„Manche entwickeln diffuse Ängste“: Kinderarzt Nelleßen über Anforderungen durch Corona

In seinem Behandlungszimmer im Vorderen Westen: Kinder- und Jugendarzt Lars Nelleßen.
+
In seinem Behandlungszimmer im Vorderen Westen: Kinder- und Jugendarzt Lars Nelleßen überprüft seine medizinischen Gerätschaften.

Das Coronavirus hat das Leben auf den Kopf gestellt. Auch der Arbeitsalltag von Dr. Lars Nelleßen, Facharzt für Kinder- und Jugendmedizin, hat sich erheblich verändert.

Kassel – Mit dem 50 Jahre alten Kasseler sprachen wir über Anforderungen und Krankheitsbilder, die sich durch die Pandemie ergeben haben.

Herr Nelleßen, hat die Pandemie auch bei Ihnen Spuren hinterlassen?
Es gibt wohl niemanden, an dem Corona spurlos vorbeizieht. Auf meine Stimmung wirkt sich die Situation bislang nicht aus. Ich würde mich als Optimisten bezeichnen, aber ich sehe schon, dass wir uns im Arbeitsalltag besonderen Herausforderungen stellen müssen.
Zum Beispiel?
Die Gefühlslage hat sich verändert. Im Frühjahr, zu Beginn der Pandemie, gab es zum Teil Unsicherheiten. Seit der zweiten Welle ab Oktober hat sich eine gewisse Routine eingestellt. Ein Pragmatismus, wir schauen von Tag zu Tag. Ungeachtet dessen würde ich gern zu den Kollegen und Kolleginnen gehören, die bereits eine Impfung bekommen haben.
Wie hat sich der Alltag in Ihrer Praxisgemeinschaft verändert?
Zu uns kommen Patienten von 0 bis 18 Jahren. Das heißt, da sind viele Infekte dabei. Schon vor Corona haben wir infektiöse und nicht infektiöse Patienten räumlich getrennt. Das wird jetzt noch strikter umgesetzt, zeitlich wie räumlich. Und wir sind konsequent bei Patienten, die ohne Termin in die Praxis kommen. Wenn es nichts Dringendes ist, müssen sie zu einem anderen Zeitpunkt wiederkommen.
Machen Sie eigentlich Coronatests?
Selbstverständlich. Bei Kindern und Jugendlichen machen wir Abstriche – allerdings nicht so oft, wie das bei Allgemeinmedizinern der Fall ist. Und es gibt durchaus positive Coronafälle. Wir Praxismitarbeiter testen uns ebenfalls regelmäßig.
So viel zu dem Thema, von Kindern ginge keine Gefahr aus.
Schwieriges Thema. Es scheint so, dass Kinder unter zehn Jahren nicht so ansteckend sind. Warum das so ist, ist nicht sicher geklärt. Die Viruslast ist bei Kindern grundsätzlich nicht kleiner. Womöglich spielen die in der Regel milderen Verläufe eine Rolle, vielleicht auch das geringere Atemvolumen mit einer unter Umständen kleineren Menge an infektiösen Aerosolen. Die Infektiosität steigt aber, je älter sie werden. Was ich bei den Jüngeren feststelle: Wenn sie sich angesteckt haben, dann zum Beispiel bei einem Erwachsenen aus der Familie. Umgekehrt passiert das eher selten. Die Botschaft lautet aber: Ja, Kinder und Jugendliche können sich mit Corona infizieren. Erst vor Kurzem hatte ich einen Säugling hier, der eine hohe Viruslast aufwies. Allerdings zeigte er keinerlei Symptome, von daher werden in diesem Alter kaum Fälle erfasst.
Macht auch das die Arbeit derzeit so schwierig?
Wie gesagt, es ist alles eine Herausforderung. Das fängt mit der telefonischen Terminvereinbarung an. Wenn zum Beispiel eine Mutter beschreibt, dass ihr Kind Durchfall hat, könnte es ein normaler Magen-Darm-Infekt sein – aber auch eine Coronavirusinfektion. Behandeln wir das Kind dann normal, oder müssen wir uns in die Schutzkleidung zwängen, wie es bei Covid-Patienten üblich ist? Zudem hat sich der Ablauf verändert. Pro Patient benötigen wir nun mehr Zeit, einige Patienten müssen wir zur Disziplin aufrufen. Eine gewisse Anspannung lässt sich nicht komplett vermeiden.
