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Satire zur Wahl einer Gleichstellungsbeauftragten an Uni Kassel sorgt für Wirbel

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Von: Christina Hein

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Roten Ampelmann, aufgenommen in Berlin, und grüne Ampelfrau, aufgenommen in Bayern.
Ins Gleichgewicht bringen: Unser Symbolbild zeigt Ampelmann und -frau. ©  Rainer Jensen/Karl-Josef Hildebrand/dpa

Eine umstrittene satirische Mail zur Wahl einer Gleichstellungsbeauftragten im Fachbereich Wirtschaftswissenschaften an der Uni Kassel sorgt für Wirbel.

Kassel – Eigentlich war es ein turnusgemäßer und routinierter Akt, weit davon entfernt, einen Skandal zu verursachen. Doch eine schlichte Einladung zur Frauenvollversammlung des Fachbereichs Wirtschaftswissenschaften hat jetzt an der Uni Kassel zu Aufregung und Diskussionen zum Thema Gleichstellung geführt.

Die Dekanatsgeschäftsführerin hatte kürzlich im Namen des Dekans zur Frauenversammlung eingeladen und die entsprechende Tagesordnung vorgestellt: Nach dem Bericht der Frauen- und Gleichstellungsbeauftragten des Fachbereichs 07, Prof. Dr. Sandra Ohly, sollten für die nächsten zwei Jahre eine neue Frauen- und Gleichstellungsbeauftragte nebst Vertreterinnen gewählt werden.

Zwar wurde die Einladung über den Verteiler an alle Fachbereichsmitglieder gemailt – zur Versammlung eingeladen waren aber nur die Frauen. Ihnen steht per hessisches Gleichberechtigungsgesetz das aktive und passive Wahlrecht zu.

Prof. Dr. Matthias Söllner
Matthias Söllner © Privat

Einer, der an der Einladung Anstoß nahm, ist Uniprofessor Dr. Matthias Söllner. In einer an die Männer im Fachbereich gerichteten Mail antwortet er:

„Liebe Kollegen, liebe Kameraden, ich vermute, ihr habt die anhängende Mail auch mit einer gewissen Verwunderung vernommen. Unter dem Deckmantel der Gleichstellung holt das Matriarchat arglistig zum nächsten Schlag aus. Das Wahlrecht wird eingeschränkt und Männern wird es unmöglich gemacht, sich in diesem Organisationsbereich der Universität formal zu engagieren.“

Als „Gegenmaßnahme“ rief er „alle Männer und im Sinne der Inklusion gerne auch diverse Personen“ zu einer Gegenveranstaltung auf. Auf die Tagesordnung setzte er: „1. Brainstorming geeigneter Protestmaßnahmen, 2. Gründung der Männerrechtszeitschrift ,Günter’,3. Degustation diverser Männergedeck-Varianten.“

Das Ganze sei als Satire zu verstehen, betont Söllner sogleich im Postscriptum: „in der Hoffnung, dass ein Reflektions- und Diskussionsprozess angestoßen wird, ob denn das derzeitige Vorgehen noch zeitgemäß ist“.

Prompt reagierten die Vizepräsidenten Dr. Michael Wachendorf und Dr. René Matzdorf. Söllner hatte sie in seiner Mail direkt angesprochen und bedankt – „scherzhaft“, wie er gegenüber der HNA betont, dass sie sich „dem Matriarchat tagtäglich an vorderster Front entgegenstellen“.

Die Vizepräsidenten sind nicht amüsiert und stellen ihrerseits im Namen der Hochschule klar: „Ein Thema dieser Komplexität ist nicht dazu geeignet, über einen solch großen E-Mail-Verteiler in Form einer sogenannten Satire diskutiert zu werden. Wir verwahren uns dagegen, als Kameraden tituliert und in unserer Position im Hochschulleitungs-Team verunglimpft zu werden. Lustig ist Ihr Text auch nicht.“

Sie erinnern daran, dass das Gleichstellungskonzept der Universität von den universitären Gremien (Senat, Präsidium, Hochschulrat) getragen und berücksichtigt werde.

