„Suizid ist kein Selbstmord“

Mario Dieringer wollte sich das Leben nehmen - heute pflanzt er Bäume der Hoffnung

Mario Dieringer von Trees of memory
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Mario Dieringer

Mario Dieringer hat kürzlich im Garten des Kasseler Museums für Sepulkralkultur den 37. „Baum der Hoffnung“ gepflanzt. Der ehemalige Fernsehjournalist macht sich dafür stark, über Suizid zu sprechen.

Außerdem wünscht er sich mehr Aufklärung über die Krankheit Depressionen. Wir haben mit ihm gesprochen:

Herr Dieringer, was hat es mit der Baumpflanzung auf sich?
Der Baum, der jetzt in Kassel gepflanzt wurde, ist letztendlich allen Hinterbliebenen dieser Welt, die einen Menschen durch Suizid verloren haben, gewidmet. Er ist auch für die Suizidenten selbst gepflanzt worden.
Jeder Baum steht für mehrere Ebenen: für einen Menschen, der es aus verschiedenen Gründen nicht geschafft hat, seinen Weg auf der Welt zu gehen, und er steht für die Hinterbliebenen. Er weist aber auch auf eine Beziehung hin, sei sie familiär oder eine Liebesbeziehung, die auseinandergerissen wurde. Jeder Baum der Aktion „Trees of Memory“ ist ein Mahnmal dafür, dass die Gesellschaft mit Hinterbliebenen anders umgehen sollte, dass sie nicht länger stigmatisiert und mit Schuld beworfen werden dürfen. Es entsteht Baum für Baum ein in sich geschlossener grüner Ring als Zeichen der Unendlichkeit.
Was ist anders im Gedenken, im Denken an einen Menschen der Suizid begangen hat?
Es ist die Unfassbarkeit dessen, dass sich jemand mit eigener Hand das Leben genommen hat. Es war kein Unfall, keine Krankheit, kein mieses Schicksal, mit dem wir umgehen können. Tod durch eigene Hand können wir nicht akzeptieren, das ist nicht vorgesehen. Wenn ein Suizident, egal ob in der Beziehung oder in der Familie, sich das Leben nimmt, ist das die brutalste und endgültigste Zurückweisung, die man bekommen kann. Der oder die Hinterbliebene sagt sich: Ich war nicht genug, ich war es nicht wert. Das ist einfach extrem bitter.
Sie haben selber einen Versuch unternommen, sich das Leben zu nehmen, sind aber wiederbelebt worden. Jahre später hat ihr Lebenspartner Suizid begangen. Wenn Ihre Aktion „Trees of memory“ eine Reaktion auf den Verlust eines geliebten Menschen ist, was unternehmen Sie für Ihre eigene seelische Gesundheit?
Für mich war die radikale Änderung meines Lebens die Aktion „Trees of memory“ und die Fußmärsche, die ich dafür mache. Es ist die beste Medizin. Etwas, das Hoffnung macht, ist der wertschätzende Umgang voller Mitgefühl innerhalb der Bewegung und im Verein. Das ist das Benzin für meinen Motor. Das lässt mich jeden Tag aus dem Bett springen. Natürlich hilft es, viel draußen und Teil der Natur zu sein. Dieses Waldbaden gibt mir Kraft, zu sehen, es gibt Dinge, die sind so viel mächtiger und älter. Ich habe auf dieses Weise einen anderen Kontakt zu dem, was mich umgibt.
Nehmen Sie Medikamente?
Es ist eine Dreier-Kombi, die meine Seele aufrecht erhält: Erstens Medikamente, die helfen, das Gehirn, das unter einer Stoffwechselerkrankung leidet, biochemisch wieder in einen normalen Zustand zu bringen. Dann funktionieren auch Dinge wie Schlafen wieder, die Kreisgedanken hören auf. Es werden viele physische Baustellen abgefedert. Zweitens eine intensive Psychotherapie. Da wurde geklärt: Was belastet mich, was schadet mir? Man muss nach den Ursachen für eine Depression fragen. Drittens gibt es Sachen, die man ändern muss. Bei mir waren das radikale Veränderungen. Ich habe beschlossen, mein Sein und Tun so auszurichten, dass es hundertprozentig Mario ist. Ich folge mit „Trees of memory“ meinen Visionen. Das hat mir meine Gesundheit wiedergegeben und ganz viel Erfüllung im Leben.
Was könnte die Gesellschaft tun, um Menschen mit Suizidgedanken zu helfen?
Sie sollte anerkennen, dass psychische Erkrankungen ernsthafte Leiden sind – wie andere Erkrankungen auch. Man kann eben nur nicht chirurgisch was rausschneiden. Dinge, die wir uns nicht vorstellen können, sind dennoch existent.
Und der Einzelne?
Wenn wir mitbekommen, da hat ein Menschen Suizidgedanken, muss die erste Reaktion sein: Du musst zum Arzt. Es geht nicht von selbst wieder weg. Das muss klar sein.
Sollte in Schulen Glück gelehrt werden?
Dafür setzen wir uns ein. Kinder müssten früh darin unterrichtet werden, achtsam zu sein. Ihr Tag sollte mit 15 Minuten Meditation beginnen und so auch aufhören, als fester Bestandteil um innere Ruhe und Antworten in der Stille ihrer selbst zu finden. Kinder sollten darin gefördert werden, ihre Träume zu leben. Es gibt keine Einzelförderung. Kindern wird nicht beigebracht: Sei du selbst und ändere die Welt. So was sollte aber als Selbstverständnis gelehrt werden. Ich bin davon überzeugt: Wenn jeder seine Träume und Sehnsüchte leben dürfte, gäbe es keine Depressionen.
Sie schreiben: Alle 40 Sekunden nimmt sich auf der Welt ein Mensch das Leben und psychische Erkrankungen nehmen zu. Warum ist das so?
Weil wir in der Summe ein ungesundes Leben führen. Den ganzen Tag unter der Leuchtröhre sitzen, ist nun mal weniger gesund als draußen zu sein. Wir brauchen andere Mechanismen, müssen uns achtsamer begegnen, um gesund zu bleiben. Nicht die Gesundheit dem Wahn der Karriere und dem Geld unterwerfen. Wenn wir achtsamer sind, können wir auch dem Gegenüber freundlich begegnen.
Sie appellieren daran, sensibel mit Worten umzugehen und beispielsweise die Bezeichnung Selbstmord zu vermeiden.
Suizid ist kein Selbstmord. Jemand, der sich das Leben nimmt, ist kein Selbstmörder. Mord ist eine heimtückische Tat aus niederen Beweggründen. Suizid erfüllt diesen Tatbestand nicht. Die Bezeichnung Selbstmord ist faktisch falsch und dient einer Stigmatisierung ebenso wie der Begriff der Sünde im Zusammenhang mit Suizid. Das sollte abgelegt werden.
„Suizid – Lets talk about...“ lautet der Titel der aktuellen Ausstellung im Museum für Sepulkralkultur. Welche Rolle spielt Reden?
Eine ganz wichtige. Ein Tabu entsteht, wenn man nicht darüber redet. Wenn ich wie bei anderen Krankheiten auch über Depressionen rede, dann erschrickt keiner, sondern vielleicht sind gleich die Hilfsangebote auf dem Schirm. Mit „Trees of Memory“ soll das Thema Suizid aus der Tabuzone herausgeholt werden. Reden ist das A und O. Auch in der Therapie. Es macht Türen auf und gibt Raum für Lösungen.
Was steht als nächstes bei Ihnen an?
Ich fahre nach Friedrichshafen, wo meine Wanderausrüstung steht. Dann laufe ich mit meinem Hund knapp 300 Kilometer Richtung Rosenheim. Ende des Monats sollte das geschafft sein. Dann werde ich dort den nächsten, den 38. Baum der Hoffnung in die Erde bringen. Danach unterbreche ich die Wanderungen und gehe nach Berlin in die Winterpause. Dann muss ich auch wieder ein bisschen Geld verdienen.
In Ihrem Beruf als Journalist?
Als Trauerredner.

