Physiotherapeuten und Logopäden sind Mangelware

Zu wenige Therapeuten in Kassel: Patienten warten monatelang auf einen Termin

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Physiotherapeut bei der Arbeit: Glücklich ist, wer schnell einen Termin bekommt. Viele Patienten müssen mitunter mehrere Monate lang warten. 

Wer bei Therapeuten in Kassel einen Termin haben möchte, muss oft wochenlang, manchmal monatelang, warten.

Besser wird es in naher Zukunft wohl nicht, warnen die Therapeuten: Fachkräfte in den Heilberufen Physiotherapie und Logopädie sind Mangelware.

Eine Ursache für die ärgerliche Situation ist, dass der Bedarf an Behandlungen bei Therapeuten immens gestiegen ist. Zwar gebe es in Hessen nach Angaben der AOK etwa mehr logopädische Praxen als vor zwei Jahren (777 statt 761), doch das reicht offensichtlich nicht. So heißt es auch beim Landesverband für Logopädie auf Anfrage der HNA: Trotz dringenden Behandlungsbedarfs müssten die Patienten mitunter monatelang auf einen Termin warten. Auch die Suche nach neuen Mitarbeitern in logopädischen Praxen wird immer schwieriger. 146 Tage lang ist eine gemeldete Arbeitsstelle im Bereich der Logopädie durchschnittlich nicht besetzt.

In der Physiotherapie sei es ebenfalls kritisch, sagt der Landesverband für Physiotherapie. Auch dort werden händeringend Mitarbeiter gesucht – und meist nicht gefunden.

Die Leidtragenden des Fachkräftemangels sind neben den Therapeuten selbst auch wieder die Patienten: Jeder Zweite müsse laut dem Landesverband mehr als drei Wochen auf den Start der Behandlung in der Praxis warten. Auf Termine für Hausbesuche warten zwei Drittel der Betroffenen vier Wochen und länger.

Die Gründe für den Mangel an Arbeitskräften sind vielfältig. Betroffene berichten von hoher Arbeitsbelastung, schlechter Bezahlung und zu viel Bürokratie.

Logopäden aus Kassel und Umgebung berichten

Ihr Ziel war es, Patienten innerhalb von zwei bis drei Wochen Termine für eine Therapie anzubieten. Doch nicht immer kann Logopädin Gabriele Herzing das auch umsetzen. Grund ist der Fachkräftemangel.

In Kassel sei die Situation noch nicht dramatisch, sagt Herzing, die in Wehlheiden eine Praxis leitet. Sie ist aber überzeugt: „Das wird noch kommen.“ Bereits jetzt müssten Patienten lange Wartezeiten, teils bis zu mehreren Monaten, hinnehmen.

Bei Akutfällen wie etwa Schlaganfallpatienten mit Schluckstörungen sei aber eine Therapie dringend nötig, so schnell wie möglich. „Aber wo sollen die alle hin?“, fragt Herzing. Die Bevölkerung werde immer älter, es gebe mehr Patienten, die eine Therapie benötigen. Auch Probleme bei der Sprachentwicklung von Kindern würden komplexer, sagt Herzing.

Dramatischer sei es bei den Hausbesuchen, sagt Logopädin Beate Petzoldt, die seit 2003 die Logopädische Praxis Petzoldt in Oberzwehren leitet. „Die sind finanziell nicht lukrativ.“ Weil Petzoldt keine Fachkräfte findet – seit zwei Jahren sucht sie erfolglos nach einer Logopädin – muss sie auch Hausbesuche wegfallen lassen. Und das, obwohl der Bedarf wegen der älter werdenden Menschen gestiegen ist. Sogar Anfragen aus Melsungen kämen, sagt Petzoldt. Seit 37 Jahren ist die 61-Jährige Logopädin, wollte eigentlich im Beruf kürzertreten. Weil sie aber keine Mitarbeiter findet, bleibt es bei den Zwölfstunden-Tagen.

Physiotherapie Kassel: Es mangelt an Fachkräften

Auch in der Physiotherapie mangelt es an Fachkräften. Jeder zweite Patient muss laut dem Landesverband Hessen für Physiotherapie durchschnittlich mehr als drei Wochen auf eine Behandlung warten. Das ergaben bundesweite Befragungen. Bei Hausbesuchen sieht es wie in der Logopädie noch dramatischer aus: Zweidrittel der Betroffenen warten vier Wochen oder länger auf den Therapiebeginn.

Als einziger Heilmittelberuf steht die Physiotherapie auf der sogenannten Positivliste – eine Liste der Bundesagentur für Arbeit, die Mangelberufe aufführt. Gesundheitspolitisch habe sich aber seit der Aufnahme in die Liste nicht viel getan, teilt eine Sprecherin des Landesverbands Hessen für Physiotherapie auf HNA-Anfrage mit. Ein Heil- und Hilfsmittelgesetz sei zwar 2017 in Kraft getreten und sorgte dafür, dass die Leistungsvergütung für Physiotherapie um insgesamt 30 Prozent steigen.

Auch interessant: In Treysa hat im vergangenen Jahr ein 23-jähriger Physiotherapeut eine Praxis eröffnet.

„Nichtsdestotrotz ist diese Erhöhung noch immer nicht ausreichend dafür, dass Praxisinhaber ihren Angestellten ein angemessenes Gehalt bezahlen können“, so der Sprecher. Hierzu müsste nach Berechnungen des Landesverbandes die Leistungsvergütung nochmals um 30 Prozent steigen.

Logopädie: Bezahlung und Bürokratie sind problematisch

Als einen der Hauptgründe für den Therapeuten-Mangel in der Logopädie sehen Herzing und Petzoldt die Leistungsvergütung der Krankenkassen für eine Therapieeinheit. Für 45 Minuten Therapie zahle die Krankenkasse einem Sprachtherapeuten im Durchschnitt 43,02 Euro, für einen Hausbesuch 10,27 Euro mehr. „Das ist zu wenig, um einen Logopäden anständig zu bezahlen“, sagt Herzing.

Hinzu komme die Bürokratie, die „ins Unermessliche“ gewachsen sei. Jedes Kreuzchen muss stimmen, Berichte müssen geschrieben werden, oft in der Freizeit. „Der letzte Clou war ja die Datenschutzverordnung“, sagt Herzing – „Von der Datenschutzverordnung wollen wir gar nicht erst reden“, sagt Petzoldt.

Und auch die Abhängigkeit von einem Arzt erschwere den Alltag eines Therapeuten, sagen die beiden Logopädinnen. Ohne ärztliche Anordnung können Patienten keinen Therapeuten aufsuchen.

Und die Ärzte wiederum sind an die Vorgaben der Krankenkassen gebunden. „Ein Direktzugang würde vieles erleichtern“, sagt Petzoldt.

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