25 Jahre nach Tschernobyl: Ausstellung erinnert an die Katastrophe und die Folgen

„Man hat nicht viel gelernt“

Blick in die Ausstellung: Olga Rensch (IBB Dortmund, von links), Bundestagsabgeordnete Nicole Maisch (Grüne), Torben Schmitt (Trägerkreis) und Zeitzeuge Vasily Vasiljevich Tkachev. Foto: Malmus

„Die Stadt schien lebendig und war zugleich tot: Da hing getrocknete Wäsche auf den Balkonen, Autos parkten. An einem Hauseingang stand ein Kinderwagen, aber in der Stadt war nicht eine lebendige Seele, keine Katze, kein Hund ... Selbst ich, ein Mann des Militärs, war irgendwie alarmiert.“

Vasily Tkachev

KASSEL. Vasily Vasiljevich Tkachev war 35 Jahre alt und stellvertretender Kommandeur, als der Reaktor in Tschernobyl am 26. April 1986 explodierte. Der Vater von zwei Kindern, damals 14 und vier Jahre alt, war einer von über 600 000 Katastrophenhelfern. Sogenannte Liquidatoren, die am Unglücksreaktor eingesetzt wurden.

Der 60-Jährige ist nun als Zeitzeuge mit der Ausstellung „25 Jahre nach Tschernobyl - Menschen, Orte, Solidarität“ des Internationalen Bildungs- und Begegnungswerks (IBB) Dortmund nach Kassel gekommen. Während der Ausstellungseröffnung am Samstag in der Halle der Nachrichtenmeisterei am Kulturbahnhof berichtete er von jener Zeit, in der 350 000 Menschen in der Region um Tschernobyl ihre Heimat verloren, weil sie unbewohnbar geworden war.

Den Einsatz in der 45 000-Einwohner-Stadt Pripjat, nur vier Kilometer vom Unglücksort entfernt, hat Tkachev in eindringlicher Erinnerung. Er tat seine Pflicht. „Natürlich hat man sich Gedanken gemacht“, sagt der ehemalige Pilot auf Russisch, der am Tag nach der Katastrophe seinen ersten Einsatz flog. „Aber damals war man nicht so informiert, wie gefährlich das ist.“ Auch seine Familie leidet an den Folgen der radioaktiven Strahlung, besonders die damals erst vierjährige Tochter.

Keine Wahl

Eine Wahl hatte er als hochrangiges Mitglied des Militärs ohnehin nicht. „Da stellte sich die Frage nicht“, sagt er. Erst als es einige Monate später ein paar Rubel als Prämie und andere Vergünstigungen gegeben habe, „wusste man, dass etwas nicht stimmte“. Tkachev, dessen Einheit zehn Kilometer von Kiew stationiert war, schoss Fotos von dem Unglücksreaktor. Er musste einschätzen, in welcher Höhe geflogen werden konnte. Am Anfang waren er und seine Männer ohne besonderen Schutz im Einsatz. „Die ersten Tage hatten wir auch keine Messgeräte“, berichtet er mit ruhiger Stimme. „Was wir hatten, war auf solche Mengen nicht ausgelegt.“ Später wurde eine Obergrenze für die radioaktive Belastung festgesetzt. Es habe aber kaum jemanden gegeben, der seine Werte auslesen ließ. Denn das hätte das Ende beim Militär bedeutet.

„Man hat gewusst, wie man uns in Schach hält“, sagt der Mann mit dem noch dunklen, vollen Haar und zieht ein Messgerät aus der Hosentasche. Das hatte er damals stets bei sich. „Man hat nicht viel gelernt aus Tschernobyl“, sagt der Mann aus Kiew über die Bilder, die nach Fukushima um die Welt gingen. „Die Hubschrauberpiloten waren wieder die ersten vor Ort. Und man hat wieder Wasser eingesetzt.“ Dass er gerade in diesen Tagen in Deutschland ist, in denen die Bundesregierung den Atomausstieg beschlossen hat, bewegt ihn. „Tschernobyl und Fukushima zeigen, dass das Volk hier recht hat“, sagt er. „Es gibt keine sichere Atomenergie.“ ARTIKEL UNTEN

Die Ausstellung in der Halle der Nachrichtenmeisterei, Franz-Ulrich-Straße 14, ist bis einschließlich Freitag, 10. Juni, täglich von 14 bis 18 Uhr zu sehen. Gruppenführungen nach Anmeldung bei Torben Schmitt (schmitt@zub-kassel.de oder Tel. 8 04 20 15) sind zwischen 10 und 13 Uhr möglich.

Von Ellen Schwaab

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