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Manufaktur in Kassel baut seit fast 160 Jahren Holzblasinstrumente

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Von: Barbara Will

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Gustav Mollenhauer & Söhne in Kassel ist einer von nur wenigen Betrieben in Deutschland, die Holzblasinstrumente herstellen. Auf dem Foto bereitet Thomas Jacobi die Intonationsarbeiten an einer Klarinette vor. Links neben ihm arbeitet Leo Niklas Schaub am Teil eines Fagotts.
Gustav Mollenhauer & Söhne in Kassel ist einer von nur wenigen Betrieben in Deutschland, die Holzblasinstrumente herstellen. Auf dem Foto bereitet Thomas Jacobi die Intonationsarbeiten an einer Klarinette vor. Links neben ihm arbeitet Leo Niklas Schaub am Teil eines Fagotts. © Pia Malmus

Die Gustav Mollenhauer & Söhne KG hat sich auf Holzblasinstrumente spezialisiert. In der kleinen Manufaktur in Kassel entstehen Klarinetten, Oboen und Co.

Kassel – Manchmal klingt der warme Ton einer Klarinette oder eines Fagotts in der Werkstatt. Die Hörprobe gehört zum Handwerk: Die Gustav Mollenhauer & Söhne KG hat sich auf Holzblasinstrumente spezialisiert. In der kleinen Manufaktur in Kassel entstehen Klarinetten, Oboen, Fagotte, Kontrafagotte und Englisch-Hörner, Boehm- und Piccoloflöten, Bassetthörner sowie in kleiner Zahl Trompeten.

Seit 1864 gibt es das Unternehmen. Der Namensgeber und Gründer Gustav Mollenhauer stammte aus einer Fuldaer Instrumentenbauerfamilie. Nach dem Tod seines Sohnes Hans übernahm der damalige Meister Karl Schaub in den 1950er-Jahren die Manufaktur. Heute führen dessen Sohn und Enkel, Gerhard und Tino Schaub den Betrieb, in dem 15 Menschen arbeiten. Die vierte Generation ist schon mit dabei. Tino Schaubs Söhne Leo Niklas und Milan haben den Gesellenbrief als Holzblasinstrumentenmacher in der Tasche und gehören zu den besten ihres Fachs: Beim Leistungswettbewerb des Handwerks wurden beide hessische Landessieger.

Ihre Arbeit verlangt vor allem Geschick und Fingerspitzengefühl. Gefertigt wird von Grund auf im Eigenbau und von Hand. In der Werkstatt ruhen die Hölzer, die bereits einige Jahre abgelagert sind, wenn Schaub sie kauft. Bis Ahorn, Grenadill, Palisander und Cocobolo zum Instrument werden, vergehen weitere zwei bis drei Jahre.

Das Fagott, das Gerhard Schaub hier hält, hat versilberte Klappen und etwas Vergoldung.
Edelausführung: Das Fagott, das Gerhard Schaub hier hält, hat versilberte Klappen und etwas Vergoldung. © Pia Malmus

Dann wird das Holz gebohrt, gedreht und gebeizt, der Zwei-Komponentenlack von Hand aufgetragen. Erst danach bekommt das Instrument seine Tonlöcher. Es folgen die Klappenteile, inklusive der Oberflächenbeschichtung und Polsterung für sie. „Drei Mann, drei Wochen“, beschreibt Tino Schaub die Entstehungszeit für ein Fagott. Wer ein Kontrafagott bestellt, wartet bis zu einem Jahr.

Die Käufer der edlen Instrumente spielen in den großen Orchestern der Welt, in Boston wie in London, an der Mailänder Scala ebenso wie in der Semperoper in Dresden. Gerade arbeitet das Unternehmen an fünf Fagotten, die nach China gehen. „Vieles ist Mund-zu-Mund-Propaganda“, sagt Tino Schaub, der selbst Querflöte und Fagott spielt, zu den Wegen, auf denen die Musiker zu ihm finden.

Rund 100 Instrumente baut Mollenhauer im Jahr, darunter etwa 40 Fagotte und 20 Kontrafagotte. Bis zu 30 000 beziehungsweise 40 000 Euro muss ein Musiker dafür anlegen. Gut gepflegt ist es eine Anschaffung für mehr als ein Künstlerleben: Ein Kontrafagott kann bis zu 100 Jahre im Einsatz sein.

Dem Verschleiß rückt man in der Werkstatt zu Leibe. Vor allem während der Orchesterferien im Sommer laufen die Reparatur- und Wartungsarbeiten auf Hochtouren, die etwa die Hälfte des Gesamtumsatzes einbringen. Ein litauisches Orchester schickte seine Instrumente sogar per Lastwagen auf die Reise und holte sie wieder ab, Fahrstrecke insgesamt: fast 3000 Kilometer.

Milan Schaub bringt eine Tuba wieder zum Glänzen.
Überholungsarbeiten sind Teil des Geschäfts: Milan Schaub bringt eine Tuba wieder zum Glänzen. © Pia Malmus

Im Ausland verkauft das Unternehmen über Händler, Kunden aus Deutschland bestellen direkt oder schauen persönlich vorbei, um sich ein Bild zu machen. Neben den Instrumenten aus eigener Herstellung handelt die Gustav Mollenhauer & Söhne KG auch mit Blechblasinstrumenten vom Saxofon bis zur Tuba, Instrumentenkoffer, Zubehör und Instandsetzung sind mit im Angebot.

Der Betrieb hütet die Zeugnisse seiner langen Geschichte, ein Schatz aber ist verloren: Ein Museum mit wertvollen alten Instrumenten, die vor dem Krieg mit einer Million Reichsmark versichert waren, erzählt Gerhard Schaub. Die Familie hatte die kostbaren Stücke, darunter eine Flöte aus dem Besitz des „Alten Fritz“, Friedrich II, bereits in Kisten verpackt, um sie in Sicherheit zu bringen. Doch es war zu spät. Die Bomben, die 1943 auf Kassel fielen, zerstörten das Museum. Auch die Flöte des Preußen-Königs verbrannte.

Mollenhauer: Eine verzweigte Familie

Johann Andreas Mollenhauer war unternehmungslustig: 1815 ging der 16-jährige Drechslerlehrling auf Wanderschaft. Sieben Jahre und gut 4000 Streckenkilometer später ließ er sich in seiner Heimatstadt Fulda als Instrumentenmacher nieder. Schon ein Jahr später stellte er seine Arbeiten in Kassel aus. Zu den Begutachtern gehörte Hofkapellmeister Louis Spohr. Die Instrumente wurden bekannt.

Mollenhauers Söhne traten in seine Fußstapfen: Valentin machte sich mit Blechblasinstrumenten selbstständig. Thomas übernahm den väterlichen Betrieb. Aus ihm entstand der bekannte Blockflötenhersteller Conrad Mollenhauer GmbH (Fulda).

Der dritte Sohn Johann Andreas Mollenhauers, Gustav, gründete 1864 in Kassel das Unternehmen, das seinen Namen trägt. Nach seinem Tod 1914 führten seine Söhne Thomas und Hans den Betrieb fort. Das erste Firmengebäude befand sich in der Altstadt, das spätere, in der Wilhelmshöher Allee, wurde im Krieg zerstört. Thomas starb 1938, sein jüngerer Bruder Hans 1952. Beide hatten keine Nachkommen.

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