1. Startseite
  2. Kassel

Neujahrsempfang: Stadt Kassel unterhält mit großer Zirkus-Show

Erstellt:

Von: Matthias Lohr, Andreas Hermann, Florian Hagemann

Kommentare

Viel Applaus für die heimischen Teilnehmer des Neujahrsempfangs: Hier sind die Sportakrobatinnen der SV Harleshausen zu sehen.
Viel Applaus für die heimischen Teilnehmer des Neujahrsempfangs: Hier sind die Sportakrobatinnen der SV Harleshausen zu sehen. © Andreas Fischer

Nach zwei Jahren coronabedingter Pause gab es am Montag wieder einen Neujahrsempfang der Stadt Kassel – im Flic-Flac-Zelt. Vor allem Kinder bekamen eine große Bühne.

Kassel – So einen Neujahrsempfang hat Kassel noch nicht erlebt. Statt wie vor Corona üblich ins Rathaus hatte Oberbürgermeister Christian Geselle ins Flic-Flac-Zelt geladen. Es sei eine Idee seines Vorzimmers gewesen, sagte der Rathaus-Chef. Im nicht ganz voll besetzten Rund erlebten annähernd 1100 Gäste die mehr als zweistündige Zirkus-Show, in der Geselle und sein Co-Moderator Götz Ohlendorf (einst Betreiber des Starclub-Varietés) durchs Programm mit zahlreichen Kasseler Vereinen führten. Unser Schnellcheck eines ungewöhnlichen Abends.

Wie funktionierte der Neujahrsempfang im Flic-Flac-Zelt?

Ein bisschen so wie Flic Flac auch: ein bisschen Smalltalk im Foyer vor dem eigentlichen Programm, dann Akrobatik, Spannung und eine Portion Witz in der Manege. Haupt-Unterschied zu Flic Flac: Es gab keine Pause, dafür aber ein umso ausführlicheres Beisammensein anschließend. In Teilen also ein kleines Kontrastprogramm zu herkömmlichen Neujahrsempfängen im Rathaus.

Gab es eine Neujahrsansprache?

Nein. Normalerweise hält ja während des Neujahrsempfangs der Oberbürgermeister eine längere Rede – im dann meist proppevollen Stadtverordnetensaal. Amtsinhaber Christian Geselle verzichtete diesmal darauf, wenngleich er trotzdem sehr präsent war.

Bei früheren Neujahrsempfängen kündigte Geselle etwa Schulbau- und Tourismus-Offensiven an. Gab es auch diesmal „echte“ Nachrichten?

Nein, dazu blieb zwischen den vielen Programmpunkten gar keine Zeit. Wenn sich die Gelegenheit bot, etwa bei dem Auftritt der Musikschulkinder, sagte Geselle etwas zu den Projekten der Stadt. Mehr aber nicht.

Gab es denn auch ein bisschen echte Flic-Flac-Kunst im Flic-Flac-Zelt?

Ja. Drei Künstler aus der Show sorgten nun auch für Akrobatik und Spannung. Die aus Göttingen stammende Lea Hinz zeigte ihre Darbietung im Luftring. Roy Miller Valancia Bocanegra und Robinson Valencia Lozado bewiesen einmal mehr, dass sie das Todesrad im Griff haben. Salto und vor allem Nervenkitzel inklusive. Aber: Alles ging gut.

Gab es Kassels Baumeister wieder?

In den Jahren vor Corona wurden immer Kassels Baumeister ausgezeichnet – Menschen, die sich um die Belange der Stadt verdient gemacht haben. Darauf wurde diesmal verzichtet. Stattdessen durften sich Vereine aus der Stadt präsentieren.

Welche der Darbietungen hätte den Publikumspreis bekommen?

