Für Projekt "medien@schule"

Sie wechselte von der FDP zur SPD: Cornelia Janusch im Schüler-Interview

Kassel. Im Rahmen des Projekts "medien@schule" haben Schüler des Friedrichgymnasiums die Stadtverordnete Cornelia Janusch zu ihrem Lebenslauf, Wechsel in die SPD und deren Ziele interviewt.

Was hat Sie dazu bewegt, sich politisch zu engagieren?

Janusch: "Die Hauptursache ist eine gewisse familiäre “Vorbelastung”. Ich komme aus einer Familie, die sich gerne politisch engagiert hat. Wie zum Beispiel im Ortsbeirat oder im Kirchenvorstand, das heißt, ich habe es in einer gewissen Weise vorgelebt bekommen, dass man sich engagieren kann. Deswegen lag das auch bei mir nahe."

Sind Sie nun glücklicher mit ihrem Wechsel?

Janusch: „Persönlich bin ich gerade sehr zufrieden, denn nach einer langen, sehr unruhigen Zeit, die natürlich auch sehr aufwühlend und anstrengend war, bin ich mittlerweile mit allem sehr zufrieden und blicke positiv in die Zukunft.“

Warum haben Sie gewechselt? Ist das freiwillig geschehen?

Janusch: „Ja, es war eine gemeinsame Entscheidung von meinem Fraktionskollegen Andreas Ernst und mir damals die Fraktion im Rathaus zu verlassen. Man muss immer ein bisschen differenzieren, zwischen dem, was im Rathaus stattfindet, innerhalb der Fraktion und dem, was in dem politischen Gremium Kreisvorstand passiert. Mein Kollege Andreas Ernst und ich waren mit dem, was hier, in der Fraktion im Rathaus, lief, gar nicht mehr zufrieden, angefangen bei der Art der Verhandlungsführung bis hin zur Umsetzung von Beschlüssen. Deswegen haben wir uns dazu entschlossen, diesen sehr drastischen Schritt zu gehen und die Fraktion zu verlassen. Meinem Kollegen und mir wäre ja durchaus daran gelegen gewesen, Parteimitglieder zu bleiben. Uns wurde aber nahegelegt, dies nicht mehr zu sein."

Es gibt ein Gerücht, das besagt, dass Sie entlassen wurden. Was sagen Sie dazu?

Janusch: „Nein, das ist so nicht richtig. Das ist auch ein längerer Prozess. Nachdem mein Kollege Ernst und ich die Fraktion verlassen haben, war die Reaktion des Kreisvorstandes, gegen uns dieses Parteiausschlussverfahren zu beantragen. Das nahm seinen Lauf. Letztlich hat das Landesschiedsgericht nach langer Beratung entschieden. Dort wurden dann mein Kollege Ernst und ich ausgeschlossen. Ich habe dagegen zunächst vor dem Bundesschiedsgericht Widerspruch eingelegt.

Wie bei vielen Gerichten gibt es dort verschiedene Ebenen und vor dem Bundesschiedsgericht ist es dann gar nicht mehr zur Verhandlung gekommen. Nach all der Zeit und all dem, was passiert ist, hatte es keinen Sinn mehr, Parteimitglied zu sein. So habe ich meinen Widerspruch nicht aufrecht gehalten und betrachte mich jetzt auch als parteilos. Auf diese Weise bin ich sozusagen aktiv zurückgetreten. Wie man das von der anderen aus Seite darstellt, ist natürlich eine andere Sache.“

Handelte es sich um einen Streit mit Matthias Nölke?

Janusch: „In der Anfangsphase zeigte sich schnell, dass wir innerhalb der Fraktionsarbeit nicht mehr einen gemeinsamen Nenner haben. Es gab in der Fraktion quasi dann zwei Fraktionen mit unterschiedlichen Meinungen. Wir haben immer versucht einen Konsens herbeizuführen, also irgendwie einen Kompromiss zu finden. Das kennt ihr vielleicht. Als Gruppe hat man zwar ein gemeinsames Ziel, aber manchmal unterschiedliche Vorstellungen, wie es weiter gehen soll. Dann müssen sich alle Beteiligten so lange zusammenraufen, bis ein Weg gefunden wurde, dem alle zustimmen. Das hat in der Fraktion nicht mehr funktioniert.

