Mann lernt Gehen mit denkender Beinprothese

Kassel. Hans-Jürgen Rambis ist wieder voller Hoffnung. Nachdem er sich 14 Monate lang nur im Rollstuhl bewegen konnte und jahrelang unter starken Schmerzen litt, ist er auf einem guten Weg, wieder ohne Hilfsmittel und schmerzfrei gehen zu können.

Der 47-Jährige aus Wabern ist einer der ersten Patienten in Deutschland, die eine neuartige Beinprothese erhalten haben. Eine Prothese, die direkt mit dem Oberschenkelknochen verbunden und zusätzlich mit einem computergesteuerten Kniegelenk ausgestattet ist.

Noch trainiert er dreimal in der Woche im Reha-Zentrum der Gesundheit Nordhessen. Hier lernt er, mit seiner neuen Unterschenkelprothese zu stehen und zu gehen. Er macht Gleichgewichts-Übungen und solche, die helfen sollen, dass seine Beinknochen wieder belastbarer werden.

Eine denkende Beinprothese: Zum Gehen, Laufen, Schwimmen und Tanzen

Wenn alles gut geht, hofft Hans-Jürgen Rambis, wieder an seinen Arbeitsplatz bei der Werkssicherheit des Volkswagenwerkes zurückkehren zu können. Er ist sehr dankbar, dass sein Arbeitsplatz über einen langen Zeitraum für ihn freigehalten wurde.

Denn der 47-Jährige hat eine lange Leidensgeschichte, lange Ausfallzeiten und insgesamt 19 Operationen hinter sich. Es begann 1997 mit einem Unfall bei einem Einsatz der Freiwilligen Feuerwehr Wabern-Niedermöllrich. Damals brannte ein Bauernhof im Ort und Hans-Jürgen Rambis und seine Kameraden versuchten, angekettete Milchkühe vor Rauch und Flammen zu retten. Eines der Tiere verletzte den Feuerwehrmann dabei so schwer, dass sämtliche Bänder am Knie rissen und der Schienbeinkopf abgesprengt wurde. Bei mehreren Operationen versuchten die Ärzte, wieder eine Stabilität des verletzten Beines zu erreichen, doch schließlich musste es versteift werden.

Damit nicht genug: Vier Jahre nach diesem Unfall prallte auf dem Weg zur Arbeit ein Geisterfahrer frontal in Rambis´ Auto. Dabei brach der Oberschenkel seines ohnehin geschädigten Beines. Weitere Operationen folgten, und am Ende war das lädierte linke Bein gut fünf Zentimeter kürzer als das andere. Im Laufe der Jahre wurden die daraus folgenden Hüft- und Rückenschmerzen immer schlimmer. „Ich brauchte hoch dosierte Schmerzmittel und habe immer mehr an Lebensqualität verloren“, schildert er seinen Leidensweg. So entschied er sich nach eingehender Beratung mit seinen Ärzten für eine Amputation des linken Unterschenkels. „Diese Entscheidung habe ich keinen Augenblick bereut“, sagt er nach dieser Operation im Dezember. Denn heute kommt er auch wieder ohne die Schmerzmittel aus.

Von Martina Heise-Thonicke

Prothese sitzt am Knochen - Bessere Koordination

und Sicherheit, aber aufwändig und eingeschränkt geeignet:

Hans-Jürgen Rambis erhielt eine besondere, knochengestützte Beinprothese. Der Unterschied: Bei einer herkömmlichen Beinprothese wird die Prothesenhülse auf den Oberschenkel aufgesetzt und umschließt diesen. Bei dieser Druckübertragung über die Haut ist die Koordination aber deutlich schwieriger, weshalb für Menschen mit einer Prothese kein gleichmäßiges Gangbild möglich sei. Der 47-Jährige erhielt indes eine Prothese, die mit dem Oberschenkelknochen verbunden ist. Dabei wird ein Metallschaft in den Knochens implantiert.

Dr. Werner Brand (links) mit Patient Hans-Jürgen Rambis, Dr. Brand hält einen kleinen Computer in der Hand, in der man die Prothese einstellen kann

 Ist dieser eingewachsen, wird am unteren Ende des Schaftes dasAnschluss-Stück für die Prothese angebracht. Durch die Kraftübertragung auf den Knochen werde eine bessere Koordination beim Gehen und somit mehr Sicherheit ermöglicht, erläutert Brand. Die dafür erforderliche Operation sei bundesweit bisher 42 Mal gemacht worden, in Hessen lediglich am Klinikum Kassel. Noch sicherer werde das Gehen für Hans-Jürgen Rambis dank einer Computerunterstützung.

So lassen sich unter anderem für das „Kniegelenk“ Bewegungsgrad und Dämpfung programmieren, um sich auf unterschiedlichem und auch unebenem Untergrund sicher bewegen zu können. Das computergestützte Kniegelenk „lernt“ zudem beim Gehen mit und passt sich beispielsweise an die Ganggeschwindigkeit seines Trägers an. Allerdings komme eine solche knochengestützte und aufwändig anzupassende Prothese nur für Patienten mit guter Wundheilung infrage, die zudem in der Lage sind, die Prothese täglich selbst zu reinigen. (hei)

Rubriklistenbild: © HNA/Gentner

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