Am Ende der Flic-Flac-Saison werden ja traditionell die Publikumslieblinge ausgezeichnet. Solch einen Preis gab es am Montag nicht – dafür aber viel Applaus. Den wohl meisten erhielten die jungen Mitwirkenden. Geselle sagte, man habe den Kindern auch deshalb eine Bühne bieten wollen, weil sie in der Pandemie besonders gelitten hätten. Das Programm des Abends stand symbolhaft für das Ziel der Stadt, die Kinder wieder zu Gewinnern zu machen. Am Montag waren alle Gewinner. Geklatscht wurde vor allem, als einem Mädchen des Vereins Zirkutopia nach ein paar Fehlversuchen der Diabolo-Trick gelang, während die junge Akrobatin auf einem Gymnastikball balancierte. Das war sogar ein Gänsehautmoment, als es klappte und sich alle mit der jungen Künstlerin freuten. Toll war auch die Choreografie der Sportakrobatinnen des SV Harleshausen zum mexikanischen Totenfest. Ansonsten: Lief sicher nicht alles perfekt, aber das war auch gar nicht möglich. Es gab nur eine Ablaufprobe am Nachmittag – das war es. So lag der Zauber im Unperfekten. Und das machte den Charme dieser Veranstaltung aus.

Wer sorgte für die größten Lacher?

Sagen wir mal so: Richtig politisch witzig wurde es beim Auftritt von Fullefischer Marcus Leitschuh. Der Karnevalist und CDU-Kommunalpolitiker wünschte sich die OB-Kandidaten Isabel Carqueville und Christian Geselle, der nach dem Streit mit seiner SPD als Unabhängiger antritt, als Prinzessin und Prinz der Kasseler Narren. Leitschuh formulierte das Ganze so: „Doch wenn die OB-Wahl geht in die Hos‘, dann ist er halt bald arbeitslos. Ein Job könnte sein – ganz klarer Fall: Prinz zu sein danach im Karneval. Und als Prinzessin sag ich noch schnell, nimmt man Carquevilles Isabel. Das wäre dann – ich träum ja nur – die SPD-Versöhnung pur.“ Die neue Jamaika-Koalition aus Grünen, CDU und FDP in Kassel bezeichnete der Fullefischer als „flotten Dreier“. Zudem stellte er auf seine Art klar, wohin die documenta gehört: nach Kassel. Darauf ging auch Geselle ein, indem er festhielt: „Die documenta ist in Kassel, und sie bleibt in Kassel.“

War der Ministerpräsident eigentlich auch da?

Nein, Boris Rhein war nicht da. Laut einem Sprecher der Staatskanzlei gab es eine Terminkollision. Offiziell vertreten wurde der CDU-Politiker von seinem Parteikollegen, dem Kasseler Regierungspräsidenten Mark Weinmeister. Übrigens fehlte der hessische Ministerpräsident auch bei den Neujahrsempfängen 2019 und 2020. Zuletzt war Volker Bouffier beim Neujahrsempfang 2018 in Kassel dabei.

Und wer war dann alles da?

Viele aus dem politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Leben der Stadtgesellschaft. Ein bisschen war es tatsächlich wie zu Zeiten, als Corona nur ein Bier war und sich die Stadtgesellschaft des Öfteren traf.

War von Wahlkampf schon etwas zu spüren?

Auf jeden Fall war der OB-Wahlkampf irgendwie im Zelt spürbar. Amtsinhaber Geselle hielt sich aber zurück, verwies nur auf die Aufgaben, Ziele und Erfolge im Namen der Stadt – etwa im Bereich Bildung und Inklusion. Sehr wohlwollend spielte ihm bisweilen Co-Moderator Götz Ohlendorf die Bälle zu. Dass der eine Moderator die Reden des anderen beklatscht, ist eher unüblich.

Und wie kam der Neujahrsempfang bei den Gästen an?

Beim anschließenden Smalltalk im Foyer des Zirkuszelts hörte man fast ausschließlich Lob für den ungewöhnlichen Neujahrsempfang. Gerd Hallaschka, ehemaliger Leiter der Joseph-von-Eichendorff-Schule und heute Musiker, sagte: „Ich fand es super. Es wäre gut, wenn die Stadt den Neujahrsempfang immer außerhalb des Rathauses gestalten würde. So öffnet man sich gegenüber den Menschen in der Stadt.“ Selbst Politiker von Grünen und CDU, die Geselle sonst eher kritisch sehen, lobten den Moderator und den von ihm gestalteten Abend. Dazu gehörte auch, dass am Ende sogar viele aus dem Publikum selbst Applaus bekamen, als Geselle jene aufforderte, aufzustehen, die als Einsatzkräfte für Sicherheit in der Stadt sorgen. Insgesamt: ein schöner Abend. (Florian Hagemann, Andreas Hermann, Matthias Lohr)

Auch interessant

Kommentare