"Bei der AfD sehe ich kein Erschrecken über den Mord an Walter Lübcke"

Ex-Bischöfin Margot Käßmann im Interview: „Die AfD sät Hass und Gewalt“

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Margot Käßmann beim Friedensratschlag in Kassel.

Margot Käßmann hat sich immer wieder in politische Debatten eingemischt. Nun ist die Ex-Bischöfin im Ruhestand. In Kassel kritisierte sie am Wochenende die Rüstungspolitik und die AfD.

Seit vorigem Sommer ist Margot Käßmann im Ruhestand, aber die Ex-Bischöfin kann immer noch die Menschen begeistern. Wie am Samstag beim Kasseler Friedensratschlag. Dort sprach die 61-Jährige in der vollen Mensa der Ing-Schule. Immer wieder gab es Applaus für Sätze wie: „Die Gewaltfreiheit ist vielleicht die größte Provokation, die Jesus hinterlassen hat.“ Oder: „Wir werden uns nicht zum Hass verführen lassen.“ Wir sprachen zuvor mit Käßmann.

Heute gehen junge Menschen nicht für die Abrüstung auf die Straße, sondern wegen des Klimas. Wie sehr überrascht Sie dieses Engagement?

Es freut mich, dass die Jugendlichen so politisch denken. Ich bin beeindruckt, wie gut sie die Dinge durchdacht haben. Allerdings habe ich in meiner Jugend gelernt, wie sehr die Herausforderungen zusammengehören. Die Klimaaktivisten sehen manchmal zu wenig, dass die Klimafrage auch eine Gerechtigkeitsfrage ist, weil die ärmsten Länder darunter zuallererst leiden. Und auch Rüstung und Kriege zerstören Menschenleben.

Haben Sie an einer Fridays-for-Future-Demo teilgenommen?

Nein, aber wenn es passt, wäre ich durchaus dabei. Wobei ich denke: Es hängen sich sehr viele an die Bewegung dran. Mittlerweile unterstützen auch Teile der Wirtschaft und Politik Fridays for Future. Dabei sitzen die an den Hebeln der Macht und hätten längst etwas ändern können.

In Kassel haben Sie über Abrüstung geredet. Ist Pazifismus noch eine Option in einer Welt des globalen Terrorismus?

Ich würde das Wort „noch“ streichen. Pazifismus war immer meine Option. Ich weiß, dass das belacht wird. Auch Martin Luther King wurde das schon vorgehalten. Aus dem Neuen Testament kann ich aber keine Option auf Gewalt herauslesen. Es stört mich, dass wir Pazifisten uns immer verteidigen müssen. Schon vor zehn Jahren wurde mir in der Afghanistan-Debatte vorgehalten, blauäugig und naiv zu sein. Der damalige Wehrbeauftragte Reinhold Robbe sagte, ich solle doch mit den Taliban im Zelt bei Kerzenlicht beten. Heute verhandeln die Amerikaner mit den Taliban.

Am 1. Juni wurde Regierungspräsident Walter Lübcke erschossen. Inwiefern hat der erste Mord durch Nazis an einem deutschen Politiker nach 1945 das Land verändert?

Kommunalpolitiker und andere Betroffene sprechen nun mehr darüber, wie sie bedroht werden. Hass und Hetze müssen geahndet werden. Aber ich würde nicht sagen, dass sich das Land verändert hat. Menschen werden nach wie vor wegen ihrer Herkunft oder Meinung persönlich diffamiert. Dieser Ton hat sich nicht verändert. Bei der AfD sehe ich kein Erschrecken über den Mord an Walter Lübcke.

Wie oft bekommen Sie Mails, in denen Sie etwa als „verfickte Kirchenziege“ beleidigt werden?

Es sind nicht mehr so viele wie früher. Das liegt daran, dass ich nicht mehr so sehr in der Öffentlichkeit stehe. Trotzdem erreichen mich immer wieder Nachrichten, in denen es etwa heißt: „Man sollte dich abstechen und ausbluten lassen.“

Wie gehen Sie damit um?

Ich sage mir: Was für ein armes Menschenkind muss dahinterstecken? Keiner von denen würde mir so etwas ins Gesicht sagen. Der AfD-Politiker Andreas Kalbitz aber hat mich öffentlich eine „pseudochristliche linksfaschistische Deutschlandhasserin“ genannt. Mit solchen Verbalattacken wird die Saat von Hass und Gewalt gesät.

Manche sagen, die AfD habe beim Mord an Walter Lübcke mitgeschossen.

