Manche Subunternehmen bezahlen Zusteller nur nach abgelieferten Paketen

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Kein leichter Job: Viele Paketzusteller arbeiten für Subunternehmen.

Kassel. „Wir sagen nicht, dass man als Paketfahrer zu den Topverdienern zählt“, sagt Hermes-Sprecher Martin Frommhold. Nach seiner Rechnung kann ein Zusteller etwa 1700 Euro netto verdienen. Das schafft er aber nur, wenn er 100 bis 130 Pakete am Tag ausliefert und 90 Cent pro Stück erhält. Die Realität sieht oft aber anders aus.

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Viele Paketzusteller schuften für wenig Geld

Martin Müller (Name geändert) zum Beispiel, der in Kassel für einen Hermes-Subunternehmer tätig ist, erhält nur 50 Cent für ein Großpaket und ist mit seinem eigenen Fahrzeug unterwegs. Zwar bekommt er das Benzin bezahlt, Fahrzeugsteuer und Versicherung muss er aber selbst aufbringen. Der Job ist zudem mit einigen Risiken verbunden. Für Pakete, die nicht ausgeliefert werden können, gibt es kein Geld. „Das ist der so genannte Glücksfaktor“, sagt der Zusteller. Neulich habe er an einem halben Tag sieben Adressaten nicht angetroffen.

„Das ist der so genannte Glücksfaktor.“

Dass Subunternehmen eingeschaltet würden, sei in der Branche üblich, sagt Jan Liersch, Betriebsratschef bei DPD in Gudensberg. Meist seien diese von mittlerer Größe. Zu große Betriebe könnten die Preise diktieren. Zu kleine liefen Gefahr, dass sie Ausfälle nicht auffangen könnten und in Insolvenz gerieten. Viele Paketdienste arbeiteten mit Partnern. „Wir wissen nicht, was die Subunternehmen den Fahrern zahlen“, sagt Liersch. „Es ist anzunehmen, dass sie häufig unter Tarif bezahlt werden.“ Er werbe deshalb bei den Zustellern dafür, Betriebsräte zu gründen.

DPD hat in der Region laut Pressesprecherin Petra Bendrich 16 Vertragspartner, die jeweils sieben bis acht Fahrer beschäftigen. Mit den meisten sei man schon über viele Jahre verbunden. Die Vertragspartner müssten die Fahrer fest beschäftigen, weitere Subunternehmen seien vertraglich ausgeschlossen. Angaben über die Vergütung macht die Sprecherin nicht. „Wir setzen auf eine faire Situation für beide Seiten“, sagt sie. Die Verträge würden individuell ausgehandelt. Dabei spielten die Größe des Gebiets, die Anzahl der Stopps sowie der Zeit- und Kostenaufwand eine Rolle.

GLS äußert sich ähnlich. Die Fahrer müssten in rechtskonformen Anstellungen beschäftigt werden. Zahlen nennt GLS nicht. Der Zustelldienst Transoflex-Thermomed, der in Kassel und Baunatal ansässig ist, setzt ebenfalls auf Subunternehmen. „Das ist bei uns ein ganz großes Problem“, sagt Betriebsratsvorsitzender Mike Rimbeck. Das auf Thermotransporte und Gesundheitsprodukte spezialisierte Unternehmen beschäftigt nach seinen Angaben 680 Mitarbeiter, davon 350 bis 400 Auslieferungsfahrer. Immer mehr Linien würden mit Subunternehmen besetzt.

Manuel Sauer

Laut Ver.di hat DHL in Kassel in seiner Expresssparte alle Touren extern vergeben. Die Gewerkschaft fordert die Rücknahme der Fremdvergabe. „Man sieht ja, was die anderen daraus machen“, sagt Gewerkschaftssekretär Manuel Sauer. „Es werden Armutslöhne gezahlt.“ Sie stünden in keinem Verhältnis zu Arbeitszeit und Leistung.

"Urlaub kann man vergessen"

Gustav Maurer (Name geändert) ist seit vielen Jahren als Zusteller tätig. Aus Angst vor Sanktionen will er seinen richtigen Namen nicht in der Zeitung lesen. Er arbeitet für einen Subunternehmer des Paketdienstes DPD in Gudensberg.

Für elf bis zwölf Stunden am Tag erhalte er einen Nettolohn von 900 bis 1100 Euro, erzählt er. "Das DPD-Depot in Gudensberg drückt die Unternehmen mit den Preisen", sagt er. Der Arbeitstag beginne um 5 Uhr mit dem Sortieren der Pakete am Band und ende in der Regel gegen 16 oder 17 Uhr. Neue Mitarbeiter, die die Touren noch nicht kennen, seien aber oft bis in die Abendstunden im Einsatz.

"Urlaubsansprüche kann man vergessen", sagt der 46-Jährige. Die Personaldecke des Subunternehmers sei so dünn, dass Urlaub meistens nicht möglich sei. Sobald einer der Fahrer krank werde, könne der andere keinen Urlaub machen. "Es ist überall das Gleiche", sagt der Zusteller. Einen Betriebsrat zu gründen, scheitere auch regelmäßig. (els)

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