas mehr Zeit am Wochenende für meine Partys, Musik und meinen Lieblings- und Leidensverein: den KSV.

Timon Gremmels (46, SPD-Bundestagsabgeordneter): Ich hatte mich Anfang des Jahres in einem Berliner Fitnessstudio angemeldet. Mein Ziel war es, in den Sitzungswochen des Bundestags mindestens zweimal hinzugehen. Geschafft habe ich es höchstens einmal pro Woche. Die Energiekrise durch den russischen Angriffskrieg auf die Ukraine hat mich als Fachpolitiker sehr gefordert. Die Spaltung der Gesellschaft, die ich letztes Jahr in Folge der Corona-Pandemie befürchtet habe, hat sich in der Energiekrise dank umfangreicher Hilfsprogramme des Staats nicht weiter verfestigt. Der befürchtet heiße Demo-Herbst blieb aus.

Evelin Höhne (52, Malerin): Ich wollte nur eine Portion Extraglück. Das hat sich auf zauberhafte und wunderbare Art und Weise erfüllt. Auch wenn ich keine Sofortrente gewonnen habe, habe ich einen Diamanten gefunden.

Marc Kosicke (51, Sportmanager, Berater von Jürgen Klopp): Mein Zeugnis für 2022: mehr Sonne: glatte 1, weniger Handy: 3+, mehr Tennis: 2- (dafür ist Padel-Tennis dazugekommen), mehr Jugendfußball: 3-. Aber unser Labrador hat mehr Bewegung ohne Handy ermöglicht.

Yvonne Ransbach (47, Moderatorin): Wir erfreuen uns täglich an unserem Hund. Außerdem habe ich viel Zeit auf unserem wunderschönen Kasseler Golfplatz verbracht und mein Handicap-Ziel unter 25 erreicht. Darauf bin ich ein bisschen stolz. Die Autos wollte ich zum Wohle des Familienfriedens nicht mehr wie einen Saustall verlassen. Tja, ich steige 2023 einfach aufs Fahrrad um.

Thomas Bockelmann (67, ehemaliger Staatstheater-Intendant): „Freundschaftspflege und achtsam durchs Leben gehen“ ist, glaube ich, ganz gut gelungen. Mit dem Schreiben war’s leider dürftig. Persönlicher Höhepunkt: das „Mutters Courage“-Gastspiel in New York. Am schlimmsten: der schändliche Angriff aus Putins Niedertracht. Größte Hochachtung für die Ukraine und möge der Krieg in 2023 enden.

Peter Dams alias Brian O’Gott (58, Comedian): Ich habe meine guten Vorsätze zu 50 Prozent erfüllt. Ich habe es nicht geschafft, einen Lego-Mitarbeiter zu dissen (wegen der vielen kleinen Teile, die meine Kinder überall liegen lassen), aber ich habe alle Kasseler Stadtteile besungen. Hier ist die Playlist.

Boris Mijatovic (48, Grünen-Bundestagsabgeordneter): Reisen hatte ich mir vorgenommen, allerdings private, geworden sind es dienstliche. Immerhin konnte ich meine Familie besuchen. Ich bin jetzt Großonkel und nehme mir vor, das Baby im kommenden Jahr zu sehen.

Laura Hottenrott (30, Marathonläuferin): Ich hatte mir für 2022 zwei große Ziele gesetzt. Das eine Ziel – meine Doktorarbeit abzugeben – habe ich geschafft. Das andere – mein bestes Rennen bei der Leichtathletik-WM zu laufen – leider nicht. Kurz vor Abflug zur WM in Oregon, war ich Corona-positiv. Leider habe ich mich darüber länger geärgert und damit meinen Vorsatz, mich weniger über Dinge zu ärgern, die ich nicht mehr ändern kann, nicht wirklich erfüllt. Der Leistungssport war für mich in diesem Jahr eine Achterbahn der Gefühle.

Manuela Strube (42, Bürgermeisterin von Baunatal): Ich habe mich – auch aufgrund der multiplen Krisen – schnell in mein neues Amt eingearbeitet. Pünktlich bin ich immer, na ja, meistens, gewesen. An meinem Zeit-Management muss ich noch arbeiten. Der neue Vorsatz für das kommende Jahr: mehr Zeit für meine Familie und Freunde.

Maren Matthes (58, Geschäftsführerin Kultursommer Nordhessen): Zweimal in der Woche richtig sportiv zu sein, habe ich nicht geschafft. Aber es waren öfter zwei als gar kein Mal und so bin ich ganz zufrieden. Gefühlt bin ich das Jahr mit mehr Gelassenheit angegangen als zuvor – meine Umgebung ist da aber geteilter Meinung. Beim Kultursommer immer eine Schlechtwetter-Variante parat zu haben, war bei dem guten Wetter selten vonnöten. Das kann gern so bleiben. Der gute Vorsatz für 2023 ist, die guten Vorsätze von 2022 auszubauen und optimistisch in das neue Jahr zu gehen.

