„Das Glück, wonach jeder sucht“

Meditation: 1800 Buddhisten in den Messehallen

Man verschenkt das Gute 111 111 Mal: Lisa Weber wirft Reis und Edelsteine auf eine Mandala-Scheibe, die anschließend wieder in das Tuch rieseln. Das ist eine der vier Grundübungen im Diamantweg-Buddhismus. Fotos:  Malmus

Kassel. Insgesamt 1800 Buddhisten, die sich für den Weg des Buddhismus entschieden haben, treffen sich über das Osterwochenende in den Kasseler Messehallen. Der sechstägige Meditationskurs läuft noch bis Ostermontag.

Sie hat es bald geschafft. 5000 Wiederholungen fehlen noch, um die erforderlichen 111.111 zu erlangen. Lisa Weber greift in ein Tuch in ihrem Schoß nach Reis, der mit Edelsteinen angereichert ist. Beides wirft sie auf eine Mandala-Scheibe. Steine und der Reis rieseln in das Tuch zurück. „Man baut alles Gute auf und verschenkt es immer wieder“, erklärt die 28-jährige Lehrerin aus Karlsruhe. Sie absolviert eine der vier Grundübungen, die am Anfang des stufenweisen Weges im Diamantweg-Buddhismus stehen. Die Praxis der Grundübungen ist die Basis für die weiterführende Meditationen und soll den Weg zu Befreiung und Erleuchtung ebnen.

In einer 3000 Quadratmeter großen Halle, die durch die vielen Decken wie ein bunter Flickenteppich wirkt, meditieren Menschen aller Altersklassen. Stoyan Petkov (25) aus Bulgarien schwitzt bei der ersten Grundübung auf einem Brett: 111 111 Mal muss man seinen Körper quasi dabei verbeugen. „Man öffnet Körper, Rede und Geist“, erklärt Holm Ay, Pressesprecher des buddhistischen Dachverbands Diamantweg. Manchmal dauert das Jahre.

Erstmals findet die Tagung, die unter Federführung des Buddhistischen Zentrums Kassel organisiert worden ist, in den Messehallen statt. Die 21-jährige Studentin Selina Ehrenfeld, die im Alter von 14 den Buddhismus für sich entdeckt hat, ist von der Örtlichkeit begeistert. „Es ist toll, alles unter einem Dach zu haben. Es regnet nicht, es ist nicht kalt.“ Wie viele andere Teilnehmer auch hat sie in den Messehallen ein Zelt zum Übernachten aufgebaut. „Das ist lustig und funktioniert gut“, sagt Selina, die in der Nähe von Ulm lebt. „Buddhismus ist der Weg, der einem Glück bringt. Letztendliches Glück, wonach jeder sucht“, erklärt sie.

Holm Ay

Viele Teilnehmer des Kurse sind noch auf der Suche nach der Erleuchtung. Entspannung, Gelassenheit und Freundlichkeit strahlt das Gros der Menschen in den Messehallen aber bereits jetzt aus. Unaufgeregt und plaudernd stehen die Frauen, Männer und Kinder in den langen Schlangen und warten auf das Mittagessen. Von Gemecker und Drängelei ist hier nicht zu sehen und hören. Dafür sind aber an einigen Ecken Ostereier zu sehen. „Viele Buddhisten, die Kinder haben, feiern auch Weihnachten“, sagt Carola Berger, Sprecherin der Veranstaltung. „Es gibt nichts, was wir ausschließen.“

Holm Ay macht den Unterschied zwischen Buddhismus und anderen Religionen deutlich. „Wir sind eine Erfahrungsreligion, keine Glaubensreligion.“ Das Meditieren sei auch nichts Ehrfürchtiges oder Sakrales, sondern die Arbeit mit dem eigenen Geist. Im Buddhismus gehe es nicht um einen richtenden Gott oder eine einengende Moral, sondern die Selbstverantwortung der Menschen für ihr eigenes Leben stehe im Mittelpunkt.

Bilder des Treffens

Kassel: Buddhismus-Treffen in den Messehallen

Lama Ole: Freier Fall ist wunderschön

Die Menschen scharten sich in den Kasseler Messehallen um den Buddhismus-Lehrer Ole Nydahl (72), auch bekannt als Lama Ole Nydahl, fast so, als ob er ein Popstar wäre. Viele wollten sich mit ihm fotografieren lassen. Die Atmosphäre in Kassel sei flott, „es könnte nicht besser sein“, sagt er über den Veranstaltungsort.

Da der Buddhismus ständig neue Anhänger finde, benötige man große Flächen für Meditationskurse. Den Erfolg der Religion führt Ole Nydahl, der seit über 40 Jahren als Lama herumreist, auf den „Kameraden Computer“ zurück. Durch das Internet bekämen die Menschen Zugang zum Wissen wie nie zuvor, sagt der gebürtige Däne. Und Menschen, die klug seien, fänden den Weg zum Buddhismus. Die buddhistische Zuflucht, die Zeremonie, durch die man formell Buddhist wird, habe er bereits mehr als 250 000 Menschen gegeben.

Ole Nydahl war bereits früher öfter in Kassel - auf dem Flughafen in Kassel-Calden: Dort habe er seine ersten 90 Fallschirmsprünge gemacht, erzählt der 72-Jährige, der auch gern Motorrad fährt. Sind Buddhisten besonders mutig? „Ich bin nicht mutig, ich bin genusssüchtig“, sagt er. „Der freie Fall ist wunderschön.

Von Ulrike Pflüger-Scherb

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