Samstagsinterview

Kasseler Fußballlehrer fliegt als Scout für Bundesligist Frankfurt in die USA

Er hat Matthias Hamann zur Eintracht gelotst: Frankfurts Sportvorstand Fredi Bobic Foto: dpa

Kassel. Er lebt in Kassel, hat aber nun auch direkte Drähte nach Südhessen: Matthias Hamann, ehemaliger Coach des KSV Hessen, arbeitet nun als Scout für Fußball-Bundesligist Eintracht Frankfurt.

Im Interview spricht er über seinen neuen Job und wie er den insolventen Regionalligisten unterstützen möchte.

Herr Hamann, herzlichen Glückwunsch zum neuen Job.

Matthias Hamann: Danke. Ich werde für die Eintracht in den USA und England scouten und da vornehmlich in den Altersstufen U23 und U18. Meine erste Dienstreise beginnt heute. Sie führt mich nach Chicago. Ich werde fünf MLS-Spiele sehen und ab dem 8. Juli noch drei Partien der US-Nationalmannschaft.

Wie wird man Bundesliga-Scout?

Hamann: Der Kontakt zu Fredi Bobic ist nie abgerissen. Dann hat er Kontakt zu Jürgen Klinsmann, beide haben ja eine Stuttgarter Vergangenheit. Nachdem ich mit Jürgen in den USA im November Schluss gemacht habe, hat sich nun die Möglichkeit einer Zusammenarbeit ergeben. Fredi hat gesagt: „Die Märkte in den USA und England sind für uns sehr interessant, lass uns doch da was machen.“

Gesagt, getan. Wie lautet Ihr Auftrag?

Hamann: Den Markt für die Eintracht zu erschließen, Basisarbeit zu leisten. Zu schauen, welche Spieler spielen da, welche Qualität haben sie im Kreuzvergleich mit Spanien, Portugal oder den Benelux-Staaten. Wie ist unter Umständen die Gehalts- oder Transfervorstellung? In den USA kenne ich ja die meisten Spieler aus den letzten Jahren, weil ich die Jugendmannschaften zu Turnieren begleitet habe. Wir werden sicher auch ein Augenmerk auf Spieler legen, die in der US-Liga spielen, aber keine US-Amerikaner sind: Mexikaner oder Südamerikaner zum Beispiel. Dann geht es darum, eine Liste zu erstellen, welche Spieler in welcher Altersgruppe für welche Position für das nächste oder übernächste Transferfenster in Frage kommen.

Haben Sie denn schon Spieler für die Eintracht im Blick?

Hamann: Es gibt drei, vier interessante. Aber man muss bei der MLS sicherlich immer etwas vorsichtiger sein.

Warum?

Hamann: Weil es mehr oder weniger eine geschlossene Gesellschaft ist. Wenn Spieler noch Verträge haben, sind die Ablösesummen sehr hoch, sodass man eher auf Spieler gehen muss, die kurz vor dem Vertragsende stehen oder vertragslos werden. Wichtig ist das frühzeitige Gespräch. Da gibt es drei, vier Kandidaten, aber die werden wir intern besprechen.

Die USA kennen Sie von Ihrer Arbeit als Chefscout des US-Verbandes. Wie unterscheidet sie sich von Ihrer neuen Aufgabe?

Hamann: Vorher war sie limitiert auf US-Spieler. Jetzt scoute ich alle Spieler. In Chicago schaue ich alle 22 Spieler plus die Einwechselspieler an. Denn als Bundesligist muss man sich überlegen: Auf welchen Märkten können wir noch agieren, auf denen noch nicht alle unterwegs sind? Wenn alle nur auf Europa beschränkt sind, ist es eine Frage des Geldes, wenn du gegen die Großen bietest. Daher musst du dir Nischenmärkte suchen und erschließen. Wer hätte vor 20 Jahren gedacht, dass Japan so ein großer Markt wird? Man muss auch mal Vorreiter sein und dann Vorteile daraus ziehen.

Ist der Job bei der Eintracht auch der Grund, weshalb Sie beim KSV Hessen zunächst kein Amt übernehmen?

Hamann: Es wäre natürlich in der Konstellation zwischen Eintracht und dem KSV schwierig zu vermitteln, dass man da in ein offizielles Amt geht. Außerdem würde ich dem Amt nicht gerecht, denn ich bin jetzt erst mal drei Wochen weg. KSV-Vorstand Jens Rose und ich haben uns deshalb geeinigt, dass ich ihm auf allen Ebenen helfen werde. Wir werden das ehrenamtlich machen, in einer beratenden Funktion. Noch steht aber nicht fest, wie die letztlich aussehen wird. Jens muss sich erst einmal den Verein angucken, die Finanzen zusammen mit der Insolvenzverwalterin auf die Beine stellen. Alles Weitere besprechen wir, wenn Land in Sicht ist und wir konzeptionell etwas erarbeiten können.

Was wären mögliche Aufgabenfelder?

Hamann: Möglich wäre schon eine allumfassende Geschichte: dass eine gewisse Spielphilosophie von oben bis unten durchgeht, die Jugendarbeit professionalisiert wird. Dazu braucht man natürlich ein bisschen Geld: Ich denke aber, ohne den langfristigen Weg, hier in Kassel zu 100 Prozent auf die Jugendarbeit zu setzen, wird es schwer für den KSV. Du musst die Talente, die jetzt nach Paderborn, Dortmund, Hannover gehen, beim KSV halten. Dafür brauchst du hochqualifizierte Trainer. Es muss das Ziel sein, eigene U17-, U19-Spieler auszubilden und pro Jahr drei, vier, fünf in die erste Mannschaft rüberzuholen. Ein gut ausgebildeter U19-Spieler muss aus dem Stand Regionalliga spielen können. Darauf muss der KSV setzen. Das muss der Anspruch sein.

Wenn Sie in drei Wochen wiederkommen, was hätten Sie gern für die Eintracht im Gepäck, und was wünschen Sie dem KSV bis dahin?

Hamann: Dem KSV kann man nur wünschen, dass die Geschichte mit der Insolvenz glimpflich ausgeht. Dass ein Neustart gelingt und die ersten Spiele für Aufbruchstimmung sorgen, wenn der Ballast der Insolvenz weg ist und man mit einer erfrischenden Spielweise wie es im letzten Jahr häufig der Fall war, die Zuschauer begeistern kann. Für die Eintracht ist jetzt nicht zu viel zu erwarten. Ich werde 120, 130 Spieler sehen. Wenn da fünf, sechs, sieben ins Auge springen, die man weiter verfolgen kann, wäre das schon ein Erfolg.

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