Kasseler ist Europa-Chef des Londoner Auktionshauses

Kasseler managt bei Christie’s Kunstmilliarden

Hier hat er als Student mal bei der documenta 9 gejobbt: Christie’s-Europachef Dr. Dirk Boll vor dem Fridericianum mit Pflegehund Oskar, den er über die Feiertage für Schweizer Freunde hütete. Foto:  Schwarz

Kassel. Im Auktionshandel für teure Kunst werden immer neue Rekordumsätze gemeldet. In London, der Weltmetropole für solche Geschäfte, sitzt ein gebürtiger Kasseler an den Schalthebeln.

Dr. Dirk Boll, Absolvent des Friedrichsgymnasiums, ist seit gut einem Jahr Europa-Chef bei Christie’s, dem größten und ältesten Auktionshaus der Welt. 5,7 Milliarden Dollar setzte die Firma 2011 mit Auktionen und Privatverkäufen von Kunstwerken, Möbeln, Schmuck und Sammlerobjekten um. Seine eigene Rolle dabei beschreibt der 42-jährige Jurist und Kulturmanagement-Professor mit britischem Understatement als „ganz simple Managementaufgabe“. Natürlich seien es immer die Rekorderlöse, die Christie’s ins Bewusstsein einer breiten Öffentlichkeit brächten. Die Tätigkeit des Hauses sei aber weit vielschichtiger: „Bei uns kann man Stücke für 100 Millionen, aber auch für 100 Dollar erwerben“, sagt Boll.

Die Feiertage hat er bei seinen Eltern in Kaufungen verbracht. Etwa jeden zweiten Monat sei er in der alten Heimat, sagt der Versteigerungsspezialist, der sich als verwurzelten Kasseler bezeichnet. Das Café Nenninger am Karlsplatz, wo wir ihn kurz vor dem Rückflug trafen, sei ein Stammtreffpunkt seiner Familie, weil auf dem Grundstück nebenan bis zur Kriegszerstörung das Haus der Großeltern gestanden habe.

Auch Autos werden wertvoll

In Kassel schaut Dirk Boll auch nach seiner Kollektion klassischer Autos. Ein Faible, das er seit Jugendtagen mit den Eltern teilt: Zwei eigene Porsche 911 und ein BMW Z1 sind in einer Bettenhäuser Halle abgestellt, allesamt sogenannte Youngtimer. „Wenn man die entsprechend bewahrt, reifen die eines Tages zu Wertanlagen heran“, sagt Autofan Boll. Schimmert da der berufliche Hintergrund durch? „Sicher habe ich wohl eine besondere Wahrnehmung dieser Mechanismen.“

In der Sammlerwelt seien diese Mechanismen derzeit vom wirtschaftlichen Krisenhintergrund beeinflusst: Vor allem für etablierte Werke und bekannte Namen würden hohe Summen gezahlt. Boll: „Wer viel Geld ausgibt, will derzeit mehr Sicherheit.“ Aber nicht nur bei Kunstobjekten sei die Herkunft das entscheidende Kriterium: Eine wachsende Rolle bei Christie’s spiele der Handel mit Devotionalien aus dem Besitz von Prominenten.

So seien vor einigen Jahren „wahnwitzige Preise“ für Kleidung, Kosmetik und Modeschmuck aus dem Nachlass von Marilyn Monroe erlöst worden. Vor 18 Monaten sei auch der Besitz von Elizabeth Taylor unter den Hammer gekommen: „Die aber war eine wirkliche Kunstsammlerin, hatte einen Van Gogh über dem Sofa hängen und war Expertin für antike Juwelen“, erzählt Boll. Das Versteigerungspublikum aber hätte sich ebenso für alle erdenklichen banalen Alltagsgegenstände aus dem Nachlass Liz Taylors begeistert. Darauf stelle sich das Auktionshaus ein: „Noch vor 20 Jahren“, sagt Dirk Boll, „hätten wir die Gemälde und Juwelen versteigert und den Rest wohl zur Haushaltsverwertung gegeben.“ Von Axel Schwarz

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