Marie lag in Babyklappe - Adoptiveltern erzählen über ihre Tochter

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Babyklappe als letzter Ausweg: Marie wurde 2008 nachts in die Babyklappe am Marienkrankenhaus gelegt. Nachdem der Alarm ausgelöst worden war, kümmerte sich zuerst Schwester Maria Thoma um das neugeborene Mädchen.

Kassel. Am Kasseler Marienkrankenhaus gibt es seit 2003 eine Babyklappe, sechs Säuglinge wurden seither dort abgegeben. Darunter ein Mädchen, das 2008 geboren wurde. Wir haben mit den Adoptiveltern der dreijährigen Marie gesprochen.

Das einzige, was ihr von ihrer leiblichen Mutter geblieben ist, ist ein Frottierhandtuch und ein Zettel. Auf dem ist handschriftlich festgehalten, an welchem Tag sie im Jahr 2008 geboren wurde. Und die Uhrzeit. Marie kam nachts zur Welt. Sie wurde in die Babyklappe des Marienkrankenhauses in Rothenditmold gelegt, die der Sozialdienst katholischer Frauen (SkF) Fulda dort eingerichtet hat.

„Marie war gut versorgt. Sie war gewaschen worden, bevor sie in das Handtuch gewickelt in die Babyklappe gelegt wurde“, sagt Beate M. Die 40-Jährige und ihr Mann Thomas (Namen von der Redaktion geändert) haben das Mädchen adoptiert. Sie leben mit ihrer inzwischen dreijährigen Tochter in einer hessischen Kleinstadt. Familie, Freunde und Nachbarn wissen nicht nur, dass Marie ein Adoptivkind ist, sondern auch, dass sie von den leiblichen Eltern nach der Geburt in die Kasseler Babyklappe gelegt worden war.

Geschützt: Die Babyklappe am Marienkrankenhaus ist von der Straße nicht einsehbar. Den Müttern soll damit die anonyme Abgabe ihres Kindes ermöglicht werden.

Beate und Thomas M. hatten sich bereits damit abgefunden, kinderlos zu bleiben, als an einem Vormittag im Jahr 2008 ein Anruf aus Fulda kam. Man teilte dem Ehepaar mit, dass in der Nacht in Kassel ein Mädchen abgegeben worden war, für das eine Pflegefamilie gesucht wird. Die beiden, die seit zweieinhalb Jahren auf der Adoptionswarteliste des SkF standen, kämen als Pflegeeltern in Frage. Sie müssten sich aber noch zwei Tage gedulden, da der Säugling noch untersucht werden müsse.

Nachdem Marie im Marienkrankenhaus erstversorgt worden war, kam sie auf die Intensivstation des Klinikums Kassel. Sicherheitshalber. Dort wurde auch untersucht, ob Maries leibliche Mutter während der Schwangerschaft Drogen konsumiert hatte. Alle Tests fielen negativ aus. Marie war gesund.

„Das Recht auf Leben ist größer als alles andere.“

„Da liegt ein kleines Mädchen, das wartet auf uns. Wir waren total von der Rolle“, beschreibt Beate M. ihre Gefühle. Die 40-Jährige lächelt, als sie von ihrer ersten Begegnung mit Marie im Klinikum berichtet: „Der Blickkontakt war überwältigend. Wir wussten beide sofort, das ist unser Kind.“

Das Paar nahm Marie aber nicht gleich mit nach Hause. Das hatte auch praktische Gründe. Die Babyausstattung fehlte. Alle Sachen, die Beate M. einst von ihren Neffen bekommen hatte, hatte sie nach vier Fehlgeburten aus der Wohnung geschafft. Doch Freunde, die von Marie erfahren hatten, kamen schnell zur Hilfe. „Innerhalb von zwei Tagen war unsere Wohnung voller Babysachen, inklusive vier Maxi-Cosys“, sagt Beate M., die mit ihrem Mann einen Betrieb führt. „Alle haben sich mit und für uns gefreut.“

Mit ihren dreieinhalb Jahren versteht Marie noch nicht, dass sie als Säugling von ihrer leiblichen Mutter abgegeben wurde. Ihre Adoptiveltern sind von Anfang an mit dieser Situation offen umgegangen. „Wir wollen nicht, dass sie irgendwann in Kindergarten oder Schule von anderen Kindern erfahren muss, dass wir nicht ihre leiblichen Eltern sind.“ Beate und Thomas M. sind gläubige Menschen. „Jeden Abend, wenn wir mit Marie beten, dann beziehen wir ihre Bauch-Mama mit ein.“ Das Paar hat Marie erzählt, dass sie im Bauch einer anderen Frau gewachsen ist. Für die „Bauch-Mama“ zünden sie auch Weihnachten eine Kerze an und jedes Mal, wenn sie in einer Kirche sind.

Beate M. kann die Kritik an der Babyklappe wegen des fehlenden Wissens über die Wurzeln der Kinder verstehen. „Ich würde immer alles dafür tun, dass Marie etwas über ihre Herkunft erfährt. Wir würden doch auch gern wissen, was für ein Mensch ihre leibliche Mutter ist.“

Nichtsdestotrotz sind Maries Adoptiveltern gegen die Abschaffung der Babyklappen. „Babyklappen sind zwar nicht die beste Lösung, aber sie sind auch nur eine von vielen Möglichkeiten.“ Die Babyklappe biete jenen Frauen eine Möglichkeit, die total verzweifelt seien, sagt Beate M. „Maries Mutter hat das wohl als letzten Ausweg gesehen.“ Das Mädchen wurde in einer Winternacht in eine Babyklappe gelegt, aber nicht in die eisige Kälte, wo es wohl nach kurzer Zeit erfroren wäre. „Das Recht auf Leben ist größer als alles andere. Auch als das Recht auf das Wissen um die Wurzeln“, sagt Beate M. „Das Beste ist, dass die Marie lebt.“

Maries Lieblingsfarbe ist Rot. Sie ist ein sehr anhängliches Mädchen, das immer die Nähe ihrer Mutter Beate sucht, aber gleichzeitig selbstbewusst wirkt. Die Dreijährige weiß, was sie will. Sie testet - wie jedes Kind in ihrem Alter - auch ihre Grenzen.

Marie ist ein fröhliches Mädchen, das gern und laut lacht. Mit ihrer Freundin läuft das blonde Mädchen jauchzend eine nach der anderen Runde um den Esszimmertisch.

Von Ulrike Pflüger-Scherb

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