Interview mit Michael Schmidt, Geschäftsführer der Awo Nordhessen

Experte zu Pflegenotstand: „Mangel wird sich dramatisch aufbauen“

Pfleger mit einem Seniorenheimbewohner
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Pfleger mit einem Seniorenheimbewohner

Der Pflegenotstand ist seit Langem zu einem geflügelten Wort geworden. Die aktuelle Situation in der Pflege beleuchtet Michael Schmidt, der Geschäftsführer der Awo Nordhessen, in einem Interview.

Das Schlagwort Pflegenotstand bezieht sich vor allem auf den Mangel an Arbeitskräften. Wie hat sich dieser Mangel entwickelt? Die Knappheit ist extrem. Aktuell sieht es so aus, dass auf dem Arbeitsmarkt kaum mehr Arbeits- und Fachkräfte verfügbar sind. Auf Stellenausschreibungen bekommen sie nur ganz wenige Bewerbungen, manchmal gar keine. Der Arbeitsmarkt gibt kein Pflegepersonal mehr her und wenn, dann ist es ein gegenseitiges Abwerben. Das vollmundige Fachkräfteprogramm von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn von vor eineinhalb Jahren sollte 13 000 Stellen bringen. Nach aktuellem Stand sind es 3000 geworden. Das Ärgerliche: Das alles haben wir seit 20 Jahren vorhergesagt.

Was ist der Grund für diesen Mangel? Das ist die seit 30 Jahren prognostizierte demografische Veränderung. Mit der Verrentung der Babyboomer – das sind die Jahrgänge 1955 und folgende – stehen wir gerade am Anfang. Sie wird sich noch dramatisch aufbauen. Wir kennen die Jahrgangsstärken der Schulabgänger. Die Hälfte der jungen Leute studiert, die andere Hälfte steht für Ausbildungen im dualen System zur Verfügung. Nur ein Teil geht in die Pflege. Wie wollen wir die jetzt dort arbeitende Boomer-Generation ersetzen? Wir, die Awo Nordhessen, haben über 2000 Beschäftigte allein in der Pflege. Wir wissen, wann die in Rente gehen, manche gehen sogar früher. Aber wir wissen nicht, wie wir sie ersetzen. Bis jetzt ist uns das durch unsere eigene Ausbildung gelungen, aber das wird von Jahr zu Jahr schwieriger. Ich will keine Panik verbreiten, aber wir müssen sehen, wie wir damit umgehen.

Ist da nicht die Politik gefragt? Im Grunde sind wir alle gefragt. Der Verdienst spielt eine entscheidende Rolle. In den vergangenen zehn Jahren sind die Gehälter von einem niedrigen Niveau bei den Fachkräften um rund 40 Prozent gestiegen. Im letzten Jahr liegen wir durch die coronabedingte Kurzarbeit im Durchschnitt bei den Fachkräften in der Industrie. So könnte die Branche auch für Männer interessant werden. Wir müssen in kleinen Schritten vorangehen. Bei der Awo haben in der Pflege über viele Jahre fast 90 Prozent Frauen gearbeitet, jetzt sind wir bei 85 Prozent. Wir hatten sogar erstmals einen Kurs in der Pflegeausbildung mit einer Männermehrheit.

Sie haben schon Werbetouren in Spanien und Rumänien unternommen, um Menschen für eine Ausbildung zu gewinnen. Sind wir auf ausländische Pflegekräfte angewiesen? Das ist ja nicht nur in der Pflegebranche so. Auch in der Wirtschaft, etwa im IT-Bereich, benötigen wir Zugewinn aus dem Ausland. Wir müssen mindestens fünf Prozent Arbeitskräfte im Ausland gewinnen, ob als Azubi oder Fachkraft. Ich rede nicht davon, was die Freizügigkeit innerhalb der EU für uns schon gebracht hat. Die Rede ist von dem, was noch oben drauf kommen muss: aus nicht EU-Ländern. Da sind wir mit Vietnam und den Philippinen in Kontakt und betreiben Anwerbungen. Dort gibt es einen Überschuss an jungen Menschen, und es entsteht im Land kein Schaden.

Gibt es Ideen darüber hinaus, dem Pflegenotstand entgegenzuwirken? Wichtig ist, dass wir in den Schulen informieren. Dazu beteiligen wir uns an der Berufsorientierung und weiten das auch aus, indem wir eine Stelle für Schulkontakte geschaffen haben. Wir suchen Realschüler für unsere generalistische Ausbildung und Hauptschüler für die Ausbildung zu Altenpflegehelfern. Für die Altenpflegehelfer bieten sich gute Möglichkeiten, verkürzt eine Fachkraftausbildung dranzuhängen. Wir haben deshalb die einjährige Pflegeausbildung so ausgestattet, dass sie identisch ist mit dem ersten Jahr der generalistischen Ausbildung. So geht keine Zeit verloren.

Wie sieht es mit Weiterbildung aus? Bei Weiterbildung von Erwachsenen ist ein ganz entscheidender Punkt unsere Zusammenarbeit mit der Bundesarbeitsagentur. Der Lebensunterhalt muss auch bei einer Weiterbildung gewährleistet sein. Wir möchten auch Menschen mit 55 für eine einjährige Ausbildung gewinnen. Es gibt zurzeit viele Umbrüche auf dem Arbeitsmarkt. So wird beispielsweise im Handel durch Kassenautomaten weniger Personal benötigt. Ob wir das bedauern oder nicht, aber die Menschen aus diesen Branchen sind für uns interessant.

