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Sterben im Hospiz der Heilhaus-Stiftung: Maria geht, Mathilde kommt

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Von: Christina Hein

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 Anna-Sophie Keller, ihr vier Monate altes Töchterchen Mathilde und der Großvater Thomas Keller im Heilhaus Kassel.
Drei Generationen: Anna-Sophie Keller, ihr vier Monate altes Töchterchen Mathilde und der Großvater Thomas Keller im Heilhaus. © Christina Hein

Thomas Keller hat seine Ehefrau im Kasseler Heilhaus-Hospiz in den Tod begleitet, kurz darauf kam Enkelin Mathilde zur Welt.

Kassel – Es ist noch nicht lange her, dass Thomas Keller seine Frau Maria verloren hat. Sie starb am 12. April im Mehrgenerationen-Hospiz des Heilhauses mit 72 Jahren an den Folgen einer langwierigen Krebserkrankung.

Thomas Keller sitzt zusammengesunken und erzählt mit leiser Stimme und verhangenen Augen, wie er seiner geliebten Frau in den vergangenen 25 Jahren beigestanden hatte. Wie das Ehepaar aus Frankfurt immer wieder Hoffnung geschöpft und auch gute Zeiten ohne den Krebs erlebt hatte. Doch in der Corona-Zeit war die Krankheit zurückgekehrt.

Maria Keller entschied sich für eine Chemo-Therapie. Vorher wollte sie zu Kräften kommen bei einem Aufenthalt im Heilhaus, einem spirituellen Ort und in einer Gemeinschaft, der das Ehepaar, so Thomas Keller, nahestehe.

Dann ging alles schnell. „Es ist die Hölle“, habe die Mutter über die Behandlung gesagt, erzählt Anna-Sophie Keller. Nach der Chemo habe sie nicht mehr gewollt und bald sei klar gewesen, dass sie dabei ist, sich vom Leben zu verabschieden. Die Familie entschied sich für die Aufnahme im Heilhaus-Hospiz, wo sie in achtsamer und professioneller Obhut war. „Ich musste die Betreuung meiner Frau abgeben“, sagt Thomas Keller, „das war leicht und schwer zugleich.“

In Anwesenheit ihres Ehemanns – nachdem er noch das Ave-Maria gebetet hatte, „Gegrüßet seist du, Maria, voll der Gnade ...“, und nachdem sich ihre Familie – auch der Sohn und die Schwestern – von ihr verabschiedet hatten, habe sie friedlich ihren letzten Atemzug gemacht.

Seitdem sind Trauer und Traurigkeit für Thomas Keller (75), der als Geologe beruflich im Denkmalschutz tätig war, allgegenwärtig.

Doch es ist, als ob jemand die Sonne anknipst, und ein Licht geht über das Gesicht des Witwers, wenn er auf seine Enkeltochter Mathilde blickt und der kleine Mensch ihm seine Händchen entgegenstreckt. Leid und Freude – kaum kommen diese Extreme krasser zum Ausdruck als im Gesicht von Thomas Keller. Mathilde ist sechs Wochen nach dem Tod ihrer Großmutter geboren. Sie ist das erste Enkelkind.

Mit ihrem schwangeren Bauch hatte Anna-Sophie viele Stunden am Bett ihrer sterbenden Mutter gesessen. Es sei nicht schrecklich, daran zurückzudenken, sondern tröstlich, sagt sie. „Es war Familienzeit und eine Zeit des Abschieds. Ich glaube, meine Mutter war glücklich, dass das Leben mit dem Baby weitergeht“, sagt die 40-Jährige. Trotzdem frage sie sich oft, ob es nicht schön gewesen wäre, wenn Mathilde früher das Licht der Welt erblickt hätte. „Aber vielleicht wäre meiner Mutter der Abschied dann schwerer gefallen.“

Vivian Clauss, die Leiterin des Mehrgenerationen-Hospizes, tröstet die junge Mutter: „Ich bin sicher, beide sind sich noch irgendwo begegnet.“ Es komme nicht so häufig vor, dass sich in einer Familie neues Leben und Sterben so nahekommen. Dabei bildeten ja Geborenwerden und Sterben einen „natürlichen Kreislauf“. In diesem tröstlichen Bewusstsein und mit dem Wissen um Mathildes Ankunft sei Maria Keller friedlich gegangen.

Vivian Clauss betont, dass neben der medizinischen und palliativen Versorgung, die im Hospiz gewährleistet werde, Zugewandtheit, Aufmerksamkeit und das Eingehen auf die seelischen Bedürfnisse – die sogenannte „feinstoffliche Arbeit“ – wichtige Größen seien. Man könne sie mit dem Begriff Spiritualität“ benennen. „Wir möchten einen Bewusstseinsort schaffen, wo Menschen die Möglichkeit haben, den Tod zu erfahren, sich zu öffnen für etwas, das bleibt. Denn die Seele lebt weiter.“

Thomas Keller hat inzwischen das Familienhaus in Frankfurt verkauft und ist in die Heilhaus-Siedlung nach Rothenditmold gezogen. Er lasse die Vergangenheit los, sagt er. Am Ort, wo seine Frau „in Liebe und Fürsorge“ gestorben ist, sei jetzt seine Zukunft –- auch als Großvater von Mathilde.

Info: In dem 2016 eröffneten Mehrgenerationenhospiz der Heilhaus-Stiftung in Kassel an der Brandaustraße werden schwer kranke und sterbende Menschen begleitet – von Säuglingen über Jugendliche und Erwachsene bis zu hochbetagten Menschen. Info: heilhaus.org

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