So plakativ würde ich es nicht sagen. Aber sie hat den Boden für eine Hetze gegen Menschen bereitet, die sich für Flüchtlinge einsetzen und für das Grundgesetz einstehen.

Zuletzt waren Sie für Terre des hommes in einer Textilfabrik in Indien. Sie schreiben Bücher und für „Bild am Sonntag“. Nach Ruhestand klingt das nicht.

Ich bin ja auch noch nicht im Ruhestandsalter. Als Pfarrerin bin ich lediglich entpflichtet. Das bedeutet: Du musst nicht mehr, du darfst aber. Ab und zu predige ich noch. An diesem Wochenende gestalte ich einen Taufgottesdienst in meiner ehemaligen Gemeinde in Frielendorf-Spieskappel, wo meine beste Freundin lebt. Ich bin auch Mitherausgeberin des Straßenmagazins „Asphalt“. Es ist mir wichtig, mich für andere zu engagieren.

Ihre vier Töchter erreichen Sie nun aber nicht mehr um 6 Uhr morgens. Ihr Handy ist bis 9 Uhr aus.

Das stimmt. 35 Jahre bin ich um viertel vor 6 aufgestanden. Mittlerweile schlafe ich, bis ich aufwache. Das ist mein Luxus. Heute habe ich mir den Wecker aber auf viertel nach 7 gestellt, damit ich vor der Fahrt nach Kassel noch joggen konnte.

Eines Ihrer Bücher heißt „Schöne Aussichten auf die besten Jahre“. Warum ist die Zeit ab Mitte 50 die beste?

Weil die großen Lebensentscheidungen dann gefällt sind. Um vieles muss man sich keine Gedanken mehr machen. Du stehst nicht mehr unter dem Druck der Rush Hour des Lebens, wenn du dich nicht mehr rund um die Uhr um die Kinder, den Beruf und die alten Eltern sorgen musst. Ich bin gelassener geworden und rege mich nicht mehr so auf wie früher.

Welchen Erinnerungen verbinden Sie mit Nordhessen. Beruflich fanden Sie die Zeit in Spieskappel „eher frustrierend“, wie Sie einmal gesagt haben.

Das war aber nur ganz zu Anfang so. Ich hatte Zwillinge bekommen und wollte mir mit meinem damaligen Mann die Stelle teilen. Das fand die Kirche nicht angemessen. Trotzdem hatten wir später eine gute Zeit. Auch an Kassel habe ich gute Erinnerungen. Zwei Jahre habe ich in der Ökumenischen Werkstatt in der Querallee gearbeitet. Eine meiner Schwestern wohnt in Kassel, die andere in Wolfhagen. Unsere Mutter ist in Kassel beerdigt. Ich bin noch regelmäßig in Nordhessen.

Gerade haben Sie in einem Interview gesagt, dass Sie bereits alle Vorkehrungen für Ihren Tod getroffen hätten. Haben Sie Angst vor dem Sterben?

Eigentlich nicht. Natürlich möchte ich mich nicht lange quälen. Ich will keine Magensonde gelegt bekommen. Und falls ich ins Wachkoma falle, sollten die Geräte nach einem Jahr abgeschaltet werden. Die Wahrscheinlichkeit, dass jemand dann noch aufwacht, ist gering. All diese Entscheidungen wollte ich meinen Kindern abnehmen. Als Pfarrerin habe ich erlebt, was für ein Druck das für die Angehörigen ist. Ich habe auch festgelegt, welche Lieder auf meiner Beerdigung gesungen werden sollten.

Welche denn?

„Befiehl du deine Wege“ soll auf jeden Fall dabei sein. Und die Menschen sollen fröhlich sein. Wenn ältere Menschen sterben, kann ruhig deren Leben gefeiert werden. Die Trauerfeier für Nelson Mandela war wunderbar. Überall tanzten bunt gekleidete Menschen. Die europäischen Staatsgäste erschienen dagegen wie ein schwarzer Block. Sie waren das nicht gewohnt.

Nächstes Jahr jährt sich Ihr Rücktritt als EKD-Ratsvorsitzende zum zehnten Mal. Wie oft denken Sie: Wäre ich damals doch nicht alkoholisiert Auto gefahren?

Nur wenn ich von Journalisten danach gefragt werde. Ich selbst habe meinen Frieden damit gemacht.

Die AfD Nordhessen veranstaltete ihren Neujahrsempfang. Ihre Gegner riefen zur Großdemo auf.

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