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Angst vor Reaktorunfall: Experten raten von Bevorratung mit Jodtabletten ab

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Von: Kathrin Meyer

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Nachfrage nach Jodtabletten gestiegen: Mediziner warnen vor einer präventiven Einnahme von niedrig dosierten Jodtabletten.
Nachfrage nach Jodtabletten gestiegen: Mediziner warnen vor einer präventiven Einnahme von niedrig dosierten Jodtabletten. © Jan Woitas/dpa

Immer mehr Menschen decken sich aus Angst vor einem möglichen Reaktorunfall mit Jodtabletten ein. Experten erklären, warum das wenig Sinn macht.

Kassel – „Etwas hat sich die Nachfrage zuletzt wieder gelegt“, sagt Apotheker Frank Höhr von der Germania-Apotheke in Rothenditmold. Teilweise habe es aber mehr als zehn Anrufe pro Tag von Menschen gegeben, die sich bei ihm nach Jodtabletten erkundigt hätten. Sie hätten Angst, dass es aufgrund des Kriegsgeschehens in der Ukraine zu einem Reaktorunfall wie 1986 in Tschernobyl kommen könnte.

Mittlerweile hat Höhr so gut wie keine Jodtabletten mehr vorrätig. Und die wenigen gibt er nur noch an Menschen aus, die aus medizinischen Gründen darauf angewiesen sind und ein Rezept haben. „Das Ergebnis dieser Panikmache ist, dass Patienten, die die Jodtabletten dringend brauchen, jetzt von Apotheke zu Apotheke laufen müssen“, sagt Höhr.

Von Panikmache spricht Höhr, weil im Falle eines Atomunfalls, also dem Austritt radioaktiver Strahlung austritt, der Katastrophenschutz eine entsprechende Anzahl an Tabletten für die Bevölkerung eingelagert habe. Da gebe es spezielle Präparate, die ein bis zwei Mal eingenommen werden müssten, um zu verhindern, dass radioaktives Jod in den Körper gelange. Allerdings sei da vor allem der Zeitpunkt entscheidend, der werde von der Behörde vorgegeben. Radioaktives Jod kann zur Schädigung der Schilddrüse oder zu einer späteren Krebserkrankung führen.

„Wer aber jetzt ohne Grund vorsorglich Jodtabletten einnimmt, der könne damit seinen Körper schädigen“, sagt Höhr. Durch die hohe Dosierung, die wie eine Blockade wirke, werde die Funktion der Schilddrüse und der Hormonhaushalt durcheinandergebracht. Generell werde bei Personen über 45 Jahren ohnehin von einer Einnahme abgeraten. Auf der Internetseite des Bundesministeriums für Umwelt, Naturschutz, nukleare Sicherheit und Verbraucherschutz ist zu lesen, dass aufgrund der Entfernung zur Ukraine ohnehin nicht damit zu rechnen sei, dass eine Einnahme von Jodtabletten erforderlich werden könnte. Es sei eben die Angst, die noch immer in vielen Köpfen vorhanden sei, vermutet Höhr. Bei Ebay würden jetzt Präparate mit viel zu niedriger Dosierung zu horrenden Preisen angeboten. „Das ist nicht sinnvoll“, sagt Höhr. Normalerweise liege der Preis für 20 Jodtabletten unter 20 Euro.

Ähnliche Erfahrungen hat auch sein Kollege Dennis Witt, Apotheker der Palmen-Apotheke in Oberzwehren, gemacht. Auch dorthin kommen regelmäßig Kunden, die nach Jodtabletten fragen. Auch Witt hat kaum mehr welche vorrätig. Für den Notfall habe er sich aber die Rohsubstanz Kaliumjodid eingelagert. Damit könne er für seinen Kundenstamm eine kleine Menge an Jodtabletten produzieren. Die sogenannte „Jodblockade“ der Schilddrüse sollte aber aus seiner Sicht nur auf Anweisung der Behörden vorgenommen werden. Auch er weist noch mal daraufhin, dass im Falle eines Atomunfalls es einige Zeit brauche, bis die Stoffe, wenn überhaupt in Deutschland ankommen.

Jodtablettenvorrat beim Katastrophenschutz

Das Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz, nukleare Sicherheit und Verbraucherschutz und das Bundesamt für Strahlenschutz als zuständige Behörden für die Überwachung der Umweltradioaktivität beobachten die Situation in der Ukraine aufmerksam, heißt es auf der Homepage. In Deutschland seien 189,5 Millionen Kaliumiodidtabletten (Jodtabletten) bevorratet, die bei einem Ereignis, bei dem ein Eintrag von radioaktivem Jod in die Luft zu erwarten ist, in den möglicherweise betroffenen Gebieten verteilt würden. Bis zu einer Entfernung von 100 Kilometer im Umkreis eines Kernkraftwerkes ist die Verteilung von Jodtabletten an Personen bis 45 Jahren, darüber hinaus für das gesamte Bundesgebiet an Schwangere und Kinder/Jugendliche vorbereitet. Aufgrund der Entfernung zur Ukraine sei aber nicht damit zu rechnen, dass eine Einnahme von Jodtabletten erforderlich werden könnte. 

Mediziner über die Gefahr bei Einnahme von Jodtabletten

Aus Angst vor einem Nuklearunfall versuchen gerade viele Menschen, sich mit Jodtabletten zu bevorraten. Über die Gefahren bei der Einnahme haben wir mit Prof. Dr. Martin Konermann, Chefarzt der Klinik für Allgemeine Innere Medizin am Marienkrankenhaus, gesprochen.

Welche Gefahren birgt die Einnahme von Jodtabletten?

Die Einnahme von Jod ist nicht unproblematisch. Eine schleichende Überfunktion der Schilddrüse kann durch die Einnahme von Jod aktiviert werden. Ähnlich ist es beispielsweise bei Untersuchungen mit jodhaltigem Kontrastmittel. Auch dort kontrolliert man zuvor die Schilddrüsenwerte, um eine bestehende Überfunktion nicht zu verschlechtern.

Was genau soll die Einnahme von Jodtabletten bewirken?

Im Falle eines Reaktorunfalls besteht die Gefahr, dass radioaktives Jod vom Körper aufgenommen und in der Schilddrüse gespeichert wird. Um das zu verhindern, kann man die Schilddrüse künstlich zuvor mit Jod in hoher Konzentration sättigen. Man spricht vom sogenannten Plummern. Diese Sättigung ist aber nur für eine zeitlich sehr begrenzte Dauer möglich.

Wie wahrscheinlich ist für Sie ein solches Szenario?

Ich sehe aktuell keinen Grund, die Apotheken leer zu kaufen. Aus meiner Sicht ist das ganze bisher reine Spekulation, da könnte man auch viele andere Szenarien aufmachen. Zudem rate ich aus ärztlicher Sicht vom Kauf von Jodtabletten ab, da die Einnahme im Ernstfall nur zu einem ganz bestimmten Zeitpunkt Sinn macht.

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