Mein Kollege Ernst und ich haben auch gesagt: „Okay, sie haben eine andere Meinung, wir schlagen einen Kompromiss vor." Aber unsere Kompromisse sind nicht mehr wahrgenommen worden. Die Positionen waren irgendwann zu unterschiedlich, sodass es nicht funktionierte. Meinem Kollegen und mir war es wichtig, in der Kommunalpolitik zu arbeiten. Das heißt, wir hatten Ziele und Gedanken für Kassel, die wir mit einbringen wollten, die wir auch gerne in die Rathauskoalition, das heißt in die Regierung, miteinbringen wollten. Es war uns wichtig, diese Ziele zu verfolgen. Das hätte mit der Fraktion nicht mehr funktioniert. Also war es letztendlich eine inhaltliche Auseinandersetzung. Ich habe mich vorher immer mit Matthias Nölke gut verstanden, jetzt reden wir ehrlich gesagt nicht mehr miteinander, also außer Guten Tag und Auf Wiedersehen."

Was haben sie jetzt noch für ein Verhältnis zu Andreas Ernst?

Janusch: „Ich habe zu Andreas Ernst ein gutes Verhältnis, wir tauschen uns viel aus, obwohl ich jetzt der SPD Fraktion angehöre und er der einzig verbleibende “Ex Liberale” ist. In der Koalition tauschen wir uns immernoch gut aus und haben einen engen Kontakt, weil mir das auch wichtig ist, wir zusammen diesen Schritt gegangen sind und das wird auch so bleiben."

Da wir nun schon einiges über Sie selbst erfahren haben, möchte ich Sie bitten, uns etwas über die SPD zu erzählen. Im Wahlprogramm von 2016 fielen mir besonders die Oberthemen „Kassel, die Stadt im Aufschwung“, „Kassel, eine Stadt der Bildung“ und „Kassel, eine Stadt der Lebensqualität“ auf. Könnten Sie uns etwas über diese Oberthemen, aber auch konkret über die Ziele der Partei erzählen?

Janusch: „Besonders die Lebensqualität und die Familienfreundlichkeit sind der SPD sehr wichtig. Beispielsweise müssen Kindergartenplätze geschaffen werden, Schulen müssen saniert werden, wie zum Beispiel die Paul-Julius-von-Reuter Schule, wo man schnell handeln muss, aber auch die Digitalisierung der Berufsschulen ist, besonders bei der SPD, in der heutigen Zeit ein großes Thema. Allgemein sollten „Jung“ und „Alt“ eine gewisse Lebensqualität spüren. Außerdem ist es auch wichtig die Sanierung und den Ausbau von Sportstätten voranzutreiben. Das sind erst einmal die Punkte, die mir spontan einfallen."

Welche Ziele sind ihnen besonders wichtig?

Janusch: „Vor allem liegt mir die Kinder- und Jugendpolitik am Herzen. Daher bin ich auch dankbar bei der SPD die Sprecherin zu diesem Themengebiet zu sein. Schon in der FDP hatte ich mich mit der Kinder- und Jugendpolitik beschäftigt. Wir haben bereits ein sogenanntes Jugendparlament auf den Weg gebracht, um politik-begeisterten Kindern und Jugendlichen eine Möglichkeit zu bieten, an die Politik heranzukommen. Auch die Tatsache, dass ich selber Kinder habe, bestärkt mein Engagement in diesem Bereich, da ich möchte, dass diese hier eine gute Lebensqualität ermöglicht bekommen. Auch die Kulturpolitik ist mir wichtig. Deshalb finde ich es auch gut, dass es in Kassel nun eine Kulturdezernentin gibt, die auch darauf achtet, dass nicht nur die Hochkultur, sondern auch die freien, meist jungen Künstler gefördert werden. Abschließend liegt mir auch die Umweltpolitik am Herzen. Denn wenn die Luft sauber und gesund ist, weil darauf geachtet wird, dass man Grün in die Stadt holt oder immer weniger werdende Insekten ansiedelt, dann verbessert sich auch die Lebensqualität in der Stadt. Ich persönlich bevorzuge beispielsweise einen Vorgarten mit viel Grün, vor allem wilden Grün, anstatt einen gepflegten, wenn nicht sogar geschotterten Garten. Dies sind auf jeden Fall Dinge, die mir persönlich wichtig sind."