Mal abgesehen von positiven Befunden: Stecken Kinder und Jugendliche die außergewöhnlichen Umstände gut weg?
Seit Oktober, November haben wir viel häufiger Fälle mit klassischen psychosomatischen Symptomen: Bauchschmerzen, Kopfschmerzen, Ein- und Durchschlafstörungen, Stimmungsschwankungen, Gereiztheit und so weiter. Die Anzeichen treten vermehrt bei Jugendlichen auf.
Worauf lassen sich diese Symptome zurückführen?
Teenager sind alt genug, um sie alleine zu Hause lassen zu können. Dann fällt es ihnen aber schwer, den typischen Tagesrhythmus einzuhalten. Gerade in diesen Tagen. Schule, Hobbys – das gibt sonst Struktur, aktuell leider nicht. Und weil sie später ins Bett gehen und dann länger schlafen, verlieren sie zudem den Tag-Nacht-Rhythmus. Was auch mit einem stärkeren Medienkonsum zusammenhängt, längeren Bildschirmzeiten. Ich spreche nicht nur von Computerspielen. Der Unterricht läuft digital, außerdem gibt es ja kaum andere Möglichkeiten als die sozialen Medien, um mit seinen Freunden in Kontakt zu bleiben. Das ist wichtig.
Sind Ihre Beobachtungen alarmierend?
Manche Kinder entwickeln diffuse Ängste. Stellvertretend für das aktuelle Unwohlsein in dieser Situation beißen sich die Heranwachsenden an anderen Problemen fest. In den meisten Fällen habe ich aber nicht das Gefühl, dass es eskalieren könnte. Kinder oder Jugendliche aber, die zuvor schon psychische Auffälligkeiten hatten, emotionale Störungen, depressive Verstimmungen, Essstörungen, Konzentrationsprobleme oder gar Zwänge oder Angststörungen, für die ist es derzeit noch schwieriger. Diese Patienten überweisen wir zu Kinder- und Jugendpsychiatern. Den Eltern rate ich sonst, beruhigend auf ihre Kinder einzuwirken.
Das sagt sich so leicht.
Das stimmt. Ein Dilemma: Aus virologischer Sicht sind sämtliche Beschränkungen und der Lockdown absolut sinnvoll. Aus pädagogischer Sicht eben nicht. Uns bleiben oft nur einfache Empfehlungen, wie den Kindern Sicherheit zu geben, auf ihre Fragen und Ängste einzugehen, sie jedoch nicht zusätzlich zu verunsichern. Kindern zu erklären, dass sie womöglich eine Gefahr für die Großeltern darstellen, muss ein Kind erst einmal verarbeiten.
Nicht nur Familienministerin Franziska Giffey denkt an eine Öffnung von Kitas und Schulen. Sie auch?
Ich bin auch Vater, und ich kann diese Frage weder mit einem klaren Ja noch mit einem klaren Nein beantworten. Ich verstehe beide Seiten. Das Risiko in Kindergärten scheint kalkulierbar. Aber ich sehe ja auch in meinem beruflichen Alltag, dass sich Kinder mit dem Virus infiziert haben – und eine Übertragung muss vermieden werden.
Also ein klares Jein zur Öffnung?
Ich denke an die Entwicklung der Kinder – die emotionale und soziale, aber auch die sprachliche Entwicklung. Das gilt insbesondere für sozial benachteiligte Kinder sowie Kinder, deren Muttersprache nicht Deutsch ist. Für diese Kinder ist der Besuch der Kita essenziell, um bis zum Schulbeginn ausreichend Deutsch gelernt zu haben. Ich möchte gerade wirklich kein Politiker sein.

(Robin Lipke)

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren:
Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.