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Baupreise explodieren: Neubau für documenta-Institut und zweite Eisfläche auf der Kippe?

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Von: Bastian Ludwig

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Der Neubau der Auefeldschule ist noch im Zeitplan: Andere Projekte, wie etwa die zweite Eisfläche und das documenta-Institut, müssen einer neuen Bewertung unterzogen werden. Illustration: Anderhalten Architekten
Der Neubau der Auefeldschule ist noch im Zeitplan: Andere Projekte, wie etwa die zweite Eisfläche und das documenta-Institut, müssen einer neuen Bewertung unterzogen werden. Illustration: Anderhalten Architekten © Illustration: Anderhalten Architekten

Kassel – Die Baupreise sind explodiert. Was auch vielen privaten Bauherren Kopfzerbrechen bereitet, hat für die Stadt Kassel bereits konkrete Auswirkungen, die die Allgemeinheit spüren wird.

Mehrere Vorhaben, die sich noch in der Planung befänden, stünden nun wieder auf dem Prüfstand, sagt Stadtbaurat Christof Nolda (Grüne). Darunter fällt etwa das geplante documenta-Institut, für dessen Realisierung deutlich mehr Geld nötig wäre. Die Pläne für die zweite Eisfläche hatte die Stadt bereits vergangene Woche ausgesetzt.

Allein seit Frühjahr 2021 sind die Kosten laut Baupreisindex, der auf Daten des Statistischen Bundesamtes basiert, durchschnittlich um 22 Prozent gestiegen. In der Vergangenheit waren jährliche Steigerungen von zwei Prozent üblich. „Wir erleben eine Verzehnfachung des Preisanstiegs. Die Ausschreibungsergebnisse lassen uns erschrecken. In einigen Fällen müssen wir sogar mehrfach ausschreiben, weil die Angebote ausbleiben. Es ist teilweise schwer, Firmen zu finden, die noch Kapazitäten haben“, sagt Axel Jäger, Leiter des Hochbauamtes.

Ursache für die Preissteigerung ist eine Gemengelage an Problemen: Materialmangel, Lieferprobleme, eine hohe Auslastung der Baubranche, der Ukraine-Krieg, die steigenden Energiepreise. „Wir appellieren an einen fairen Umgang der Betriebe mit uns als Auftraggeber“, sagt Nolda. Vielfach seien die Preisanstiege nachvollziehbar, es gebe aber einzelne Fälle, da seien diese zu hinterfragen, weil der reelle Hintergrund nicht erkennbar sei. Die Stadt sei ein verlässlicher Auftraggeber – auch in Krisenzeiten.

Zunächst gehe es darum, die bereits laufenden Bauprojekte nachzufinanzieren. „Wir wollen keine Bauruinen“, so der Stadtbaurat. Wegen der erheblichen Mehrkosten, die auch im Haushalt hinterlegt werden müssten, könne es bei Projekten zu Verzögerungen kommen. Aktuelle Schulbauten wie an der Ernst-Leinius-Schule, der Auefeldschule und der Grundschule Eichwäldchen seien aber im Zeitplan. Geplante Komplettsanierungen von Turnhallen könnten sich aber verzögern. Alle Pläne stünden unter Finanzierungsvorbehalt.

Baupreisindex: Das Baukosteninformationszentrum Deutscher Architektenkammern (BKI) wertet unter anderem die Preisentwicklung bei den Wohngebäuden aus. Die Daten basieren auf Zahlen des Statistischen Bundesamtes. Demnach sind die Baupreise in dem Bereich allein zwischen Februar und Mai 2022 um neun Prozent gestiegen. Im Vergleich zu Mai 2020 liegt der Anstieg sogar bei 30 Prozent. Aktuelles Basisjahr des Index ist 2015. Seitdem beträgt der Anstieg der Preise 47 Prozent. 

Handwerkskammer weist Kritik zurück

Die Stadt Kassel schiebt nach wie vor einen großen Investitionsstau vor sich her, der sich über Jahrzehnte aufgebaut hat. Nicht nur mehrere Schulgebäude müssen dringend erneuert werden. Mit Gründung der GWGpro, die als städtische Tochtergesellschaft gleich mehrere Projekte im Auftrag der Stadt vorantreiben soll, war Bewegung in die Sache gekommen. Doch nun wird die Stadt durch immense Baupreissteigerungen bei ihren Vorhaben ausgebremst.

Die größten Preistreiber sind nach Auskunft der Handwerkskammer Kassel die Materialien. Die Handwerksbetriebe verzeichneten bei stahl- und erdölbasierten Produkten wie Bitumen, Kunststoffrohren, Folien und Dichtbahnen, Asphaltmischgut, aber auch bei Holz sowie Dämmstoffen die größten Preisanstiege, erläutert eine Kammersprecherin.

Mittlerweile belasteten die hohen Energiepreise die Betriebe zusätzlich. Zum einen, weil sich so Materialien, wie beispielsweise Zement, in der Herstellung verteuerten, zum anderen aber auch, weil die betrieblichen Energiekosten stiegen.

Ungeachtet der Preisentwicklung seien die Betriebe der Bau- und Ausbauhandwerke über alle Branchen hinweg nach wie vor gut ausgelastet. Allerdings führten gestörte Lieferketten und fehlende Materialien dazu, dass immer mehr Betriebe Schwierigkeiten hätten, ihre Aufträge abzuschließen.

Material und Fachkräfte fehlen: Alltag auf vielen deutschen Baustellen.
Material und Fachkräfte fehlen: Alltag auf vielen deutschen Baustellen. © dpa

Die Handwerkskammer weist Äußerungen zurück, dass einzelne Betriebe auf der Welle der allgemeinen Baupreissteigerungen versuchten, zusätzlich Kasse zu machen. „Durch die ständig steigenden Preise erhöhen sich auch die Produktionskosten der Betriebe unaufhaltsam“, so die Sprecherin. Deshalb seien Angebote kaum noch seriös, das heißt, auskömmlich zu kalkulieren. Dies liege im Wesentlichen auch daran, dass zwischen Angebot und Ausführung oft Wochen bis Monate vergingen.

Unter dem Strich könnten die Handwerksbetriebe die enormen Preisanstiege nicht alleine tragen. Allerdings würden die wenigsten Firmen die Mehrkosten in vollem Umfang weitergeben können. Das werde die Erträge der Betriebe schmälern und ihre Liquidität schwächen, so die Sprecherin.

Ein ähnliches Problem hat auch die Stadt. Denn zwischen Kalkulationen, Haushaltsbeschlüssen und dem entsprechenden Baustart liegen ebenfalls oft viele Monate. Es sei bei den Kalkulationen zwar jeweils ein allgemeiner Preisanstieg berücksichtigt, aber mit der aktuellen Entwicklung habe man nicht gerechnet, so Axel Jäger, Leiter des Hochbauamtes. In welchem Umfang die Stadt Kassel mit Mehrkosten für ihre Bauprojekte rechnet, kann sie aktuell noch nicht beziffern. Es ist aber zu vermuten, dass sich die 22-prozentige Preissteigerung seit 2021 bei vielen Projekten niederschlagen wird.

Stadtbaurat Christof Nolda (Grüne) verweist in dem Zusammenhang auch auf die gestiegenen Zinsen. Vor dem Hintergrund müsse auch die Aufnahme von Krediten mit Augenmaß geschehen. (Bastian Ludwig)

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