Dr. Martin Viessmann tritt nicht mehr an

Wer wird der neue IHK-Chef? Chancen für Unternehmer Jordan

Jörg Ludwig Jordan

Kassel. Die 75.000 Mitgliedsunternehmen der Industrie- und Handelskammer (IHK) Kassel-Marburg wählen vom 22. Januar bis 18. Februar eine neue Vollversammlung.

Dieses höchste IHK-Gremium ist sozusagen das Parlament der regionalen Wirtschaft, also deren Sprachrohr, Lobbyist und Interessenvertreter in einem. 330 Männer und Frauen bewerben sich um 77 Sitze sowie 150 weitere Mandate in den sechs Regionalausschüssen.

Doch viel spannender als die künftige Zusammensetzung der Vollversammlung ist, wer der nächste Präsident der Kammer wird. Denn der amtierende, der Chef des größten europäischen Heiztechnik-Herstellers, Dr. Martin Viessmann (60), bewirbt sich nach zwei jeweils fünf Jahre langen Wahlperioden nicht mehr um dieses Ehrenamt.

Viessmann erklärte auf Anfrage: „Ich stehe seit 2004 an der Spitze der IHK Kassel-Marburg. Unterstützt von einem sehr professionellen und engagierten Hauptamt habe ich das Ehrenamt mit Freude ausgeübt. Doch jetzt ist es an der Zeit, diese verantwortungsvolle Aufgabe an einen Nachfolger weiterzugeben.“ Er werde sich künftig auf die Aufgaben im eigenen Unternehmen konzentrieren und den in einigen Jahren anstehenden Generationenwechsel vorbereiten.

Viessmann hatte das Amt 2004 von Dr. Ludwig Georg Braun (70), dem heutigen Aufsichtsratsvorsitzenden des weltweit tätigen Melsunger Medizintechnik-Konzerns, übernommen, der den ehrenamtlichen Job 1991 bis 2004 gemacht hatte und von 2001 bis 2009 gleichzeitig auch Präsident der IHK-Dachorganisation Deutscher Industrie- und Handelskammertag (DIHK) war. Niemand geht ernsthaft davon aus, dass sich Braun nach dieser Kammerkarriere wieder in die Niederungen der Regionalwirtschaft begibt und seinen Hut in den Ring wirft.

Derzeit ist Braun einer von Viessmanns Vize-Präsidenten. Der zweite ist Jörg Ludwig Jordan. Der 53-Jährige Chef der gleichnamigen Kasseler Bodenbelag- und Holzgroßhandlung macht den Stellvertreter bereits seit 14 Jahren. Er hat nach Ansicht vieler Mitstreiter das Zeug zum Viessmann-Nachfolger: Der Familienunternehmer führt erfolgreich Europas Branchenprimus mit fast 1000 Beschäftigten, ist redegewandt, dialog- und teamfähig, besonnen und nicht zuletzt versöhnlich.

Letztere Eigenschaft ist angesichts der anhaltenden Querelen mit den IHK-Kritikern um Kai Boeddinghaus sehr wichtig. Jordan traut man allgemein zu, die beiden Lager – IHK-Kritiker und Traditionalisten – zumindest zu einer konstruktiven Zusammenarbeit in der Sache zu bewegen. Auf die Frage, ob er für das Amt kandidiere, reagierte Jordan zurückhaltend. „Zunächst sollten erst einmal die IHK-Wahlen abgehalten werden. Dabei hoffen wir auf eine rege Beteiligung, damit die nordhessische Wirtschaft in ihrem Parlament gut vertreten ist“, sagte er. Die Kammer-Geschäftsführung um Dr. Walter Lohmeier mochte sich nicht zu dem Thema äußern.

Kritiker könnte Sensation schaffen

Der Grund für die allgemeine Zurückhaltung in Sachen Viessmann-Nachfolge liegt auf der Hand: Denn die Wahl verspricht nicht nur spannend zu werden, sondern birgt auch Brisanz und könnte mit einer kleinen Sensation enden.

Im Gegensatz zu den Wahlen von 2004 und 2009, als Boeddinghaus quasi als alleinkämpfender IHK-Kritiker bei der Präsidentenwahl gegen Viessmann antrat und beide Male einen beeindruckenden Achtungserfolg errang, hat der Kasseler Reisekaufmann, Geschäftsführer des Bundesverbands für freie Kammern (BffK) und Sprecher der Initiative „Kammer ohne Zwang“ (KOZ) diesmal 31 zum Teil bekannte Mitstreiter um sich geschart, die sich offen gegen den Kammerzwang stellen. Außerdem dürfte Boeddinghaus eine nicht unerhebliche Zahl von Sympathisanten in den Kammergremien haben, die sich aber (noch) nicht offen zu ihm bekennen.

Gelingt es den Kammerkritikern, 15 Mitglieder und einige Sympathisanten in die Vollversammlung zu bekommen, könnte Boeddinghaus – eine Kandidatur vorausgesetzt – dem Hauptkandidaten gefährlich nahe kommen. Ob er antritt, lässt der umtriebige Geschäftsmann derzeit noch offen. „Ich werde mich bei KOZ aber dafür einsetzen, dass wir einen Gegenkandidaten stellen“, sagte er. Und für den Fall, dass die KOZ-Gruppe bei der Wahl gut abschneidet, fordert er eine starke Präsenz auch im IHK-Präsidium, dem derzeit neben dem Präsidenten und dessen beiden Stellvertretern weitere 14 Vollversammlungsmitglieder angehören

Von José Pinto

Archivfotos: Hofmeister/Schwarz

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