In Kassel ist es gar nicht mehr so einfach, eine Kneipe mit Kasseler Bier zu finden

Martini-Probleme: Kasseler Bier läuft nicht überall

Ein Prosit auf und mit Martini: Königskeller-Wirtin Nergyl Toprakci liegt es am Herzen, dass einheimisches Bier getrunken wird. Das bronzene Martini-Wandbild der Brauerei Kropf im Eingang ihres Lokals hegt und pflegt sie. Fotos: Fischer

Kassel. In der Getränke-Branche heißt es, die Einbecker-Brauerei wolle ihre Tochter Martini verkaufen. Der Vorstand der Einbecker hat das dementiert. Klar ist aber, dass weniger Martini-Bier getrunken wird.

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Das Lokal ist wenig größer als der Tresen in der Mitte. Der Name passt: „Zum Kneipchen“. Um die Mittagszeit sitzen vier Gäste im „Kneipchen“ beim Bier. Sie können sich nach demokratischen Gesichtspunkten ernst genommen fühlen. Denn was hier aus dem Hahn läuft, haben sie bestimmt.

Mehr über die Martini-Brauerei lesen Sie im Regiowiki der HNA

Nun ist das Kneipchen kein Lokal, in dem gut betuchte Gäste nach einem Prosecco fragen. Bis zum Mai vorigen Jahres gab es hier nur eines, davon aber reichlich: Flaschenbier. Doch dann kam Wirtin Inge Funk auf die Idee, das Niveau getränketechnisch etwas anzuheben. Sie fragte ihre Gäste, was sie trinken wollen: „75 Prozent waren für Martini-Bier“, sagt sie heute. „Und das vom Fass.“

Gefragt, getan: Seither läuft das Kasseler Bier der Martini-Brauerei im „Kneipchen“, und es läuft obendrein sehr gut.

Das ist mittlerweile keine Selbstverständlichkeit rund um die Türme der Martinskirche. In der Kasseler Altstadt gibt es kaum noch Kneipen, die Martini ausschenken. Das sieht man schon an den Brauerei-Schildern draußen an den Wänden der Lokale: DAB, Radeberger, Licher, Jever, Krombacher und Paulaner kann man bei einem Spaziergang über den Entenanger lesen.

Martini-Brauerei
1859 gegründet

Der gebürtige Bayer Adolf Kropf eröffnete 1859 neben der Martinskirche die „Bayerische Bierhalle“, in der erstmals Martini-Bräu ausgeschenkt wurde. Um die Kapazität zu erhöhen, erfolgte 1895 der Umzug an die Kölnische Straße. 1992 übernahm zunächst Henniger Bräu die Privatbrauerei Martini, seit 1997 gehört die Martini Brauerei GmbH zur Einbecker Brauhaus AG. (bho)

Eine Ausnahme ist der Königskeller direkt am Königsplatz. Hier werden zwar auch Königspils, Köstrizer und Licher ausgeschenkt, aber eben auch Martini. Für Wirtin Nergyl („unter dem Namen kennt mich jeder“) ist es eine Herzensangelegenheit, das einheimische Bier zu fördern. „Bestellt einer einfach ein Bier und verlangt nichts Spezielles, schenke ich Martini aus.“ Vor allem Touristen bekommen auch immer ein Martini vorgesetzt. Denn für die geborene Türkin ist es sonnenklar: „Wir müssen doch Kassel fördern.“

Früher tat sie das auch draußen auf der Terrasse. Da standen große Schirme mit Martini-Aufschrift. Jetzt sind die neutral, weil das besser fürs Geschäft ist, weiß Wirtin Nergyl. „Wer Licher trinkt, setzt sich nur ungern unter einen Martini-Schirm.“

Einen gänzlich entgegengesetzten Kurs fährt Christiane Kröckel-Erk, Chefin im „Frankfurter Eck“. Sie hat seit Anfang des Jahres Martini aus dem Programm genommen und schenkt nun bayerisches Bier aus. Christiane Kröckel-Erk: „Die Gäste wollten das so.“

Bayerisches Bier gibt es auch im Düsseldorfer Hof, aber vor allem auch Martini. „Das läuft hier immer sehr gut“, sagt Wirt Kostas Vick. Und fügt schmunzelnd hinzu: „Auch mir schmeckt es am besten.“

Jörg Waldhoff über die Martini-Probleme

Zwar stehe ein Verkauf von Martini nicht zur Debatte, aber die Marke habe vielschichtige Probleme. Das sagt Jörg Waldhoff, Inhaber von Getränke-Waldhoff.

• Die Außendarstellung könne besser sein.

• Vor allem bei jungen Menschen finde die Marke Martini nur geringe Akzeptanz. Die Jungen würden zu Premium-Marken wie Krombacher, Veltins, Licher, Astra oder Bitburger greifen. Oder man konsumiere Mischgetränke.

• Martini verzettele sich mit drei Sorten (Kasseler, Martini, Edelpils). Die Konzentration auf eine Sorte wäre besser.

• Die Markentreue der Konsumenten habe abgenommen. Viele kauften das, was im Angebot ist.

• Martini reibe sich im Preiskampf auf. Der Kasten Hütt-Bier koste 12,99 Euro, Oettinger im Angebot 4,99 Euro. Martini liege dazwischen: 8,99 Euro. Die Wertschöpfung reiche nicht, um ausreichend in Werbung und Marketing investieren zu können.

Beispiel Rewe-Getränkemarkt, Sternbergstraße: Hier wurden, sagt Marktleiter Daniel Germandi, früher in der Woche 20 bis 25 Kästen Martini Edelpils verkauft. Heute sind es fünf bis acht. Unangefochtener Marktführer ist Krombacher mit 30 bis 35 Kästen die Woche. Aber auch Billig-Bier laufe gut, und Dosen seien im Kommen. Eine Halbliter-Dose Bier bekommt man schon zwischen 14 und 19 Cent. Da kostet die 20er-Palette 2,80 Euro. (tho)

Von Frank Thonicke

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