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Verlorene Kinder: Was macht den IS für Jugendliche attraktiv?

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Joachim Gerhard aus Kassel sucht seit Jahren seine Söhne in Syrien.

Kassel. Wie schnell Kinder und Jugendliche in den Bann des IS gezogen werden können, hat Joachim Gerhard am eigenen Leib erfahren müssen.

In einem Interview haben wir, die Klasse 9e der Albert-Schweitzer-Schule Kassel, viel darüber erfahren, was ein Vater denkt, fühlt und tut, wenn seine Söhne sich freiwillig dem Islamischen Staat anschließen. Als Unbeteiligter legt man sich die Welt ganz einfach zurecht. Man geht davon aus, dass die Jugendlichen gehen, weil sie keine Perspektive sehen, sich mit ihren Eltern nicht (mehr) verstehen und dies ihr angeblich letzter Ausweg ist.

Aber weit gefehlt. Joachim Gerhards Söhne, Manuel und Fabian, hatten jeweils schon eine Perspektive für ihre Zukunft. Der ältere Sohn Fabian besuchte eine Schauspielschule in Berlin, der Jüngere folgte ihm und wollte sich zum Fotografen ausbilden lassen. 

Durch einen alten Schulfreund entdeckten seine Söhne den Islam für sich und konvertierten. Joachim Gerhard besuchte sogar mehrmals mit ihnen die Moschee und konnte so seine vorherigen Bedenken wieder beruhigen. 

Die damals 19 und 23 Jahre alten Jungen liehen sich 2014 für einen vermeintlichen Ausflug nach Österreich das Auto ihres Vaters. Sechs Wochen später kam die erste Meldung von den beiden - aus Syrien. Seit dieser Zeit reiste Gerhard häufig an die türkisch-syrische Grenze, zahlte viel Geld an Menschen, die seine Söhne über die Grenze schleusen sollten - vergeblich. 

Auch ein Lossagungsvideo bekam Gerhard zugeschickt, darauf beide Söhne, einer von ihnen mit einem Gewehr. Sie behaupteten, dass ihr Vater gegen den Islam und somit gegen sie selbst arbeiten würde, aber in unserem Interview haben wir gemerkt, dass Joachim Gerhard alles für seine Söhne und deren Glauben getan hat. Er hat sich mit dem Islam auseinandergesetzt und versuchte zu verstehen, warum seine Söhne zum Islam konvertierten. Er bezeichnete den Islam sogar als tolle Religion. Somit können wir sagen, dass die Botschaft des Videos keinesfalls gerechtfertigt ist. 

Gerhard bezeichnet seine Söhne als sehr hilfsbereit und gutmütig. Sie wollten stets helfen und versuchten alles, um den Kindern in Syrien ein besseres Leben bieten zu können. Das erklärt, wieso man im Kofferraum des an der türkischen Grenze festgehaltenen Fahrzeugs viele Kinderbücher, Kinderklamotten, Spielsachen und circa 60.000 Euro in Bar finden konnte. 

Für Joachim Gerhard ist klar, seinen Söhnen wurde anscheinend vorgegaukelt, dass sie den in Syrien lebenden Familien und Kindern helfen können. Gerhard erwähnte, dass seine Söhne unterschwellig beeinflusst wurden. Es waren Freunde, die sie zum Kaffee einluden oder sie um Hilfe baten, wenn die Autoreifen gewechselt werden mussten. Man traf sich ganz ungezwungen und dabei vermittelten ihnen die „Freunde“ ein trauriges Bild von Syrien und der Bevölkerung, die dringend Hilfe benötigte. Dies geschah mit Propagandafilmen, in denen eine einseitige Sicht auf Syrien gewährt wurde. 

Ein Bild aus 2014: Joachim Gerhard mit seinen Söhnen Fabian (l.) und Manuel.

Enttäuschend für Joachim Gerhard war, dass Manuels damalige Freundin von dem Vorhaben der beiden Jungs wusste. Sie wollte sogar mit nach Syrien reisen, doch tauchte am Tag der Abreise nicht am geplanten Treffpunkt auf. 

