Apothekerverband schlägt Alarm

Medikamenten-Engpass: Arznei kommt aus Billigländern

Kassel. Als Grund für die verschärften Lieferprobleme bei immer mehr Arzneimitteln vermutet der Hessische Apothekerverband die zahlreichen Rabattverträge zwischen Herstellern und Krankenkassen:

Im Oktober vergangenen Jahres habe die Zahl der Rabattverträge bei rund 17 500 gelegen. Und diese würden alle zwei Jahre neu verhandelt.

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Dies führe dazu, dass sich die Preisspirale immer weiter nach unten drehe. So werde immer mehr in Billiglohnländern wie Indien und China produziert. Gebe es hier Zwischenfälle in der Produktion beispielsweise durch technische Probleme oder Verunreinigungen, seien gleich mehrere Hersteller und die ganze Palette betroffen, erläutert die Sprecherin des Hessischen Apothekerverbandes, Kirsten Müller-Kuhl. So könnten Arzneimittel nicht mehr hergestellt werden.

Zu Verzögerungen in der Produktion komme es auch durch lange Lieferwege. Zudem gebe es Hersteller, die sich wegen sinkender Erlöse vom deutschen Markt zurückziehen und eher andere Märkte bedienen, wo höhere Verkaufspreise erzielt werden könnten. Auffällig sei, dass oftmals Rabattverträge mit Herstellern geschlossen würden, die schon nach kurzer Zeit nicht liefern könnten, hat auch der Kasseler Apotheker Alexander Schmidt-Hellwig beobachtet.

Doch die Krankenkassen verhängten in der Regel keine Vertragsstrafen, kritisiert der Apothekerverband. Dieser fordert deshalb, dass sich das Gesundheitsministerium einschaltet und gegensteuert. „Es geht ja nicht um exotische Arzneimittel, sondern solche, die tagtäglich benötigt werden“, betont die Sprecherin.

„Diese untragbaren Zustände nehmen immer dramatischere Ausmaße an. Jetzt ist es schon so weit, dass wir ein Kortison-Präparat zur Injektion, das im Notfallsortiment jeder Apotheke sein muss, nicht mehr bekommen“, kritisiert der stellvertretende Vorsitzende des Verbands, Hans Rudolf Diefenbach. Auch könne man Patienten wegen wechselnder Rabattverträge und Lieferengpässen oftmals überhaupt nicht mehr auf ein Medikament einstellen, sagt Schmidt-Hellwig.

In seiner Apotheke, die einen der größten Lagerbestände in Kassel aufweist, fehlen derzeit 114 Medikamente, darunter solche zur Behandlung von Schilddrüsenerkrankungen oder Osteoporose. Wenn Patienten häufig Arzneimittel gegen andere mit gleichem Wirkstoff wechseln müssten, gehe das Vertrauen in die Medikamente verloren, sagt Schmidt-Hellwig: „Das ist ein wichtiger Aspekt, der völlig außer Acht gelassen wird.“ (hei)

Rubriklistenbild: © dpa

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