Zur Person

Mario Dieringer (54) ist in München geboren und arbeitete als Fernsehjournalist, Publizist und Dozent für Onlinejournalismus. 2018 hat er die Aktion „Trees of memory“ initiiert: für Hinterbliebene von Menschen, die sich das Leben genommen haben sowie zum Gedenken an die Suizidenten. Dieringer selbst war in seinem Leben an einem Punkt angelangt, an dem er nicht mehr weiter wusste. Im Winter 2014 versuchte er, sein Leben zu beenden. Doch er wurde gerettet und wiederbelebt. 16 Monate später nahm sich sein Lebenspartner das Leben. Dieringer kündigte daraufhin seine beruflichen Stellungen und beschloss, um die Welt zu wandern, für Suizidprävention zu werben und auf seinem Weg Bäume für „Trees of memory“ zu pflanzen. Wenn er nicht mit seinem Hund zu Fuß unterwegs ist, lebt er im Winter in Berlin und arbeitet als Trauerredner.

Mario Dieringer ist auch Autor des Buchs „Psychisch erkältet“ (Book on demand, ISBN 978-3-7519-3786-3), in dem er beschreibt, wie er mit seiner Suizidalität und seinen Depressionen umgeht.

Bäume sind für Dieringer ein Symbol des Lebens und der Liebe. Jede Person, die jemanden verloren hat, kann Dieringer kontaktieren und ihn bitten, auf seiner Reise einen Baum für diese verstorbene Person zu pflanzen. Dieringer will so „Orte der Erinnerung“ schaffen. treesofmemory.com

(Christina Hein)

Wenn Sie oder eine Ihnen bekannte Person unter einer existentiellen Lebenskrise oder Depressionen leidet, kontaktieren Sie bitte die Telefonseelsorge unter der Nummer: 0800-1110111. Hilfe bei Depressionen und anderen psychischen Notfall-Situationen gibt es außerdem unter www.deutsche-depressionshilfe.de

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