Expertin Kirsten Neumann im Interview über die Neonazi-Szene

„Manche Rechte treten auf wie Schwiegermutters Liebling“

Kassel. „Auf dem rechten Auge blind?“ heißt die von der Kinder- und Jugendförderung der Stadt Kassel, dem Pädagogisch-Theologischen Institut Kassel und der Ev. Akademie Hofgeismar organisierte Veranstaltung im Kasseler Rathaus. Wie sprachen vorab mit Kirsten Neumann vom Mobilen Beratungsteam, die als Expertin am Podium teilnimmt.

In den 90ern war es einfach, Neonazis zu identifizieren: Sie trugen Glatze und Springerstiefel – sind Rechte heute noch als solche zu erkennen?

Kirsten Neumann: Nein, nicht mehr so einfach wie damals: Es hat einen Wandel im Dresscode gegeben. Zum einen, weil sich Menschen grundsätzlich weiterentwickeln und sich somit auch ihre Kleidung verändert. Zum anderen hat sich die Szene selbst verändert. Unter den Rechten gibt es solche, die auftreten wie „Schwiegermutters Liebling“. Auch die Skinhead-Szene gibt es noch - sie umfasst aber nicht nur Rechte, sondern auch Mitglieder anderer politischer Gruppierungen und unpolitische Menschen. Äußerlich kann man die verschiedenen Gruppen kaum unterscheiden.

Inwiefern ist deren Auftreten moderner geworden?

Neumann: Es gibt eine Tendenz, attraktiv, sympathisch und jugendkulturell zu wirken. Dazu gehört auch, moderne Themen aufzugreifen: Die Forderung nach Todesstrafe für Kinderschänder, aber auch Themen wie Globalisierung, Hartz IV und Finanzkrise.

Ist es somit leichter geworden, Jugendliche zu locken?

Neumann: Es gibt Orte, wo das gut gelingt, nämlich im ländlichen Raum. Hier gibt es, anders als in Städten, kaum alternative Orte für Jugendliche, keine alternative Subkultur. Auf dem Land spielen Vereine eine große Rolle. Häufig nutzen Neonazis hier die Strategie, sich in Vereinen zu etablieren und damit den Anschein zu erwecken, sie seien gar nicht so schlimm.

Und in der Stadt? Wie beurteilen Sie die rechte Szene in Kassel?

Neumann: In Kassel gibt es keine große Neonazi-Szene, hier war nie der Ort für Kameradschaften. Sie existiert in der kleinen Gruppe „Freie Kräfte“. Ihr harter Kern besteht aus etwa sechs Personen, die natürlich Sympathisanten haben. Die Gruppe gibt sich popkulturell, aber mit einer Nazi-Ästhetik: Im Internet verwenden sie moderne Symbole zusammen mit NS-verherrlichenden Bildern.

Welche Motive haben Jugendliche, sich den Rechten anzuschließen?

Neumann: Sie werden dort abgeholt, wo ihre Gefühle angesprochen werden. Das gelingt mit Musik. Rechte Musik kennzeichnet nicht mehr nur Gebrüll, sondern auch Balladen, die Jugendliche direkt ansprechen - mit Texten wie „Du musst rebellieren“. Über MP3 ist es leicht geworden, Musik zu tauschen. Und mit den Möglichkeiten des Internets gelingt es, alle möglichen Leute anzusprechen. Früher brauchte die Szene einen realen Raum, heute geht das virtuell.

Hat sich auch Ihre Arbeit verändert?

Neumann: Ein Einschnitt war sicherlich die Regionalanalyse für Schwalm-Eder im vergangenen Jahr. Sie hat deutlich gemacht: Demokratieförderung geht jeden an.

Von Anja Berens

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