Bernd Gieseking (63, Kabarettist): Ich komme gerade aus dem Auebad, mein persönliches Wieder-Anschwimmen nach sechs Monaten. Immerhin 700 Meter. Das Jahr begann super mit einer Finnland-Tournee mit Eisbad (elf Tage, neun Auftritte, fünf Saunen, zwei Eislöcher). Mit meinen Vorsätzen lief es super bis Juli, dann hatte ich leider einen schweren Motorradunfall. Immerhin unverschuldet. Jetzt bin ich genesen, die Brüche sind verheilt, bin endlich wieder auf Kabarett-Tournee mit meinem Jahresrückblick und trainiere wieder – für eine Dolomiten-Tour, die ich zwangsläufig verschieben musste.

Ronny Blume (41, Übungsleiter bei der WVC Cassel und der BSG Kassel, Mitglied im Behindertenbeirat der Stadt und Mobilitätscoach für Rollstuhlnutzer): Meine Suche nach einem Beruf für mich als Rollstuhlfahrer ist eingestellt. Ich habe meine volle Kraft aufs Ehrenamt gelegt, um Menschen jeglichen Alters und jeglicher Einschränkung sportlich und allgemein mehr zu unterstützen. Deshalb engagiere ich mich stark im Sozialverband VdK. Die Ausbildung zum Woga Instructor werde ich noch nachholen. Da macht man Yoga auf dem SUP-Board.

Bernhard Schüler (43, Pianist des Jazz-Trios Triosence): Mit der Ruhe und mehr Zeit zum Klavierspielen und Komponieren hat es bislang leider nicht geklappt. Den Vorsatz nehme ich mit für 2023. Dafür haben wir jedoch, wie vorgenommen und erhofft, kürzlich ein Haus in Ahnatal gefunden, das perfekt zu uns passt.

Ronja Block (34, Tätowiererin bei Jenny B’s Tattoo): Meine Kunst als spirituelle Tätowiererin bringt weiterhin Schönheit in die Welt. Ich freue mich auf alle Wunder, Lebewesen und Orte auf diesem wunderschönen Planeten. Meine Ernährung ist weiterhin simpel und vegan und meine Werte sind Gesundheit, Fröhlichkeit und Selbstliebe. Om Shanti.

Sebastian Schulze-von Hanxleden (52, Chef der Veranstaltungsfirma Ton Direkt): Ich habe mich tatsächlich zum Yoga angemeldet und bewege mich wieder regelmäßig. Ein unerwartet komplexes 2022 wird leider erst im kommenden Jahr spürbare Veränderungen zulassen - auf die ich mich sehr freue.

Christian Geselle (46, Kasseler Oberbürgermeister und unabhängiger Kandidat für die Wiederwahl): Ich bin auch in diesem Jahr meinem Wertekompass gefolgt und habe mein Handeln diesbezüglich unabhängig von irgendwelchen Fristen überdacht, da ich kein Freund des Brauchs der guten Vorsätze zum Jahreswechsel bin.

Sven Schoeller (49, Rechtsanwalt, Oberbürgermeisterkandidat der Grünen): Ich hatte mir nichts Besonderes vorgenommen. Das ist gründlich schief gegangen.

Eva Kühne-Hörmann (60, bis Mai hessische Justizministerin, nun Oberbürgermeisterkandidatin der CDU): Gute Vorsätze sind für mich nicht an den Jahreswechsel gebunden. Es ist mir wichtig, das ganze Jahr über zu beurteilen, wo ich stehe und was ich erreichen möchte. Wir sollten aber alle in diesen schwierigen Zeiten mehr darauf achten, was uns verbindet, als was uns trennt.

Isabel Carqueville (39, Referentin bei der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft, Oberbürgermeisterkandidatin der SPD): Ich nehme mir jedes Jahr vor, bei allen Vorhaben als Gewerkschafterin mit ganzem Herzen zur Tat zu schreiten. Denn viele Menschen verlassen sich darauf, dass ich für sie kämpfe. Jetzt bin ich OB-Kandidatin. Mein Vorsatz gilt also doppelt. Ich will auch 2023 die kleinen und großen Chancen nutzen, die Welt ein Stückchen zu verbessern.

Violetta Bock (34, Mitarbeiterin im Fraktionsbüro der Linken, Oberbürgermeisterkandidatin ihrer Partei): Nach den Jahren der Pandemie hatte ich mir vorgenommen, international mal wieder Anregungen zu holen, um über den Tellerrand zu gucken. Das ist dank der Rosa-Luxemburg-Stiftung gelungen, die ein Treffen internationaler Kommunalpolitikerinnen in Brasilien organisiert hat. Dort habe ich viele beeindruckende Frauen und queere Menschen kennengelernt, die sich für eine antirassistische und feministische Politik einsetzen. (Matthias Lohr)

Das nahmen sich die Kasseler für 2022 vor.

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