Gespräch mit Prof. Norbert Kruse von der Uni Kassel

Mangel an Grundschullehrern - Experte über den Beruf: "Das ist kein Halbtagsjob"

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Seit damals hat sich viel getan: Früher gab es an kleineren Schulen auf dem Lande in der Regel keine getrennten Klassen nach Jahrgängen. Die Schüler saßen alle in einem Klassenraum zusammen und wurden von einem Lehrer in allen Fächern unterrichtet.

Kassel. In Deutschland droht ein Mangel an Grundschullehrern. Bis 2025, so die Prognose einer Studie der Bertelsmann-Stiftung, sollen 35.000 Stellen unbesetzt sein. Ein Interview mit Professor Norbert Kruse von der Uni Kassel.

Über das Thema sprachen wir mit Prof. Norbert Kruse, Leiter des Fachgebietes Primarstufendidaktik Deutsch an der Uni Kassel.

Was sind die Ursachen für den Grundschullehrermangel?

Prof. Norbert Kruse: Der Beruf der Lehrerin und des Lehrers hat in den letzten Jahren nicht viel positive Resonanz erfahren. Vor mehr als 20 Jahren hatte Kanzler Schröder von faulen Säcken gesprochen. So ein beifallträchtiger Unsinn wirkt lange nach. Hinzu kommt, dass die Politik immer nur so viele Lehrende einstellt, wie aktuell benötigt werden, statt längerfristig zu planen. Aktuell hatten wir allerdings an der Universität Kassel für das Grundschullehramt zum Wintersemester eine große Nachfrage. Bei über 1500 Bewerbungen sind wir bei 240 Neueinschreibungen gelandet, obwohl es offiziell nur 210 Plätze gibt. Das zeigt: das Studium in Kassel ist attraktiv, die Rahmenbedingungen stimmen nur nicht.

Das heißt, das Angebot an Studienplätzen ist zu klein?

Kruse: Natürlich hängt das mit der Ausstattung der Hochschulen zusammen. Das Land Hessen hatte die Universitäten aufgefordert, aufgrund des aktuellen Mangels an Grundschulen die Anzahl der Studienplätze zu erhöhen. Kassel bietet nun 210 statt 180 Plätze an. Um das Angebot zu erweitern, bräuchten wir mehr Personal für Vorlesungen und Seminare, um die hohen Ansprüche an eine professionelle Lehrerbildung an Grundschulen erfüllen zu können.

Wie ist es um die Qualität des Studiums bestellt?

Kruse: Es gibt strukturelle Probleme. Das Studium dauert in Hessen lediglich sieben Semester, darunter ein Praxis- und ein Examenssemester. Es bleiben also fünf Semester für das wissenschaftliche Fundament. In anderen Studiengängen braucht man acht Semester für einen akademischen Abschluss. In Nachbarbundesländern studieren angehende Grundschullehrer in einem gestuften Studium zehn Semester. Wenn unsere Studenten nach dem zweiten Semester bereits ins Praxissemester gehen, sind sie noch von der Naivität der eigenen Schulzeit getragen. Sie gestalten den Unterricht so, wie sie ihn selbst erlebt haben.

Gehen hessische Grundschullehrer schlechter vorbereitet in den Beruf?

Kruse: Das müsste man empirisch prüfen. Klar ist, dass wir die Studierenden auf immer mehr Herausforderungen vorbereiten müssen: Medienbildung und Digitalisierung, Lese- und Rechtschreibschwierigkeiten, Mehrsprachigkeit, Inklusion und Heterogenität.

Die Gewerkschaft GEW fordert mehr Geld für Grundschullehrer, die bis zu 1500 Euro weniger verdienen als Gymnasiallehrer.

Kruse: Das muss angeglichen werden. Der Beruf wurde lange als Halbtagsjob missverstanden. Die Grundschule ist die einzige wirkliche Gesamtschule in Deutschland. Hier werden die Grundlagen für Bildungswege gelegt. Das sind hohe Ansprüche, die den Lehrern gegenübertreten. Die müssen sozial- und bildungswissenschaftlich auf dem neuesten Stand sein. Dann wird sich im Übrigen auch am Selbstwertgefühl der Studierenden etwas ändern. Darum ist es zurzeit nicht gut bestellt, weil sie denken, sie studieren „nur“ für die Grundschule. Wenn sich in einer Lehrergruppe ein Kollege als Lehrer am Gymnasium vorstellt, ist mein Spruch immer „Ach, Sie arbeiten nur am Gymnasium“.

Was halten Sie davon, Quereinsteiger in Grundschulen einzusetzen oder pensionierte Kollegen wieder zu reaktivieren - wie es einige Länder tun?

Kruse: Der Qualität des Unterrichts erweist man damit keinen Dienst. Der Einsatz von Quereinsteigern, die ein Schulungsprogramm durchlaufen, bedeutet eine Deprofessionalisierung der Lehrerbildung für die Grundschule. Die Deutsche Gesellschaft für Erziehungswissenschaft wendet sich deshalb mit Nachdruck gegen solche Quereinsteigerprogramme für Grundschulen. Ich kann mich dem nur anschließen.

Vor allem Frauen entscheiden sich für den Beruf. Was bedeutet das für die Schüler?

Kruse: In den Grundschulen erleben wir das Gleichstellungsproblem mit umgekehrten Vorzeichen. Wir brauchen mehr männliche Grundschullehrer. Dies würde neue pädagogische Möglichkeiten eröffnen. Wenn sich die Jungen nur am Hausmeister und vielleicht noch am Schulleiter orientieren können, fehlen ihnen Rollenbilder. Eine Ursache für das Problem ist wohl die schlechtere Bezahlung, die auch das Prestige der Grundschulpädagogik prägt.

Lehramt gilt als klassische Wahl für Abiturienten, die nicht wissen, was sie machen sollen. Ist es auch Ihr Eindruck?

Kruse: Ja, das ist ein Problem und die Hochschulen reagieren darauf. Einige haben Eignungsprüfungen für Studienbewerber erarbeitet. In Hessen hat man darauf reagiert, indem das Praxissemester als Eignungssemester deklariert wurde. Dieses Modell halte ich für ungeeignet. Denn zu viel hängt davon ab, an welche Schule man gerät.

In Kassel spielt nur der NC (aktuell: 2,5) eine Rolle.

Kruse: Daher bin ich für eigene Eignungstest, um deutlichere und bewusste Entscheidungen zu befördern. Wir brauchen Lehrer, die nicht nur Deutsch und Mathe beherrschen, sondern auch Kindern etwas vermitteln wollen.

Prof. Dr. Norbert Kruse

Prof. Dr. Norbert Kruse (63) ist Leiter des Fachgebietes Primarstufendidaktik Deutsch an der Universität Kassel. Er hat nach dem Studium in Hamburg selbst viele Jahre als Grundschullehrer gearbeitet. Nach seiner Promotion in den Erziehungswissenschaften kam er 1997 an die Uni Kassel. Kruse ist verheiratet, hat drei Kinder und lebt in Kassel.

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