Ein weiteres Menetekel lautet: Pflege ist zu teuer? Wie soll gute Pflege finanziert werden? Da ist ganz klar die Bundesregierung gefordert. Nach der letzten Beschlussfassung von Bundesrat und Bundestag finanziert sich die Pflegeversicherung ab 2022 zusätzlich zu den Beiträgen der Arbeitnehmer und -geber durch einen Bundeszuschuss in Höhe von einer Milliarde Euro. Das kann aber nur der Anfang sein. Der Bund wird den Steueranteil deutlich erhöhen müssen, wenn Pflegeplätze bezahlbar sein sollen. Sonst müssen am Ende die Sozialämter, das heißt die Kommunen, dafür aufkommen. Erklärtes Ziel muss deshalb die Entlastung der Selbstzahler sein. Ein Pflegeheimplatz kostet im Bundesdurchschnitt 2125 Euro im Monat. Davon beträgt der Aufwand für die Pflege 831 Euro.

Was sagt dazu der Bundesgesundheitsminister? Gesundheitsminister Spahn hatte angekündigt, dass er Pflegebedürftige in Heimen entlasten will. Er wollte die Länder dazu bringen, dass sie 100 Euro pro Heimplatz dazugeben. Die Länder haben abgelehnt, muten das aber auf diese Weise den Sozialhilfeträgern zu. Es ist also nichts dabei rausgekommen. Ein Desaster aus unserer Sicht war die unreflektierte Verabschiedung des sogenannten Gesetzes zur Weiterentwicklung der Gesundheitsversorgung, also der Kranken- und Pflegeversicherung. Keiner weiß, was das für ein Gesetz ist. Es ist von Spahn ohne jede gesellschaftliche Debatte über die Bühne gebracht worden. Nicht einmal die Fachverbände hatten ausreichend Zeit zu reagieren. Im Ergebnis soll es eine monatliche Entlastung von 41,55 Euro im Jahr für die Selbstzahler bringen. Und das bei steigenden Kosten für Personalaufbau, steigenden Gehältern und Weiterentwicklung. Unterm Strich werden die Menschen mehr statt weniger für einen Heimplatz zahlen. Die Pflege wird das herausragende Thema der Zukunft sein. Neben der Hauptbaustelle Klimaschutz geht es auch um die soziale Frage.

Viele beschäftigt die Frage: Pflege ambulant oder stationär? Gibt es einen Königsweg? Die gesetzliche Empfehlung lautet: ambulant vor stationär. Und das ist der richtige Ansatz. Auch bei wachsender Pflegebedürftigkeit wollen Menschen in der Regel in der eigenen Wohnung bleiben. Die Frage lautet also: Wie können wir das unterstützen? Es gibt ja Möglichkeiten der Tagespflege. Doch dafür brauchen wir eine bessere Finanzierung auch der ambulanten Pflege, denn die ist vom Gesetzgeber nicht ausreichend refinanziert. Die Pflegesachleistungen werden nicht dynamisch erhöht. Das Ergebnis: Mitarbeiter stehen unter enormem Zeitdruck.

Was steht es um die 24-Stunden-Pflege zuhause? Da herrscht ein großer Missstand: Die 24-Stunden-Pflege ist gesetzlich nicht geregelt. Das bedeutet, da gibt es viel Schwarzarbeit, hauptsächlich durch Arbeitskräfte aus dem Ausland. Dahinter steht der Gedanke: Hinter der geschlossenen Haustüre hat der Staat nichts zu suchen. Dieses System wird seit Jahren angeprangert. Es gibt inzwischen höchstrichterliche Aufforderungen an den Gesetzgeber, etwas gegen die Illegalität zu unternehmen. Meine Prognose lautet: Wir werden die illegale Praxis weiter fortführen.

Häufig kündigt sich eine Pflegesituation nicht an. Was kann der Einzelne tun? Ich empfehle allen, sich rechtzeitig um Patientenverfügung und Vorsorgevollmachten zu kümmern. Dann muss man sich fragen: Wann und warum ist denn ein Pflegeheim nötig? Häufig, weil die Wohnung nicht barrierefrei ist. Es fehlen in Deutschland 2,5 Millionen barrierefreie Wohnungen nicht nur für ältere Menschen. Deswegen baut zum Beispiel die Awo barrierefreie Wohnanlagen mit Serviceangebot.

Ein wichtiger Aspekt: Um der Vereinsamung entgegenzuwirken, benötigen wir Quartierstreffpunkte, wo sich Menschen treffen können, wo es möglicherweise ein Essensangebot gibt sowie eine Freizeitgestaltung. Da sind wir in Kassel mit Treffs in fast jedem Stadtteil gut aufgestellt.

Wie steht es um die stationäre Situation? Wir haben in Nordhessen ein ausreichendes Angebot an stationären Pflegeplätzen. Engpässe gibt es nur bei der Kurzzeitpflege. Wenn pflegende Angehörige eine Auszeit brauchen oder für Menschen nach einem Krankenhausaufenthalt fehlen Plätze. Auch hier ist das Problem hausgemacht. Der Gesetzgeber könnte für Abhilfe sorgen. Die Heime bemühen sich ja, Kurzzeitplätze vorzuhalten, müssen aber gleichzeitig 98 Prozent Auslastung vorweisen. Heime sollten auch für die Bereithaltung Geld bekommen. Es geht um eine Absenkung der vorgeschriebenen Auslastung.

Was muss geschehen? Das Land muss dafür sorgen, dass die Infrastruktur vorhanden ist, aber es müsste auch darüber hinaus finanziell stärker ins Boot. Sonst beißen den Letzten die Hunde und das ist die Kommune. Es ist eine Frage der politischen Prioritätensetzung.

Von Christina Hein

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