Was wurde von den Zielen bis jetzt umgesetzt?

Janusch: „Also wenn man den Koalitionsvertrag betrachtet, der sozusagen unser Arbeitspensum darstellt, kann man schon einige Erfolge erkennen. Zu nennen ist zum Beispiel das von mir schon vorher erwähnte Jugendparlament, welches auf den Weg gebracht wurde. Zur Digitalisierung der Berufsschulen sind wir uns zwar schon alle einig, warten allerdings noch auf Bundesmittel. Leider ist es öfters so, dass Pläne zwar schon feststehen, man aber noch Hilfe vom Bund benötigt. Viele kleinere Dinge, wie die Eis- und Sportflächenförderung wurden bereits durchgesetzt, andere Dinge dagegen wie die Senkung der Parkgebühren kommen gerade so ins Rollen. Man muss dabei aber auch immer bedenken, dass die Koalition erst seit knapp einem Jahr besteht. Kleinere Anträge werden also in Zukunft auf ein großes Ziel hinauslaufen."

Was denken Sie, was zurzeit die Probleme der SPD außerhalb von Kassel sind?

Janusch: „Das Hauptproblem ist nicht nur ein SPD Problem, sondern hat auch etwas mit dem Wandel in der ganzen politischen Landschaft zu tun. Es ist hauptsächlich durch das Aufkommen der AFD begründet. Dadurch hat sich viel in der politischen Landschaft verschoben und deswegen mussten sich viele neu positionieren. Die SPD hat im Laufe der Jahre betrachtet ein wenig Klientel verloren. Jetzt geht es wieder darum, sich stärker darauf zu besinnen, was die SPD mal war, mehr Kompetenzen herauszuarbeiten und sich klarer bzw. schärfer zu definieren. Nicht nur die SPD ist zurzeit in einer “Krisenphase”, sondern auch andere Parteien wie die CDU, die Linken und die Grünen. Die FDP hatte letztens eine solch schwierige Phase, jedoch viel drastischer als bei der SPD. Zusammenfassend müssen sich zurzeit viele Parteien neu orientieren und sich auch erneuern."

Da zurzeit Schlechtes über die SPD Vorsitzende Andrea Nahles berichtet wird, wollte ich sie fragen, warum das so ist?

Janusch: „Weil sie es momentan nicht leicht hat. Die SPD ist gerade aus einer schwierigen Situation herausgekommen nach den Wahlen und sie wäre gerne in die Opposition gegangen, weil sie sich dann klarer hätte definieren können. Man übernimmt viel Verantwortung, wenn man gewählt wird. Die Kritik an Frau Nahles ist keine persönliche Kritik, sondern eher eine parteiinterne Kritik. In der SPD gibt es zurzeit zwei Meinungsgruppen. Die einen, die in die Opposition wollten, und die anderen, die die GroKo befürworteten. Die, die in die Opposition wollten, haben daher auch Frau Nahles nicht gewählt, sodass sie bei der Wahl zur Vorsitzenden nur 66% erreichte. Trotz dessen steht die Partei hinter ihr. Sie unterstützt sie in dieser derzeitigen Lage. Ich persönlich finde gut, dass es eine Frau ist, bedingt durch meine Zuneigung zur Frauenpolitik. Ich denke, es ist weniger kritisch und persönlich gegen Frau Nahles zu sehen.“

Denken Sie, dass Andrea Nahles die SPD vor dem ,,Absturz" retten kann?

Janusch: „Ich glaube nicht, dass die SPD ganz abstürzen oder schlechter wird, da die SPD eine alte und wichtige Partei ist und im Moment immer wichtiger wird. Die SPD hat sich den Kampf gegen rechts und Faschismus zu stets eigen gemacht. Auch das sollte Frau Nahles zu einer Beständigkeit verhelfen, denn das ist ein ausgewiesenes SPD Thema."