Der Grund: Frauen könnten im Wissenschaftssystem aufgrund historisch gewachsener, tradierter Mechanismen („die eben gerade nicht gleichermaßen für Männer gelten“) weiterhin nicht gleichberechtigt partizipieren (unter anderem bei Professuren, Veröffentlichungen und Drittmittelbewilligungen). Dies stelle einen Verlust für die Wissenschaft dar. Dieses ungleiche Verhältnis spiegele sich auch im Personaltableau des Instituts für BWL wider.

Erschrocken über die zahlreichen, teilweise emotionalen Reaktionen im Fachbereich, hat sich der 37-jährige Matthias Söllner für seine Mail inzwischen entschuldigt. Das Ganze sei von ihm „schlecht kommuniziert“ worden, sagt er gegenüber der HNA: „Es tut mir leid.“

Er sehe ein, dass Satire keine geeignete Form für sein Anliegen sei. „Mir ging es darum, dass wir uns alle zusammen mit dem Thema Gleichstellung auseinandersetzen und diskutieren, wie wir damit umgehen.“ Das Problem einer strukturellen Ungleichbehandlung sei ihm bewusst, aber sie nehme seiner Wahrnehmung nach ab. „Es wäre gut, wenn sich möglichst viele an der Auseinandersetzung beteiligen und niemand ausgeschlossen wird.“ Das Gesetz gebe vor, dass die Gleichstellungsbeauftragte eine Frau sein muss, aber nicht das genaue Procedere der Wahl, so Matthias Söllner: „Da möchte ich eine Reflexion anregen.“

Ihm sei es ernst mit der Diskussion: Inzwischen hat er sich an anderen Unis erkundigt. In Hamburg beispielsweise habe jede Dienststelle eine Gleichstellungsbeauftragte oder einen Gleichstellungsbeauftragten sowie deren beziehungsweise dessen Stellvertretung zu bestellen. Mindestens die Hälfte der bestellten Gleichstellungsbeauftragten und Stellvertretungen der jeweiligen Dienststelle müsse dem weiblichen Geschlecht angehören.“

Zusätzlich wählten in Hamburg sowohl die Uni als auch die Fakultäten Gleichstellungsbeauftragte und Vertreter. Das können Männer wie Frauen sein. Das Hamburgische Hochschulgesetz besage: „Die oder der Gleichstellungsbeauftragte soll dem in der Gruppe der Hochschullehrerinnen und Hochschullehrer der Hochschule unterrepräsentierten Geschlecht angehören“.

Matthias Söllner: „So was fände ich doch auch toll in Kassel.“

Das sagt die Gleichstellungsbeauftragte des Uni-Fachbereichs Wirtschaftswissenschaften, Prof. Dr. Sandra Ohly

Vom Diskussionsprozess zum Thema Gleichstellung müsse sich kein Mann ausgeschlossen fühlen, sagt die Frauen- und Gleichstellungsbeauftragte des Fachbereichs Wirtschaft an der Uni Kassel, Prof. Dr. Sandra Ohly. Allerdings sehe das hessische Hochschulgesetz vor, dass zur Frauen- und Gleichstellungsbeauftragten nur eine Frau bestellt werden darf. Männer sind von dieser Wahl ausgeschlossen. In anderen Gremien, wie zum Beispiel die zentrale Gleichstellungskommission, seien auch Männer zugelassen, oder es werde ohnehin unter allen Mitgliedern der Universität gewählt. So werde der Gleichstellungsbericht des Fachbereichs etwa im allgemein gewählten Fachbereichsrat verabschiedet, sodass die Beteiligung von allen Interessierten gewährleistet sei.

Die Reaktion auf Söllners „Satire“ sei vielfaches Entsetzen und Wut gewesen, so Ohly: „Viele Frauen haben sich persönlich angegriffen gefühlt.“ Dadurch, dass sich Matthias Söllner entschuldigt hat, habe er einiges wieder gutgemacht. Trotzdem müsse über den Stand der Gleichstellung im Fachbereich noch diskutiert werden.

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