Inzwischen haben Joachim Gerhard und die restliche Familie keinen Kontakt mehr zur ehemaligen Freundin. Sie wäre eine der wenigen, wenn nicht die Einzige gewesen, die es hätte verhindern können, so Gerhard. 

Aber was hat die Söhne dazu angeregt, die materialistische Seite des Lebens, die durch den beruflichen Erfolg von Joachim Gerhard gegeben war, zu verlassen und sich dem IS in Syrien anzuschließen? Selbst das Klischee des armen, ungebildeten IS-Kämpfers ist überholt. Der Vater selbst denkt nicht, dass nur „dumme“ Kinder nach Syrien reisen würden. Seine Söhne sind beide sehr gebildet und widersprechen, wie viele andere auch, der gängigen Annahme.

Bei der Suche nach den beiden Jungs werden Joachim Gerhard immer wieder Steine in den Weg gelegt. Selbst hier in Deutschland bekommt er nicht die Unterstützung, die er braucht und verdient. Bei den deutschen Behörden stößt er auf Ablehnung, wenn es um seine Söhne und die langersehnte Rettung geht. Den deutschen Behörden ginge es nicht um das Wohl des Einzelnen, es besteht einfach kein Interesse, dass sie jugendliche Ausreißer nach Deutschland zurückholen. Auf der Suche nach seinen Söhnen waren einige Behörden so dreist und behaupteten, dass seine Jungen schon tot wären. Er sowie seine Ex-Frau sind sich sicher, dass dies nicht so ist.

Auf die Frage, ob man denn einen IS-Kämpfer wieder zurückholen sollte, antwortete der Vater, dass jeder Mensch eine zweite Chance verdiene. (Als ehemaliger IS-Kämpfer ist es aber schwer, wieder einen Anschluss in der Gesellschaft zu finden, da man viele Jahre einsam und abgeschottet lebte. Außerdem sei die Jobsuche und das erneute Integrieren in die Gesellschaft der schwierigste Teil, da bei der Gesellschaft immer noch der Gedanke des aggressiven, gewaltbereiten und gefährlichen IS-Kämpfers besteht, obwohl dies meist nicht zutreffe.) Das einzige, was der IS seinen Söhnen geben konnte und er selbst nicht, sind leere Versprechungen und unerfüllte Hoffnungen.

Durch die Abreise seiner Söhne sind sich Joachim Gerhard und seine Ex-Frau wieder näher gekommen. Diese möchte sich aber aus Angst nicht in der Öffentlichkeit zeigen. Joachim Gerhard ist in dieser Hinsicht eher gelassen, da er trotz einer Morddrohung seine Suche nie aufgegeben hat.

Wir als Schüler sind sehr dankbar, dass Joachim Gerhard so ehrlich zu uns war und diese Informationen mit uns geteilt hat. Unsere Vorurteile, die wir vor diesem Interview unter anderem durch fragliche Videos und halb erzählte Geschichten gesammelt hatten, stellten sich als unbegründet und falsch heraus. Durch dieses Interview wurde viel neues offengelegt. Durch Joachim Gerhard haben wir gelernt, dass sich nicht nur „dumme“ Menschen dem IS anschließen. Auch gebildete Menschen verfallen dem IS, weil sie eine andere Intention als Krieg verfolgen. Sie wollen helfen oder eine neue Regierung aufbauen. Ohne das Interview hätten wir all dies nie so verstanden.

Besonders der Eindruck, den wir durch dieses persönliche Gespräch mit Joachim Gerhard bekommen haben, ist einmalig. Der persönliche Eindruck hat uns noch mehr zum Nachdenken gebracht und uns gezeigt, dass es jeden treffen kann, egal wie gebildet und integriert diese Person ist. Durch das Projekt mit der HNA haben wir mehr über den IS gelernt und durften Erfahrungen sammeln. Auch unsere Einstellung diesem Thema gegenüber hat sich verändert. Dafür sind wir sehr dankbar.

Von Elâ Ahmadian, Olga Calaras, Maurice Horst, Daniel Knüppel, Ben Kuhlemann, Finn-Ole Lange, Iqra Mudasar, Anna-Lena Reichhardt (Schüler der Klasse 9e der Albert-Schweitzer-Schule) für das Projekt "medien@schule"

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