Was halten sie von #SPDerneuern?

Janusch: Denken Sie, dass es sich durchsetzen kann? „Ich finde, dass solche Programme wichtig sind, funktionieren und einen wichtigen Teil spielen. Man will durch solche Programme jüngere Menschen ansprechen, aber auch Menschen, die eine höhere Computeraffinität haben."

Wissen Sie, welche Konflikte es zwischen der SPD und der CDU gibt?

Janusch: „Es gibt bestimmt einige, aber ich glaube, der Punkt ist, dass sie sich offiziell zusammenraufen müssen. Hauptpunkt ist, dass eine große Koalition, die wir hier haben, nicht das Schönste ist, weil eine solchen Große Koalition die Regierung nicht so gut voranbringt. Das ist das wichtigste, was man bedenken muss."

Durch aktuellere Anlässe ist Antisemitismus in den Medien ein großes Thema und auch in Schulen. Finden Sie, man sollte mehr zu dem Thema im Unterricht behandeln?

Janusch: „Ja, ich finde, das ist ein Aspekt des Themas Umgang mit anderen. Ich finde man bräuchte an Schulen mehr Unterrichtseinheiten, die vermitteln, dass man andere Kulturen, Religionen, Lebenseinstellungen und Orientierungen respektieren muss. Das ist ein Punkt, der aus der Geschichte Deutschlands resultiert, und gleichwertig mit vielen anderen Dingen, die einfach mit einem respektvollen miteinander zu tun haben. Dieser Umgang geht zur heutigen Zeit leider etwas ,,verloren‘‘, vor allem mit dem Umgang der Medien, weil vieles so schnell so groß wird. 

Viele schließen sich schnell einer Gruppe an und profilieren sich. Man grenzt sich mittlerweile so schnell von den anderen ab, weil man eine passende Gruppe dafür findet. Gerade in dem Bereich sollte man in Kenntnis der deutschen Geschichte bedacht und respektvoll sein. Ich möchte aber immer dazu sagen, dass alle anderen Lebenseinstellungen oder religiöse Differenzen mit Respekt behandelt werden müssen. Allgemein finde ich, dass sowas schon früher thematisiert werden sollte."

Meinen Sie mit früher, dass die Themen z.B. schon früher in den Unterricht mit eingebunden werden? Es gab ja durchaus schon judenfeindliche Vorfälle in Grundschulen und man behandelt das Thema ja erst in den höheren Klassen.

Janusch: „Man muss jetzt nicht schon in Grundschulen die deutsche Historie aufarbeiten aber man kann, wie es vereinzelt schon gemacht wird, die verschiedenen Religion aufzeigen und erklären, dass man diese respektieren soll.“

Steckbrief: Cornelia Janusch

Geburtsjahr: 1973 Geboren in: Bad Hersfeld Wohnort: Kassel (Stadt) Familienstand: verheiratet Erlernter Beruf: Diplom-Biologin und Patentreferentin Ausgeübter Beruf: Freiberuflich selbstständige Tätigkeit Politische Ämter und Funktionen: ehemalige als. FDP Mitglied: Stellvertretende Kreisvorsitzende, Stadtverordnete der FDP, Vorsitzende des Landesverbandes der liberalen Frauen Hessen, Mitglied im Landesfachausschuss Wissenschaft, Kunst und Kultur, Europabeauftragte im Bezirksverband. In der SPD ist sie momentan Fraktionsmitglied, da sie parteilos ist. Cornelia Janusch interessiert sich sehr für Kinder- und Jugendpolitik, sowie für die Umwelt und auch für die Frauenpolitik. Das zeigt sich darin, dass sie die Kinder- und Jugendsprecherin der SPD ist.

Von Sepher Akhundzada, Linda Sulco, Sophia Grüning, Moritz Lesser, Yama Haidari, Radif Sinnathamby (Schüler der Klasse 8a des Friedrichsgymnasiums) für das Projekt "medien@schule"

Rubriklistenbild: © Radif Sinnathamby

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